Mitten im Nobelquartier – mit null Franken Vermögen

Vor 800 Jahren starb Franz von Assisi. Der Heilige propagierte ein gemeinschaftliches Leben in Armut. Geht das auch noch heute? Ein Besuch bei den Franziskanern in Zürich, einer der teuersten Städte der Welt.

Bruder Mathias sitzend auf einer Treppe

Das stattliche Haus an der Hofackerstrasse liegt zurückgezogen hinter einem idyllischen Garten, in einem der teuersten Quartiere Zürichs. Wer hier eine Wohnung kauft, zahlt gegen 20000 Franken pro Quadratmeter. Die Männer, die im dritten Stock dieses Hauses wohnen, besitzen dagegen nichts. «Null Franken Einkommen und null Franken Vermögen», sagt Bruder Mathias, das trage er jedes Jahr brav in die Steuererklärung ein. 

Bruder Mathias, Mitte 40, trägt eine braune Kutte mit weissem Strick, an dem ein Rosenkranz baumelt, und ist barfuss. Er gehört dem Orden der Franziskaner an, den «Minderen Brüdern», wie sie sich selbst nennen. Mit fünf Mitbrüdern lebt er in der Liegenschaft, die dem Orden in den 1970erJahren gestiftet wurde – so konnten die Franziskaner nach fast 500 Jahren wieder in die Limmatstadt zurückkehren. Reformator Zwingli hatte einst alle Geistlichen des alten Glaubens aus Zürich verbannt: Das protestantische Arbeitsethos vertrug sich schlecht mit einem Lebensstil ohne Besitz. An der Stelle des damaligen Franziskaner-Klosters steht heute das Obergericht.

Die Gemeinschaft beim gemeinsamen Mittagessen.

Während die Arbeit den Tag der meisten Menschen taktet, strukturiert bei den Franziskanern das Gebet den Tag: um halb sieben die Laudes in der Hauskapelle auf dem Dachboden, danach die Messe in der nahen Kirche St. Anton, vor dem Mittagessen das Mittagsgebet, abends Anbetung und Vesper. Einem geregelten Job geht hier niemand nach, wobei einzelne Brüder ein kleines Pensum in einer Pfarrei haben. Der Lohn fliesst in die Gemeinschaftskasse. 

Ob Bruder Mathias sich deswegen arm fühle? Im Gegenteil. «Ich fühle mich reich beschenkt», sagt er. Man brauche erstaunlich wenig, um glücklich zu sein. Die Brüder hätten ein Dach über dem Kopf und müssen sich nicht fragen, wer Krankenkasse oder Miete bezahle. Diese Kosten übernimmt der Orden – finanziert durch Spenden, Legate und die erwähnten Arbeitseinsätze in den Pfarreien.

Anfang dreissig spürte ich, dass etwas fehlt.

Zu den Franziskaner kam Bruder Mathias auf einem Umweg. Er wuchs katholisch auf, lebte aber seinen Glauben eher passiv. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitete in einer Handelsfirma unter anderem in der Ukraine und in Russland. Mit Anfang dreissig habe er gespürt, dass in seinem Leben etwas fehle, ein Halt. Er begann, in der Bibel zu lesen, besuchte Gottesdienste – und als seine damalige Arbeitgeberin Konkurs ging, entschied er sich, der neuen Sehnsucht nachzugehen. 

Er lebte zunächst stunden-, dann wochen-, dann monatelang bei den Franziskanern im Kloster Näfels, bis er den Habit nahm und das Gelübde ablegte. Noch mit dreissig, sagt er, hätte er nie gedacht, einmal ins Kloster einzutreten. Heute lebt er seit neun Jahren in Zürich, seit fünfzehn Jahren bei den Franziskanern.

Das Quartier der Franziskaner an der Hofackerstrasse in Zürich.

