Elisabeth Bronfen war von 1993 bis 2023 Professorin für «English and American Studies» an der Universität Zürich. Sie war unter anderem Fellow in Harvard und Princeton und Gastprofessorin in Berkeley und an der Columbia. Sie lebt in Zürich.
Christoph Wider
Wie prägend Schwindelei zum kulturellen Selbstverständnis der Amerikaner gehört, lässt sich daran festmachen, dass es für den Trickbetrug mehr als ein Dutzend Wörter gibt. Beim Flimflam nutzt man einen geschickten Taschenspielertrick, um jemanden um sein Geld zu bringen. Ein Trickster täuscht andere durch seine Schläue und stiftet damit Verwirrung. Ein Imposter gibt vor, jemand anderer zu sein, um einen höheren gesellschaftlichen Status zu erlangen. Der Grifter setzt seine psychologischen Tricks in einem fortlaufenden Spiel mit der Gutgläubigkeit seines Opfers ein. Und der Con Man – der Aristokrat unter den Gaunern – inszeniert ein einmaliges und komplexes Schauspiel, um andere um viel Geld zu bringen.
Die Wirkungsmacht, die all diese Gauner haben, lässt sich als Kehrseite des uramerikanischen Optimismus verstehen. Seit Benjamin Franklin, einer der Gründungsväter, sich in seiner Autobiographie zur Ikone des Selfmademan stilisiert hat, zählt trickreiche Selbstoptimierung zur nationalen Tugend. Man darf nicht nur jede Gelegenheit ergreifen, um seinen Wohlstand und sein Ansehen zu verbessern. Man soll auch sein ganzes Vertrauen in das Versprechen setzen, dass dieses Land einem unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Was zählt, ist die oberflächliche Erscheinung, nicht das, was sich darunter verbirgt.
Keiner hat die zerstörerische Seite des amerikanischen Traums so präzise dargestellt wie F. Scott Fitzgerald in seinem Roman «The Great Gatsby» von 1925. Sein Titelheld hat sich als 17-Jähriger eine neue Identität zugelegt. Nach Ende des Ersten Weltkrieges ist er zu dem erfolgreichen Businessman geworden, den er sich in seinen jugendlichen Wunschfantasien ersonnen hat. Die rauschenden Feste in seiner prunkvollen Villa verdecken seine ärmliche Herkunft. Sein einnehmendes Lächeln verführt andere dazu, an dem Trug teilzunehmen, obgleich sie den Schein durchschauen. Sie hegen den Verdacht, dass dieser Luxus auf kriminellen Aktivitäten beruht. Gleichwohl beeindruckt sie die Hartnäckigkeit, mit der Jay Gatsby an seinem grandiosen Selbstentwurf festhält. Doch diese Zuversicht erweist sich als schrecklich. Sie basiert auf einer Hoffnung, die in keiner Realität verankert ist. Sie kommt einem Selbstbetrug gleich. Wenn er den Glauben an seinen Traum verliert, dann ist er nichts. Um diesen aufrechtzuerhalten, sind ihm deshalb alle Mittel recht. Selbst die Verleugnung der Tatsachen, die für ihn fatale Konsequenzen haben werden: Er hatte sich eingeredet, seine ehemalige Geliebte würde ihre Familie für ihn verlassen. Am Ende treibt seine Leiche in seinem Swimmingpool. Er wurde Opfer einer Lüge, mit welcher sein Nebenbuhler ihn aus dem Weg räumen lässt.
Auch auf der politischen Bühne macht sich der Trickbetrug breit. 2016 hat Michael Bloomberg auf dem Bundesparteitag der Demokraten vor der Wahl des Businessman Donald Trump gewarnt: «I’m a New Yorker and I know a con when I see one.» Trumps Konkurse waren zwar damals ebenso bekannt wie seine Prozesse, doch seine Anhängerschaft hat ihn für seine Täuschungen bewundert. Seither leben wir in einem Zeitalter der Trickster. Es wird immer schwieriger, zwischen Ernst und Spiel zu unterscheiden. Verluste werden als Gewinne verkauft. Lügen werden offen zugegeben, weil sie vermeintlich die Aufmerksamkeit auf reale Probleme lenken. Obwohl leere Versprechungen als solche durchschaut werden, haben sie Gewicht. Enttäuschung führt nicht zu einer ernüchterten Einschätzung der Situation. Vielmehr obsiegt im ganzen politischen Spektrum das Verlangen nach Narrativen, in die man erneut sein Vertrauen setzen kann. Die Midterms werden zeigen, welche Farbe dieser Glaube trägt.