Kino unter Leuten

«Late Fame»

Ed Saxberger ist die Unauffälligkeit in Person: Er sortiert Briefe im Postbüro. Umso erstaunlicher, dass er auf offener Strasse von einem jungen Mann angesprochen wird, der in ihm den Autor des längst vergessenen Gedichtbands «Way Past Go» erkennt. Dieser Wilson entpuppt sich als Kopf eines Zirkels von Möchtegern-Dichtern, der sich «Enthusiasm Society» nennt. Und die Begeisterung der jungen Männer für Saxberger ist gross. Sie erklären den Herrn im Pensionsalter zum Leuchtstern ihrer eigenen literarischen Ambitionen.

Saxberger sieht sich selbst allerdings seit Jahrzehnten nicht mehr als Dichter. Sinnigerweise sortiert er bei der Post, was andere geschrieben haben. Saxberger schwankt deshalb zwischen Ungläubigkeit und Amüsement. Er fühlt sich geschmeichelt und ist gleichzeitig irritiert.

Schliesslich gibt sich Saxberger der Träumerei hin, doch noch zum gefeierten Literaten zu werden, und verspricht sogar, für einen Rezitationsabend ein neues Gedicht zu schreiben. Ausser «Seasons Collide – Jahreszeitenkollision» fällt ihm jedoch nichts Vernünftiges ein. Alles, was an Poesie noch in Saxberger steckt, wird von seiner Schwärmerei für Gloria absorbiert. Sie ist die einzige Frau und – wie sich zeigen wird – auch die einzige Künstlerin im Zirkel. Sie schillert als Königin, Muse und Sphinx.

Kent Jones gestaltet seine Adaption einer Novelle Arthur Schnitzlers als wunderbare Miniatur. Das stille Gefühlschaos, das in Saxberger herrscht, bringt Willem Dafoe mit meisterhafter Selbstverständlichkeit in all seinen Nuancen zum Ausdruck. Kongenial gespiegelt und erweitert werden all diese Facetten durch Greta Lee als Gloria. Dadurch wird «Late Fame» zu einem Zweipersonenstück über die Lust und das Leiden an der Kunst.

Obwohl Saxberg daran scheitert, die Worte für ein neues Gedicht zu finden, steht das Tor zur Poesie weiterhin offen. Kent Jones macht es sichtbar, indem er die Strassen New Yorks – glücklicherweise kommentarlos – als poetisches Schauspiel inszeniert. Sollte Saxberger statt nur nach innen auch wieder nach aussen schauen, könnte er diese Poesie wahrnehmen und dafür vielleicht auch wieder Worte finden.

—«Late Fame» von Kent Jones
USA 2025
mit Willem Dafoe, Greta Lee, Edmund Donovan
ab 3. September im Kino.

Lust mit uns zusammen den Film des Monats «Late Fame» anzuschauen?
Wir gehen am Montag, 7. September um 18.00 Uhr im Houdini gemeinsam ins Kino.
Tickets besorgen alle selbständig.

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