Kolumne

Wir werden älter – ohne damit zu rechnen

Die demografische Entwicklung macht Altersvorsorge zur komplexen Herausforderung. Auch Finanzkompetenz tut Not.

Manuel Buchmann ist promovierter Ökonom. Als Lehrbeauftragter der Universität Basel und Projektleiter im unabhängigen Kompetenzzentrum Demografik berät er öffentliche und private Organisationen.

Als die AHV 1948 eingeführt wurde, kamen auf einen Rentner rund 6,5 Erwerbstätige. Heute sind es noch etwa drei. Bis 2050 dürften es gegen zwei sein. Diese Zahlenreihe erklärt, warum die Altersvorsorge zum demografischen Dauerthema geworden ist. Weniger bekannt: Die Demografie trifft nicht nur die AHV, sondern alle drei Säulen, nur auf unterschiedliche Weise.

Die erste Säule ist am offensichtlichsten betroffen. Die AHV funktioniert im Umlageverfahren: Die Erwerbstätigen von heute finanzieren die Renten von heute. Schrumpft das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentenbeziehenden, gerät das System unter Druck. Finanzieren lassen sich die Renten dann nur durch höhere Beiträge, tiefere Renten, längere Erwerbsleben oder Quersubventionierung, etwa über die Mehrwertsteuer. Keine dieser Optionen ist attraktiv. Aber genau das zeigt, welchen Druck die Demografie auf unsere Gesellschaft ausübt.

Die zweite Säule gilt als demografieresistent, weil jeder sein eigenes Kapital anspart. Das stimmt nur zur Hälfte. Die steigende Lebenserwartung bedeutet, dass das gleiche Kapital über mehr Rentenjahre reichen muss. Gleichzeitig ist fraglich, ob der Kapitalmarkt künftig die gleichen Renditen liefert wie bisher. Denn auch die Wirtschaft altert mit dem Land und spürt demografischen Gegenwind.

Und die dritte Säule? Sie ist freiwillig – und genau das ist ihr demografisches Problem: Wer sie am nötigsten hätte, nutzt sie am wenigsten. Die Vorsorgelücken konzentrieren sich dort, wo der Spielraum zum Sparen am kleinsten ist.

Die Konsequenz ist unbequem: Die persönliche Vorsorge wird wichtiger. Der Staat kann das Rentenniveau der Babyboomer nicht für alle nachfolgenden Jahrgänge garantieren, ohne die Jüngeren übermässig zu belasten. Eigenverantwortung wird zur demografischen Notwendigkeit.

Doch Eigenverantwortung setzt etwas voraus, worüber selten gesprochen wird: Kompetenz. Studien zeigen regelmässig, dass viele Menschen grundlegende Konzepte wie Zinseszins, Inflation oder Risikodiversifikation nicht sicher beherrschen. Gleichzeitig verlangen wir von ihnen Entscheidungen mit Konsequenzen über Jahrzehnte. Das prominenteste Beispiel: der Bezug der zweiten Säule. Rente oder Kapital? Für die meisten Haushalte ist das die grösste Finanzentscheidung ihres Lebens. Eine lebenslange, garantierte Rente steht gegen ein Kapital, das selbst verwaltet werden will, mit allen Chancen und Risiken. Die Entscheidung ist unwiderruflich. Und sie fällt oft unter Zeitdruck, kurz vor der Pensionierung, ohne fundierte Beratung. Oder mit einer Beratung, die vor allem eigene Interessen verfolgt. Der Trend geht klar Richtung Kapitalbezug. Nicht weil es immer die bessere Wahl wäre, sondern weil Kapital greifbarer erscheint als eine abstrakte Rente. Dabei müsste die Rente bei steigender Lebenserwartung eigentlich attraktiver werden: Sie ist bis zum Lebensende garantiert und versichert damit gegen das Langlebigkeitsrisiko, also die Gefahr, das eigene Vermögen zu überleben.

Hier liegt eine Aufgabe, die weder Markt noch Staat bisher gelöst haben: Finanzkompetenz müsste so selbstverständlich vermittelt werden wie Lesen und Rechnen – in der Schule, im Berufsleben, vor der Pensionierung. Ein Land, das immer mehr Vorsorgeverantwortung an seine Bürgerinnen und Bürger delegiert, muss sie auch dazu befähigen. Sonst wird aus Eigenverantwortung stille Überforderung – und aus der demografischen Herausforderung eine soziale.