Der verschwundene Himmel über Cherson

In der ukrainischen Frontstadt greifen russische Drohnen die Zivilbevölkerung an. Zum Schutz wird die Stadt mit alten Fischernetzen überzogen. 

Langsam fliegt die Drohne über den Stadtrand von Cherson. Unter ihr kleine Höfe mit roten Ziegel­dächern, Gemüsebeete und Obstbäume. Menschen spazieren durch die staubigen Strassen. An diesem 25. Juni 2025 wirkt alles beinahe friedlich. Dann entscheidet sich die Drohne für ein Ziel: Als der Mann die Drohne bemerkt, beginnt er zu rennen. Panisch versteckt er sich unter einen Baum am Strassenrand. Die Drohne schwebt ruhig über ihm, richtet ihr Fadenkreuz auf die Baumkrone und lässt einen Sprengsatz fallen. Rauch steigt auf. Die Drohne fliegt näher heran und beobachtet noch einige Sekunden den verletzten Mann unter dem Baum. Dann bricht das Video ab. 

Es ist nur eines von hunderten Videos dieser Art. In russischen Telegram-Kanälen werden sie tausendfach zur Unterhaltung geteilt. Die Aufnahmen zeigen, wie Drohnen Menschen verfolgen, verletzen oder töten. Ständig kommen neue hinzu. Denn seit dem Frühjahr 2024 gehört diese moderne Form der Menschenjagd in Cherson zum Alltag der Bevölkerung.

Um sich vor dem Terror aus der Luft zu schützen, haben die Bewohnerinnen und Bewohner von Cherson im vergangenen Jahr begonnen, den Himmel zu verbauen. Über Strassen, Krankenhäusern und Tankstellen hängen heute kilometerlange Tunnel aus Netzen – viele davon alte Fischernetze aus Schweden, Dänemark, Norwegen, Grönland oder Schottland. Die ersten Netze dienten dem Schutz von Soldaten in ihren Stellungen und auf den Zufahrtsstrassen zur Front. Sie sollen Drohnen aufhalten, ihre Sprengladungen abfangen oder sie zum Absturz bringen. Es sind improvisierte Schutzdächer in einem hoch technologisierten Krieg. Mittlerweile überspannen die Anti-Drohnen-Netze fast 200 Kilometer Strassen in der Region Cherson, davon mehr als 23 Kilometer allein in der Stadt. So verschwindet der Himmel über Cherson immer mehr. Doch das Leben geht weiter.

Cherson, Hauptstadt der gleichnamigen Region, liegt im Süden der Ukraine, direkt am rechten Ufer des Dnipro. Vor dem Krieg lebten hier fast 300 000 Menschen. Heute gilt Cherson als die tödlichste Stadt der Ukraine. Allein im April 2026 wurden 26 Menschen getötet und 201 verletzt. Auf der anderen Seite des Flusses beginnen die von Russland besetzten Gebiete. An manchen Stellen liegen zwischen Cherson und den russischen Truppen nur einige hundert Meter Wasser. Von der anderen Uferseite greifen sie die Frontstadt fast täglich an: mit Artillerie, Raketen und Drohnen. Ziel ist längst nicht mehr nur militärischer Schaden: Laut den Vereinten Nationen stellen die systematischen Drohnenangriffe auf Zivilisten in Cherson ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» dar. Und die Intensität der Drohnenangriffe auf die Region nimmt immer weiter zu – inzwischen sind es teilweise rund 5500 pro Woche.

An einem Mittwoch Mitte Mai sind nur wenige Autos auf der Strasse zwischen Mykolajiw und Cherson unterwegs. In einem von ihnen sitzt Marcel Kübler aus Basel. Er bringt Hilfsgüter aus der Schweiz: medizinische Geräte, Generatoren, Verbandsmaterial und Babysachen. Cherson ist die 60. Fahrt seines Vereins Ukrainehilfe mit Herz, den Kübler zusammen mit seiner Frau gegründet hat. Bereits wenige Tage nach Beginn der russischen Vollinvasion fuhr Kübler zum ersten Mal Hilfsgüter an die ukrainische Grenze. Später nach Lviv und schliesslich bis an die Front. 

Marcel Kübler fährt seit 2023 Hilfsgüter von Basel nach Cherson.

Das letzte Teilstück gilt als Todeszone.

In Cherson werden die Güter entladen. Darunter medizinische Geräte, Generatoren, Verbandsmaterial und Babysachen.

