«Wir waren hier!»

Auf dem Schnebelhorn erzählt das Gipfelbuch von den Strapazen des Aufstiegs und vom Glück des Ankommens.

Blick vom Schnebelhorn in Richtung Norden.

Endlich oben. Höher geht nicht im Kanton Zürich. Mein Bruder und ich lassen unsere Fäuste aufeinanderprallen. «Gratuliere, bisch e Sibesiech», sage ich zu meinem treuen Wandergefährten halb im Witz und doch gerührt, dass wir zwei gemeinsam einen weiteren Gipfel geschafft haben. Das Ankommen fühlt sich gut an. Der Puls beruhigt sich und auch die flüchtigen Gedanken, die irgendwo zwischen schmerzendem Knie, Hunger und unerledigten Dingen hin und her rasten, kommen zur Ruhe. Als ob ich gerade erwacht wäre, finde ich mich staunend auf dem Schnebelhorn wieder. Der Blick geht in die Ferne, vorbei an Hügeln und Seen zu hohen Gipfeln, wo der Schnee immer liegen bleibt.

Schon bald meldet sich der Hunger wieder und wir essen neben dem Gipfelkreuz unseren Znüni. An seinem Balken ist ein sorgfältig gearbeitetes Holzkästchen festgemacht, in dem sich ein Gipfelbuch befindet. Voller Gwunder blättern wird darin.

Ich kann die Stille der Berge hören,
kann fühlen wie sie zu mir spricht,
wie sie mich umhüllt,

ohne mich zu beengen, wie sie Geborgenheit schenkt,
ohne zu langweilen. Die Berge bedeuten Frieden, 
wie ein tief verborgener Zauber, ein kaum hörbares,
unendliches Lied der Hoffnung,
des Glücks und der Liebe.

Die Einträge erzählen von geselligen Büro-Wanderungen, von Sonnenauf- und -untergängen, von wehmütigen Erinnerungen und schmerzhaftem Vermissen einer lieben Person. Einige Einträge lesen sich wie Gebete, andere sind es. Die meisten beschränken sich jedoch auf das Datum der Ankunft, die Namen der Wandernden und deren Herkunft. Gerade so, wie die Gipfelpioniere im 18. Jahrhundert sie verfassten. Zu ihrer Sicherheit notierten sie Anhaltspunkte zu ihrer Route in Hütten- und Gipfelbüchern, damit sie im Unglücksfall besser gesucht werden konnten.

Seit dem Beginn des Alpinismus im 18. Jahrhundert gibt es menschliche Zeugnisse auf den Berggipfeln. Neben den Gipfelbüchern finden sich dort Steinmandli, Fahnen oder Gipfelkreuze. Aber auch Tourenberichte und Karten erzählen von der Präsenz des Menschen im Gebirge. Doch Gipfelbücher sind nicht nur sachliche Informationsträger. Sie haben eine besondere Ausstrahlung, weil sie voll sind mit Selbstzeugnissen von Menschen, die nach einer mehr oder weniger grossen Anstrengung ihr Ziel erreicht haben. Der Anthropologe und Bergsteiger Wolfgang Kunz verortet die Einträge in seiner Dissertation zu den Gipfelbüchern zwischen Selbstvergewisserung, wirklich an diesem besonderen Ort zu sein, und Beweis für alle Kommenden, die das Gipfelbuch lesen werden. Einträge wie «Wir waren hier!» bringen dies auf den Punkt.

Die Schreibenden erzählen von der Schönheit der Natur. Von Tieren, Pflanzen und Landschaften, die sie als etwas Kostbares wahrnehmen. Auf dem Gipfel, auf dem sie alles überschauen, nehmen sie sich als ein Teil dieser Natur wahr oder fühlen sich mit ihr im Einklang. Diese Erfahrung, die Hartmut Rosa als Resonanz beschreibt, macht Menschen glücklich und dankbar. Nicht selten adressieren sie ihren Dank an eine transzendente Grösse: Das Universum, die Mutter Erde oder den Herrgott im Himmel.

Danke, liebe Natur.
So wunderschön die Wiesen, Wälder, Vögel, Alpvieh
mit den schönen Glockentönen.
Danke, Mutter Erde, dass du uns immer
so reich beschenkt hast.

… und vielen Dank, lieber Gott,
dass du das alles erschaffen hast!
(Ergänzung von jemand anderem)

Wandern gilt heute als Volkssport. 65 000 Kilometer Wanderwege durchziehen die Schweiz. Auch Bergsteigen wurde in den vergangenen Jahren immer populärer. Davon zeugen nicht zuletzt die rekordhohen Zahlen bei den Bergrettungseinsätzen. Der 1863 gegründete Schweizer Alpen-Club gehört mit rund 180 000 Mitgliedern zu den grössten Sportverbänden des Landes. Was heute tausende Menschen freiwillig in ihrer Freizeit unternehmen, wäre den Menschen vor 300 Jahren nicht in den Sinn gekommen. Ausser den Bergbauern, die existentiell auf die Alpweiden angewiesen waren, blieben die Menschen in den Tälern. Denn Berge galten ihnen als von Geistern und Göttern bewohnte Orte, wo Unerklärliches geschah, wie viele Alpensagen erzählen. Doch der Blick des Menschen auf die Welt und auf sich selbst verändert sich seit der Renaissance. Das Individuum und seine Taten rücken ins Zentrum des Interesses. Seit damals ziehen Menschen aus, erkunden und vermessen die Welt, Unerklärliches wird erklärbar. Die Industrialisierung und eine erhöhte Mobilität trugen dazu bei, dass Bergpioniere die Gipfel rund um die Welt zu besteigen begannen.

