Der Alltag mit 100 Jahren fordert «athletische Kunststücke»

David Steindl-Rast erreicht mit seinen Büchern ein Millionenpublikum. Trotz hohem Alter war der berühmte Mönch zu einem Interview bereit.

Im Alter von hundert Jahren ein Buch herausgeben, muss sehr anstrengend sein. Was war Ihr Antrieb?

Die Freude, suchenden Menschen Gedankenanstösse zu bieten, die Ihnen vielleicht helfen. Das gibt mir Antrieb und Stärke.

Im neuen Buch geben Sie 100 prägnante Antworten. Wie kamen Sie auf die Fragen?

Menschen tragen täglich Fragen an mich heran, die ich versuche, persönlich zu beantworten. Da lag der Gedanke nahe, aus den vielen Fragen eine Auswahl zu treffen und ein Buch daraus zu machen.

Gemeinsam mit seinem argentinischen Freund Mario Quintana hat Br. David Steindl-Rast 100 Fragen ausgewählt, auf die er in klaren, einfachen Sätzen antwortet. Es geht um den unveränderlichen religiösen Urgrund des Seins, der nicht verloren geht, wenn Menschen sich von institutionell verfassten Religionen abwenden. Um Mystik, den langen Weg von Jesus zum Christentum, oder um «Böses, Leid und Tod». Die Fragen sind oft unkonventionell: «Was soll überhaupt das Gerede von Gott»? Die Antworten nie moralisierend oder dogmatisch, sondern auf die eigenen inneren Erfahrungen verweisend, die den Weg in ein erfülltes Leben zeigen. «Ein Wort der Hoffnung für unsere Zeit», wie das erste Kapitel sagt. Und das spirituelle Vermächtnis eines langen Lebens. (bl)

Im Alter wird man zunehmend abhängig von der Hilfe anderer. Wie erleben Sie das?

Meine Brüder in der Klostergemeinde von Gut Aich kommen mir bei zunehmender Abhängigkeit mit solcher Liebe zu Hilfe, dass die Freude und Dankbarkeit darüber mein Bedauern weithin überstrahlt. Freilich versuche ich dabei, meine Selbständigkeit täglich zu üben und so langsam wie möglich zu verlieren. Das ist gar nicht so einfach, wenn schon das Hineinwursteln in die Unterhose am Morgen ein athletisches Kunststück darstellt.

Sie antworten teilweise auf die Fragen junger Menschen. Wie gelingt es, sie mit den Antworten zu erreichen?

Junge Menschen sind Trägerinnen und Träger unserer Zukunft. Auf ihnen ruhen unsere Hoffnungen. Ich versuche also, Gedanken, die mir wichtig erscheinen, so auszudrücken, dass sie junge Menschen ansprechen. Wenn ich sehe, dass das gegenseitige Verstehen gelingt, ist es immer eine grosse Freude.

Wie wissen Sie, ob junge Menschen Sie verstehen? Haben Sie ihnen die Antworten vor Veröffentlichung vorgelegt?

Es freut mich, Ihre Frage mit «Ja» beantworten zu können. Nicht systematisch, sondern Kindern und Enkeln von Freunden. Ein bereichernder Austausch!

Ohne Umstände war Bruder David Steindl-Rast bereit, trotz hohem Alter ein kurzes Interview per Mail zu führen. Zuerst über eine Adresse, bei der er von einem Assistenten unterstützt wird. Auf Nachfragen reagierte er aber umgehend über seine eigene Mailadresse: in grossen Lettern, mit dem Wunsch «Viel Segen für Ihre wichtige Arbeit» und der schlichten Unterschrift: «Bruder Dadvid». Und irgendwo in der Mailadresse das Wort «gratefulness».