Zum ersten Mal war Kübler im Sommer 2023 in Cherson – kurz nach der mutmasslich russischen Zerstörung des Kachowka-Staudamms. Damals standen ganze Stadtteile und Dörfer unter Wasser. Dutzende Menschen verloren in den Fluten ihr Leben, Tausende ihr Zuhause. Bereits vier Tage nach der Flutkatastrophe fuhr Kübler mit seinem Team los. Gerade in Frontstädten seien die Hilfslieferungen auch psychologisch wichtig. «Sie zeigen den Menschen, dass die Welt sie nicht vergessen hat.»

Um kein leichtes Ziel für die Drohnen zu sein, fahren die Autos auf der Strasse nach Cherson mit über 140 Stundenkilometern, vorbei an ausgebrannten Fahrzeugen und zerschossenen Häusern, die wie stille Warnungen am Strassenrand stehen. Rund 30 Kilometer vor Cherson tauchen die ersten Anti-Drohnen-Netze auf. Zunächst nur über der Gegenfahrbahn, dann auch über der Fahrspur in Richtung Cherson. Kilometerlange Tunnel schleusen die Autos in und aus der Front-Stadt. Auf Holzmasten gespannt, wölben sich die Netze wie ein provisorischer Pavillon über die Fahrbahn. Mal sind die Maschen grau und beinahe durchsichtig, mal tauchen grüne Netzbahnen die Fahrbahn in ein gedämpftes Licht. 

Alle paar Kilometer unterbrechen Checkpoints die weitgehend geraden Strassen in Richtung Front. Schlechtgelaunte Soldaten kontrollieren Papiere, Sandsäcke liegen am Strassenrand. «Wie ist die Situation in Cherson gerade?» Ein Soldat schüttelt den Kopf. «Nicht gut.» Die Chance, dass man getroffen wird? «50/50», sagt er und lacht. Die Strasse nach Cherson gilt als Todeszone. Ständig greifen russische Drohnen Fahrzeuge an. Viele der Angriffe werden mit handelsüblichen Drohnen durchgeführt. Oft sind sie kaum grösser als ein Schuhkarton, kosten nur wenige hundert Euro und wurden so umgebaut, dass sie Sprengsätze, Granaten oder Minen tragen können. Besonders gefährdet ist die sogenannte «rote Zone», die Viertel und Strassen direkt am Dnipro. Doch weil die Drohnen inzwischen tief zwischen Häusern, Autos und Bäumen hindurch- und immer weiter fliegen können, gibt es kaum noch einen sicheren Ort in Cherson.

Russland nutze Drohnen gezielt «um die Bevölkerung zu terrorisieren», sagt Oleksandr Prokudin, der Gouverneur von Cherson. Seit Anfang 2023 führt der frühere Polizist eine Region im Ausnahmezustand – und wurde selbst wiederholt Ziel russischer Angriffe. Getroffen würden Rentner auf dem Weg zum Markt, Kinder beim Spielen oder Rettungswagen im Einsatz. «Den russischen Drohnenpiloten ist es gleichgültig, wen sie treffen», sagt Prokudin. «Und sie bezeichnen diese rücksichtslosen Tötungen und grausamen Kriegsverbrechen als ‹Safari›.» Videos wie das vom 25. Juni 2025 werden nicht nur tausendfach in den sozialen Medien geteilt, sondern auch mit fröhlicher Musik und hämischen Kommentaren unterlegt. 

«Willkommen in Cherson», steht auf einem grossen gelb-blauen Schild an einer Brücke. Die Orientierung in der Frontstadt ist schwierig: Bei Luftalarm wird das GPS in der betroffenen Region blockiert. Navigationssysteme funktionieren nicht mehr, laut Google Maps ist der Sprinter in Lima. Marcel Kübler verfährt sich. «Nicht, dass wir gleich am Fluss sind», sagt er und dreht hastig um. Auch die Strassenschilder sind keine Hilfe. Viele wurden nach Kriegsbeginn übermalt, um den Vormarsch der russischen Truppen zu erschweren. Bis heute sind diese Spuren des russischen Überfalls und der Okkupation sichtbar.

Tamara, die aus Sicherheitsgründen nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte, erinnert sich noch gut an die Zeit unter russischer Kontrolle. Schon 2014 erlebte die 30-jährige Lehrerin die russische Besatzung der Krim – und floh nach Cherson. Anfang März 2022 marschierten russische Truppen auch dort ein und besetzten die Stadt monatelang. Aktivisten, Journalisten und ehemalige Soldaten verschwanden, Berichte über Folter machten die Runde. Tagelang lagen Leichen auf den Strassen. «Natürlich hatten wir Angst», erzählt Tamara. «Aber noch grösser war die Ungewissheit.»

