Widmer & Binotto

Warum müssen wir permanent perfekt performen?

Ich bin der lausigste Social-Media-Performer auf Gottes weitem Erdboden. Meine lustigsten Posts haben, wenn’s hoch kommt, 50 Likes erhalten. Und das ist brutto, ich zähl nämlich die Mitleids-Herzchen mit. Als ich mein Underperformen nicht mehr ausgehalten habe, bin ich dann komplett ausgestiegen. Nun bin ich social tot, aber nicht vollständig erlöst, denn es warten noch so viele Performances auf mich.

Meinen Body sollte ich dringend trainieren, denn dessen Positivity ist nur vorzeigbar, wenn die Fettröllchen richtig hängen. Ernährungstechnisch hinke ich den letzten Wahrheiten seit Jahren hinterher. Sportlich bewege ich mich im Niemandsland von Treppe statt Lift.

Auch spirituell bleibt viel Luft nach oben. Kein schwarzer Zen-Gürtel, keine Rosenkranz-Challenge und kein Exerzitien-Marathon. Mein Gebetsleben ist rudimentär: «Für spiis und trank, fürs täglich brot, ich danke dir oh gott.» – an hohen Feiertagen die gesungene Version.

Selbst im Versagen bin ich aller Übung zum Trotz ein Schlaffi. Auf Stan Wawrinkas Unterarm steht «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Samuel Beckett hat sich diesen Spruch für Hochleistungs-Versager ausgedacht und damit «Stan the Man» prompt zu drei Grand-Slams geführt. Ich dagegen kapituliere bereits bei der Übersetzung und hole mir Hilfe: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuche es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Da rinnt mir schon der Schweiss runter. Die Einsicht kam spät, aber sie kam: Ich bin Durchschnitt. Statt die drei scharfen Ps schaffe ich gerade mal drei lahme Bs: Bieder, brav, bequem.

Wer sich in diesem Moment mit mir runtergezogen fühlt, dem habe ich einen Trost parat: Die Welt braucht unsere Durchschnittlichkeit. Wir senken damit den Leistungsdruck. Wir stärken das Selbstwertgefühl anderer und sorgen für gute Laune. Wer sich mit uns vergleicht, dem bleibt zwangsläufig die felsenfeste Überzeugung: «Ich schaffe das!»