«Die Franziskaner verweigern nicht die Arbeit», sagt Bruder Mathias. Was Franziskus dagegen ablehnte, war das Anhäufen von Besitz. «Sobald ich Besitz habe, verteidige ich ihn und will ihn vermehren – das bringt mich sofort in die Logik des Habenwollens.» Dabei stammte Franziskus selbst aus einer Handelsfamilie und lebte in jungen Jahren in Saus und Braus. Gerade deshalb sah Franziskus Geld als eine Gefahr, fast einen Fluch: Geld trenne Menschen und bringe sie gegeneinander auf. 

Der Mensch verfällt immer wieder der Gier nach mehr.

Ist Geld also die grosse Versuchung? «Geld an sich ist neutral», sagt Bruder Mathias. «Aber der Mensch verfällt immer wieder der Gier nach mehr. Geld, Macht und Reichtum sind die grossen Versuchungen des Menschen.» Gerade im Verzicht suchen die Franziskaner, sich frei zu machen von dieser Versuchung. Sie orientieren sich am Jesuswort an den reichen Jüngling: «… verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach.» 

Von «Armut» mag Bruder Mathias dabei gar nicht sprechen. «Armut geht zu weit, ich würde lieber von Bescheidenheit sprechen.» Bescheidenheit und Gemeinschaft – und das, was man hat oder geschenkt bekommt, mit jenen teilen, die wenig haben. So lebe man Solidarität. Wichtig sei, dass dieser Verzicht frei gewählt sei: «Einem Armen auf der Strasse kann ich nicht sagen: ‹Sei glücklich, du bist doch arm.›» 

Gerade in reichen Ländern liege in der materiellen Absicherung eine Gefahr: Wer alles habe, verschliesse sich und frage sich, wozu er noch Gott brauche. Auf der Strasse begegnet Bruder Mathias dagegen immer wieder Menschen, die wenig besitzen und trotzdem stark mit Gott verbunden seien – «sie wissen: Ich brauche ihn.»

Im romantischen Garten des Franziskanerquartiers.

Ist der franziskanische Lebensstil ein Gegenmodell zu einer reichen Gesellschaft, in der viele ständig gestresst sind und Burnouts an der Tagesordnung sind? «Ja, sicher», sagt Bruder Mathias und erinnert sich an seine Zeit in Graz, wo er unzähligen Bettlern begegnete: «Ich hatte kein Geld, aber Zeit, und diese Zeit schenkte ich ihnen.» Viele Menschen verspürten eine Sehnsucht nach Einfachheit, steckten im Alltag aber im Hamsterrad und schafften es nicht, auszubrechen. Bescheiden zu leben, bedeute, sich immer wieder zu fragen: Brauche ich das wirklich? «Ich weiss nicht, wer sich diese Frage im Alltag noch stellt. Bei den Franziskanern ist sie ständig präsent.» 

Der Heilige Franziskus fasziniert bis heute: der ganze Spannungsbogen seines Lebens.

Bis heute ist Bruder Mathias von Franziskus fasziniert. Als er erstmals eine Biografie über den Ordensgründer las, beeindruckte ihn dessen ganzes Leben: die Jugend als Lebemann, die Bekehrung mit zwanzig, die Radikalität der Nachfolge, die Verbindung mit der Schöpfung, später das Ringen mit Krisen, körperlichen Leiden und Zweifeln – und schliesslich die Versöhnung mit allem. Der ganze Spannungsbogen eines Menschenlebens, verdichtet auf 45 Jahre. 

Für Bruder Mathias wird es Zeit, aufzubrechen. Er will noch zur Heilsarmee, die mittags Bedürftige in Zürich kostenlos oder für wenig Geld bewirtet. Dort sucht er das Gespräch, um den Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. In Sandalen und in seiner Kutte geht der Franziskaner zur nächsten Tramhaltestelle. Hektik und Lärm umgeben ihn, manche werfen ihm einen erstaunten Blick zu. Doch das scheint Bruder Mathias nicht zu stören – wie damals sein Ordensgründer Franz von Assisi.