Als ukrainische Truppen Cherson im November 2022 zurückeroberten, feierten Bewohner auf den Strassen. Für Russland war der Verlust der Stadt eine schwere Niederlage. Viele deuten die täglichen Angriffe daher als Racheakt für die Rückeroberung Chersons. Umso wichtiger sind die Anti-Drohnen-Netze. Mehr als 400 Soldaten und städtische Angestellte arbeiten am Ausbau der Tunnel, erzählt Gouverneur Oleksandr Prokudin. Täglich kommt etwa ein Kilometer hinzu, trotzdem sind noch immer viele Strassen ohne Schutz. Laut Prokudin ist das Ziel ein Dom aus Netzen über Cherson. Doch bei einer so grossen Stadt wäre das selbst unter günstigeren Arbeitsbedingungen ein gewaltiges Unterfangen. 

Auch an diesem Tag bauen Arbeiter trotz heulender Sirenen und immer neuer Einschläge in einem Kreisverkehr weiter an den Netztunneln. Die Männer stehen auf Hebebühnen über der Strasse, ziehen grüne Nylonbahnen zwischen Strommasten und Oberleitungen, verknoten einzelne Netzstücke miteinander und flicken Löcher. Andere halten die herabhängenden Bahnen vom Boden aus straff, während über ihnen Meter für Meter ein Dach aus Fischernetzen wächst.

Einer der Männer, die dafür sorgen, dass sie aus den Fischkuttern Nordeuropas an die Front in der Ukraine gelangen, ist Carl Futtrup aus Kopenhagen. Der ehemalige Fischer organisierte nach Beginn des russischen Angriffskriegs zunächst Hilfslieferungen, seit Ende 2024 sammelt er primär ausrangierte Fischernetze. Inzwischen wird seine Arbeit vom dänischen Verteidigungsministerium unterstützt. Von seinem Schreibtisch aus koordiniert Futtrup ein Netzwerk aus Hafenbetreibern, Netzherstellern, Speditionen und Helfern. In Häfen wie Thyborøn in Westjütland werden die alten Netze gesammelt und für den Weitertransport vorbereitet. Netze aus Grönland gelangen zunächst per Schiff nach Dänemark, bevor Lastwagen sie quer durch Europa in die Ukraine bringen. Nach eigenen Angaben hat Futtrup knapp 3000 Tonnen Netze in die Ukraine gebracht. «Für uns sind das nur alte Fischernetze, Müll», sagt er. «Doch dort sind sie Gold wert.»

Das Netz wächst täglich um einen Kilometer, dennoch sind immer noch viele Strassen ohne Schutz.

Das Anti-Drohnen-Netz rettet Menschenleben.

Bevor die Fischernetze über den Strassen Chersons verbaut werden, testen Soldaten jede Lieferung. «Wir simulieren Angriffe und prüfen, ob die Netze Drohnen tatsächlich stoppen können», erzählt Gouverneur Prokudin. Bis jetzt hätten die Anti-Drohnen-Netze bereits hunderte russische Drohnen abgefangen. «Aber sie sind keine Wunderwaffe.» Cherson verteidigt sich zusätzlich mit mobiler Luftabwehr, Drohnendetektoren und elektronischen Störsystemen gegen die Angriffe vom anderen Ufer des Dnipro. Rund 93 Prozent der Drohnen können sie so aktuell abfangen. Doch der Drohnenkrieg ist längst zu einem technologischen Wettlauf geworden, russische Truppen setzen zunehmend Glasfaser-gesteuerte Drohnen ein, die gegen viele Störsysteme resistent sind. Die rund 60 000 Menschen in der Frontstadt führen daher auch weiterhin ein Leben im Ausnahmezustand. Manche bleiben aus Patriotismus, andere, weil sie sich die Flucht schlicht nicht leisten können oder sich um ältere Angehörige oder Tiere kümmern. Sie versuchen, ihr Leben so gut es geht weiterzuleben. 

So auch an diesem Tag Mitte Mai. Alle paar Minuten hallen dumpfe Einschläge durch die morgendliche Geschäftigkeit. Seit Stunden greifen Drohnen an. Zwei Menschen sind bereits gestorben. Für Cherson ist das ein gewöhnlicher Mittwochvormittag. Plötzlich schlägt ein Artilleriegeschoss ganz in der Nähe ein. Die Druckwelle ist spürbar. Diesmal zucken alle zusammen, blicken panisch umher – und gehen dann wieder ihrem Alltag nach. 

