Aus Stoff und Druckknöpfen aus Plastik fertigen die Frauen in Bidibidi wiederverwendbare Hygiene-Binden an. Mit nackten Füssen bewegen sie die Pedale der alten robusten Nähmaschinen. Die fertigen Binden packen die Frauen in farbige Umschläge, um sie dann in Schulen bei Aufklärungsworkshops zu verteilen und an Märkten zu verkaufen. Mit der Produktion verdienen die Frauen ihr eigenes Geld und mit den Rückstellungen werden sie in der Lage sein, weiter zu produzieren, auch wenn sie dereinst keine Unterstützung von HEKS mehr bekommen werden.
Der diesjährige HEKS-Film erzählt Geschichten aus Bidibidi im Norden Ugandas. Die Siedlung, in der seit 2016 Geflüchtete leben, ist eine der grössten auf dem afrikanischen Kontinent. Rund 200‘000 Menschen leben dort – vorwiegend Frauen und Kinder. Die meisten von Ihnen sind aus dem Südsudan und aus der demokratischen Republik Kongo geflohen.
Die Frauen arbeiten für ihr Einkommen aber auch um sich von traumatischen Erinnerungen abzulenken.
Stuart Tibaweswa/HEKS/EPER
In seiner Eröffnungsrede an der Zürcher Premiere von «Bidibidi: Geschichten von Flucht und Zusammenhalt in Uganda» sagte Walter Schmid, Präsident des Stiftungsrats von HEKS: «Oft denken wir, die ganze Welt sei unterwegs zu uns. Aber die meisten Menschen auf der Flucht sind Vertriebene im eigenen Land oder flüchten ins Nachbarland».
Uganda mit 40 Millionen Einwohnenden beherbergt heute knapp 2 Millionen Geflüchtete. Das ostafrikanische Land pflegt dabei eine sogenannte «Open Doors Policy». Das bedeutet, dass die Einreisenden nach ihrer Registrierung das Recht haben, ein Stück Land zu pachten, um Lebensmittel anzubauen, zu arbeiten und öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Gesundheitszentren zu nutzen. Das hilft auch der lokalen Wirtschaft. Dieses Vorgehen hat in der Region Vorbildcharakter, ist aber seit den massiven Kürzungen durch die Trump-Administration bei USAID – der Behörde der Vereinigten Staaten für Entwicklungszusammenarbeit –massiv unter Druck.
Davide Naggi, seit 2023 Heks Landesdirektor in Uganda und Südsudan ist dennoch zuversichtlich und glaubt an die Politik der offenen Türen. Zu ihrem Gelingen gehört eine starke Zivilgesellschaft, die daran interessiert ist, mit den Geflüchteten zusammenzuleben. Der Dokumentarfilm zeigt Projekte, von denen Personen aus der Aufnahmegemeinschaft gleichermassen profitieren können wie die Geflüchteten.
Jan Tschannen, Programmverantwortlicher Östliches Afrika der Linsi Foundation und Davide Naggi Landesdirektor für Uganda und Südsudan bei HEKS gaben nach der Filmvorführung Auskunft auf dem Podium im Kino Le Paris in Zürich.
Ester Unterfinger/HEKS
Ayke Annet, die vor zehn Jahren aus dem Südsudan nach Bidibidi geflüchtet ist und heute eine Produktionsgruppe in der Manufaktur leitet, erzählt im Film, was es braucht, damit die Zusammenarbeit gelingt: zuerst müssen die Frauen sich überhaupt getrauen, über ihre Menstruation zu sprechen. Mädchen blieben der Schule fern, weil sie sich fürchteten, ausgelacht zu werden während ihrer Periode, erklärt die junge Frau. Sie wünsche sich, dass das Tabu Menstruation ein für alle Mal beseitigt werde. Sie erzählt weiter von vielen Konflikten am Anfang des Projekts und wie sie schliesslich einen Antrag ans HEKS geschrieben habe, um in Konfliktbewältigung ausgebildet zu werden. Die Konflikte unter den ansässigen und den geflüchteten Frauen kann sie heute lösen helfen. HEKS-Präsident Walter Schmid sagt dazu:
«Der Dokumentarfilm zeigt, wie unter prekären Umständen ein Zusammenhalt entsteht. Nicht einfach so, sondern indem er immer wieder ausgehandelt wird.»
Damit dies gelingen könne, brauche es einen Dreiklang aus humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung, sagte auf dem anschliessenden Podium im Kino Le Paris in Zürich Davide Naggi. Humanitäre Hilfe bedeute schnelle Hilfe in akuten Notlagen, Entwicklungszusammenarbeit fördere den Aufbau langfristiger Strukturen und der Wirtschaft und Friedensförderung sei oft die Voraussetzung, um die erstgenannten Punkte überhaupt umsetzen zu können, erklärte der Landesdirektor das Vorgehen, das sich in der Entwicklungszusammenarbeit heute als best practice etabliert habe. Neben dieser technischen Seite betonte Naggi aber auch, dass der Glaube und das Vertrauen in die Mitmenschen eine Grundvoraussetzung für das Gelingen seien.
Die Rückstellungen aus dem Verkauf der Hygienebinden ermöglichen es den Frauen unabhängig von Spenden zu werden.
Stuart Tibaweswa/HEKS/EPER
Jan Tschannen, Programmverantwortlicher Östliches Afrika bei der Linsi Foundation, welche das HEKS seit fünf Jahren jährlich mit einer halben Million Schweizerfranken unterstützt, ist froh um HEKS als vertrauensvoller Partner, der selbst vor Ort Projekte unterhält. Der Spirit des HEKS-Teams sei ein besonderer, sagt Tschannen auf dem Podium. Sie seien in Uganda vor Ort geblieben, auch jetzt, da viele Organisationen wegen der Kürzungen bei USAID den Standort verlassen hätten. Es sei für die Geldgeber nicht einfach, gute Partner zu finden.
Davide Naggi erklärte den Spirit auch damit, dass sich die HEKS-Mitarbeitenden anstecken liessen von der Solidarität, die sie in Uganda erlebten. Der ugandische Bauer, der ein Drittel seines Landes an Geflüchtete abtritt, damit sie dort das Nötigste anpflanzen können, sei auch für sie ein eindrückliches Beispiel.
Das letzte Wort an der Veranstaltung hatten die Frauen der Binden-Manufaktur in Bidibidi. Corina Bosshard, welche das Filmprojekt für HEKS organisiert hat, las ihren Dankesbrief an die Spenderinnen und Spender vor, die an diesem Mittag so zahlreich der Einladung ins Kino gefolgt sind.