«Resilienz» klingt nach Gummi – nach einem Material, das sich verformt und wieder in seine ursprüngliche Gestalt zurückkehrt. Doch der Mensch ist kein Gummiband. Nach einer tiefen Erschütterung kehren wir nicht einfach dorthin zurück, wo wir vorher standen.
Die grossen Erfahrungen des Lebens – Verlust, Krankheit, Scheitern, Abschied, Streit – hinterlassen Spuren. Wir können nicht ungeschehen machen, was geschehen ist. Doch nicht jede Spur ist eine Wunde, die verschwinden muss. Oft sind gerade diese Erfahrungen wie Pforten zu einer neuen Sichtweise: Sie lösen uns aus der krampfhaften Vorstellung, wir seien nur unsere Pläne, unsere Rollen und unsere Erfolge.
Der tantrische Yogi Milarepa sagt: «Der Fluss kämpft nicht gegen die Steine in seinem Weg.» Häufig verwechseln wir Resilienz mit Unerschütterlichkeit – mit der Fähigkeit, den Stürmen des Lebens standzuhalten. Spirituelle Traditionen erinnern jedoch an eine andere Wahrheit: Leiden entsteht nicht nur durch das, was uns widerfährt, sondern ebenso durch unseren Widerstand dagegen – unseren Groll. Wer stets gegen die Wirklichkeit ankämpft, befindet sich eben ständig in einem Kampf.
Buddha wiederum sagt: «An Groll festzuhalten ist, als würde man selbst das Gift trinken und hoffen, dass der andere den Schmerz spürt.» Loslassen bedeutet nicht, gleichgültig zu werden. Es bedeutet, die Wirklichkeit nicht länger mit geballten Fäusten und angespanntem Kiefer festhalten zu wollen. Wir wachsen nicht daran, dass uns Schwierigkeiten erspart bleiben. Aber zwischen dem, was geschieht, und unserer Antwort darauf liegt ein Raum – und in diesem Raum liegt die Freiheit, innezuhalten und zu fragen, wie es der indische spirituelle Lehrer Ramana Maharshi tut: «Wer ist es, für den dieses Problem entsteht?»
Resilienz bedeutet nicht, unzerbrechlich zu werden. Sie bedeutet, die Brüche des Lebens nicht als Endpunkt zu betrachten. Brüche sind jene Stellen, an denen sich eine Schau nach innen öffnen kann. Sie ist die Fähigkeit, aus dem Erlebten eine neue innere Ordnung entstehen zu lassen.