Doch der Krieg hat verändert, wie die Menschen sich durch ihre Stadt bewegen: «Du schaust nach oben wegen der Drohnen. Du schaust auf den Boden wegen der Minen. Und nach links und rechts, weil Autos versuchen, so schnell wie möglich den Drohnen zu entkommen», erklärt Zarina Zabrisky. Seit der ukrainischen Rückeroberung der Stadt berichtet die ukrainisch-amerikanische Journalistin aus Cherson, lebt seit drei Jahren dort. Zabrisky dokumentiert Drohnenangriffe auf Zivilistinnen und Zivilisten. «Jeder in Cherson erlebt irgendwann, dass ihn eine Drohne verfolgt», sagt sie. Viele Menschen mindestens einmal am Tag. Das letzte Mal überraschten sie mehrere Drohnen auf dem Heimweg. «Sobald man das Summen hört, sucht man nach einem Baum», sagt sie. Sie drückte sich an einen Stamm und wartete, bis das Summen verschwunden war. Nur wenige Stunden zuvor hatte sie sich in einen zerstörten Schutzraum geflüchtet. Eine Drohne war so tief über sie hinweggeflogen, dass sie die Spreng­ladung sehen konnte.

Aufgrund der permanenten Gefahr kann in Cherson nicht einmal die nationale Schweigeminute eingehalten werden. Eigentlich steht die Ukraine jeden Morgen um neun Uhr still. Menschen steigen mitten auf der Strasse aus ihren Autos, Friseure kommen mit ihren Kundinnen an die Tür der Salons, Bauarbeiter legen das Werkzeug beiseite. Eine Minute stehen alle da und gedenken ihrer Toten. Nicht so in Cherson – obwohl es hier genug Tote zu betrauern gäbe. Doch stehen bleiben bedeutet hier, zum Ziel zu werden.

Die sich ständig erhöhende Intensität des Krieges spüren die Bewohnerinnen und Bewohner in Cherson. «Ich habe das Gefühl, dass sich die ‹rote Zone› immer weiter auf uns zubewegt», sagt Tamara, die Lehrerin. Manche Orte, die sie Anfang 2025 noch problemlos besuchen konnte, sind heute zu gefährlich. «Drohnen paralysieren Bewegung und Leben», sagt sie. Schon nachmittags leeren sich viele Strassen von Cherson langsam. Nicht nur wegen der Ausgangssperre, sondern weil man die Drohnen in der Dunkelheit kaum sehen kann. Gefährlicher sei es nachts aber kaum. «Sie töten Menschen morgens genauso wie abends», sagt Zarina Zabrisky bitter. Gerade hat die Journalistin ein Video über einen Drohnenanschlag auf den Marktplatz von Cherson fertiggeschnitten. Es gibt mindestens zwei Tote. Trotzdem wird der Angriff kaum Beachtung finden. «Wenn in Kyiv bei einem russischen Angriff zwei Menschen sterben, ist das überall in den Schlagzeilen», sagt sie. «In Cherson sterben fast jeden Tag Menschen.»

Immer wieder geht Zarina Zabrisky während des Gesprächs ans Fenster. Nicht um hinauszusehen, sondern um zu lauschen. Mehrere Fensterscheiben ihrer Wohnung sind mit Sperrholzplatten vernagelt. Die anderen bleiben immer offen – wegen der Druckwellen von Einschlägen. Obwohl das tiefe Summen der Drohnen inzwischen Teil ihres Alltags geworden ist, darf sie es nicht ausblenden. «Da ist gerade wieder eine», sagt sie. Wenige Sekunden später ist eine laute Explosion zu hören. Dann Stille. «Das war ein Einschlag», sagt Zarina. «Wenn sie abgeschossen worden wäre, wäre es leiser gewesen.» Unten auf der Strasse verstecken sich Menschen unter Bäumen. Ein Mann zieht seinen Hund hastig weiter. Anti-Drohnen-Netze gibt es hier noch keine. «Drohnen, Schüsse, Explosionen. Man muss permanent zuhören und unterscheiden lernen», sagt Zarina Zabrisky.  «Es ist wie Russisch Roulette.»

Die Journalistin Magdalena Gräfe hat eine Hilfslieferung nach Cherson begleitet und dabei Menschen getroffen, die ihren Alltag unter Netzen leben – während sie ums Überleben kämpfen.