Ruedi Widmer
Das Web hat der Geduld den Rest gegeben. Jede Auskunft wird rund um die Uhr erwartet. – Schlaflose Nächte sind dazu da, Ferienreisen vom Bett aus zu organisieren. – Warenhäuser sind permanent geöffnet.
Lachhaft, dass mir meine Eltern beigebracht haben, Pausen und Feierabend seien heilig und Arbeitstelefonate von 12 bis 14 Uhr und ab 18 Uhr deshalb nicht angebracht.
Dauerverfügbarkeit bringt jedoch nichts, wenn sie nicht durch Blitzlieferung finalisiert wird: bis 16 Uhr bestellt – morgen geliefert. Nur dunkel erinnere ich mich, wie ich jeweils zweimal in die Buchhandlung ging: einmal für die Bestellung und später fürs Abholen.
Die Ungeduld wurde bereits seit dem 19. Jahrhundert zum mächtigen Antrieb, als das Reisen immer schneller, bequemer und immer billiger wurde. Auch der Landwirtschaft machte die Industrialisierung gehörig Dampf.
Genau genommen riss der Geduldsfaden bereits den alten Römern, die in ihrem Expansionsdrang massenhaft Wälder abholzten.
Ungeduld gehört nicht erst seit gestern zu den mächtigen Treibern des Klimawandels. Ungeduld ist vernarrt in Abkürzungen und schnelle Entscheidungen. Sie lässt keine Zeit für das Abwägen von Nebenwirkungen und Folgeschäden. Ungeduld lebt gerne auf Pump.
Die Römer hatten nicht vorausgesehen, dass sie die Sahara zur Wüste machen würden. Die Folgen von Raubbau an den Ressourcen, entfesselter Mobilität und Konsumwut mögen viele immer noch nicht wahrhaben.
Die Ungeduld ist eine geschickte Verführerin. Sie redet den Menschen ein, dass es ohne sie keinen Fortschritt gäbe. Sie brüstet sich mit schnellen Lösungen für Probleme, die sie selbst verursacht hat. Und sie behauptet, auf die Einzelnen komme es im grossen Ganzen ohnehin nicht an.
Am allerschwersten tun sich die Menschen damit, für etwas Geduld aufzubringen, das sie nicht selbst ernten werden. Nur: Wenn das nicht gelingt, werden kommende Generationen den Preis der Ungeduld abstottern müssen.