Wer in Bethlehem lebt, kann selbst eine Fahrt von wenigen Kilometern kaum planen. Strassensperren und Checkpoints bestimmen den Alltag. Mitarbeitende der Universität von Mitri Raheb müssten vor jeder Fahrt prüfen, welche Wege gerade passierbar seien, erzählt der Theologe den über 50 interessierten Gästen am 25. August im Kirchgemeindehaus Paulus Bern. «Wie kann man ein System unter solchen Umständen führen?», fragt der palästinensische Christ ins Publikum.
Raheb ist auf Einladung der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn gekommen, um über das Leben und Studieren in Bethlehem zu berichten. Dort leitet er die Dar-al-Kalima-Universität, die junge Menschen unter anderem in Kunst, Kulturmanagement, Architektur und Design ausbildet. Zwei Drittel der Studierenden sind muslimisch, ein Drittel christlich.
Mitri Raheb, palästinensischer Theologe und evangelischer Pfarrer, leitet die Dar-al-Kalima-Universität in Bethlehem. Zwei Drittel der Studierenden sind muslimisch, ein Drittel christlich.
Website der Universität Dar-al-Kalima
Warum wird hier ausgerechnet Kunst unterrichtet, in einer Region, die von Gewalt, Besatzung und wirtschaftlicher Not geprägt ist? Für Raheb liegt darin kein Widerspruch. «Kultur ist kein Luxus», sagt er. Das Leben in Palästina gleiche einem Marathon. Wer unter dauerhaftem Druck lebe, müsse lernen, zu atmen. «Kultur ist diese Kunst, zu atmen.» Sie könne einen «heiligen Raum» schaffen, in dem Menschen frei atmen, wenn die Luft ringsum knapp werde.
Kunst als Form des Widerstands
Zugleich versteht Raheb Kunst als Form des Widerstands – gegen die israelische Besatzung, aber auch gegen patriarchale Strukturen in der palästinensischen Gesellschaft. Filme seiner Studierenden beschäftigten sich deshalb auch mit der Situation von Frauen. Schon vor rund 20 Jahren initiierte seine Universität eine Frauenfussballmannschaft.
Wie unmittelbar Bildung und Kultur bedroht sind, zeigt sich in Gaza. Der dortige Campus von Dar al-Kalima wurde 2024 bombardiert. Trotzdem studieren laut Raheb weiterhin mehr als 2000 Menschen online. 46 Mitarbeitende seien in Gaza tätig und hätten im vergangenen Jahr mit rund 35‘000 Kindern kunsttherapeutisch gearbeitet.
Mensch, wo bist du?
Politisch findet Raheb deutliche Worte. Er bezeichnet die israelische Politik gegenüber dem palästinensischen Volk als «Siedlerkolonialismus» und kritisiert Europa und die Kirchen scharf für ihre Haltung zum Krieg in Gaza. Auch theologisch habe sich für ihn die entscheidende Frage verschoben. In der Bibel laute sie angesichts von Katastrophen immer wieder: «Gott, wo bist du?» Heute müsse sie anders gestellt werden: «Mensch, wo bist du?».
Woher er angesichts dieser Lage die Kraft nehme, fragt jemand aus dem Publikum. Raheb muss nicht lange überlegen: von den jungen Menschen. Seine Mitarbeitenden in Gaza seien selbst vertrieben worden, hätten ihre Häuser verloren und arbeiteten dennoch weiter mit Kindern. Zum Abschied dankte Raheb den Menschen in der Schweiz, die sich mit Demonstrationen und anderen Initiativen für Palästina engagieren. Sie sollten diese Unterstützung fortsetzen: «Wir geben nicht auf, dann dürfen Sie auch nicht aufgeben.»
Zur Person
Mitri Raheb ist evangelisch-lutherischer Pfarrer, Theologe und Professor aus Bethlehem. Er studierte evangelische Theologie in Hermannsburg und promovierte an der Universität Marburg. 1995 gründete er in Bethlehem ein internationales Begegnungszentrum, aus dem sich später die Dar-al-Kalima-Universität entwickelte. Raheb publiziert insbesondere zu kontextueller palästinensischer Theologie und hat das Kairo-Palästina-Dokument von 2009 mitverfasst.