Das Schnebelhorn mit seinen 1292 Metern über Meer ist kein hochalpiner Gipfel, aber es bedarf doch einiger Anstrengung, um auf diesen Berg hinaufzusteigen, wie nicht wenige Einträge im Gipfelbuch bezeugen. In einem Eintrag erwähnt die Verfasserin gar Höhenangst, die sie überwinden musste, um ans Ziel zu gelangen. Anstrengung und Überwindung von Hindernissen machen die Wanderung zu einem Erlebnis und sind vielleicht die Vorbedingung für die Ruhe, die viele bei der Ankunft auf dem Gipfel empfinden. Nach den Arbeitstagen auf dem Bürostuhl spüren viele erst beim Schwitzen und Schnaufen am Berg ihren Körper wieder und mit ihm ihre Lebendigkeit. 

Wir sind 23 Leute und haben es trotz Höhenangst
geschafft. (…) Wir mussten auf dem Hinweg
mehrmals sterben,

aber ihr könnt doch nichts von uns erben.
Wir kommen wieder heil runter,
dann sind wir wieder purlimunter.

«Wenn du denkst, du bist am Ende, hast du erst 40 Prozent des Potenzials deines Körpers ausgeschöpft. Das sind nur die Grenzen, die wir uns selbst setzen», zitierte mein Bruder jeweils einen populären Fitness-Coach, während wir uns vor einem Jahr auf einen 100-Kilometer-Marsch vorbereiteten. Wir lachten über die Sprüche des ehemaligen amerikanischen Elite-Soldaten, aber insgeheim hofften wir mit Blick auf die Sportuhr am Handgelenk, dass er recht hat und unsere Kraft noch reicht, um die Strecke in der vorgegebenen Zeit von 24 Stunden zu absolvieren.

Die Leistungsorientierung dieser Märsche mit Zeitmessung und Rangliste stehen im Kontrast zu den Volksmärschen, die in der Schweiz während rund 50 Jahre veranstaltet wurden. Dabei ging es um Geselligkeit und Bewegung im Freien. Viele Familien mit Kindern waren dabei. Eine schöne Medaille gab es auch, aber sie war lediglich ein Andenken und musste von den Teilnehmenden gekauft werden. Volksläufe gibt es nur noch wenige, dafür verzeichnen seit der
Corona-Pandemie viele kompetitive Lauf- und Wanderveranstaltungen Teilnehmerrekorde. Und wer nicht an einem organisierten Wettbewerb dabei ist, setzt sich selbst hohe Ziele, wie dieser Eintrag zeigt.

Wir (1× Zwei- und 1× Vierbeiner)
haben wieder einen Gipfel geschafft auf unserer Tour,
jeden höchsten Punkt der 26 Kantone zu besteigen
Das ist Gipfel Nummer 6 von 25. Juhui!!!

Selten sind die Einträge zu Landschafts- oder Naturschutz. Dabei könnten sich Wanderer und Bergsteigerinnen diese Fragen besonders stellen. «Wenn Perlen der Natur zu Müllhalden verkommen», titelte der Blick kürzlich einen Artikel über das massive Abfallproblem am Mount Everest. Aber auch in der Schweiz gibt es ähnliche Probleme. Die beliebte Mont-Blanc-Tour führt in rund 170 Kilometern durch drei Länder um den höchsten Berg Europas. Rund 80 000 Menschen begeben sich jeden Sommer auf diese Tour. Gerade werden politische Stimmen laut, den Zugang auf dieser Strecke zu regulieren – zu Gunsten der Natur.

Wir erben das Land nicht von unseren Eltern,
sondern wir leihen es von unseren Kindern …
… aber die Schneeflocke in der Lawine
fühlt sich auch nicht verantwortlich für den Schaden,
der durch die Lawine angerichtet wird.

Der Wind pfeift uns um die Ohren und wir beschliessen den Abstieg, ohne dass wir etwas ins Buch geschrieben haben. Bevor ich das Gipfelbuch jedoch ins Holzkästchen zurücklege, fotografiere ich die erste Seite mit dem Namen der Person, die das Buch auf dem Gipfel deponiert hat. Wer ist das? Und was macht die Person mit den vollgeschriebenen Büchern?

Mein Bruder und ich wandern weiter nach Wald. Jetzt reicht der Atem wieder für unsere Gespräche, die uns nie ausgehen. Selbst wenn wir uns nicht einig sind, kommen wir beim Wandern doch immer zusammen weiter.

Übrigens: Walter Denzler kümmert sich um die Gipfelbücher auf dem Schnebelhorn. Der 88-Jährige ist ein passionierter Berggänger. Vor fünf Jahren hat der Antik-Schreiner in Eigenregie das kaputte Holzkästchen auf dem Schnebelhorn ersetzt und ein Gipfelbuch hineingelegt. Zweimal im Jahr wechselt er sie aus und archiviert sie bei sich zu Hause. Walter Denzler würde sein selbstgewähltes Amt gerne abgeben. Vielleicht treten Sie in seine Fussstapfen?