Schöpfung und Trinität, 1957, Georg Meistermann, Glasfenster in der Lichtkuppel der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a. M.
Hochschule Sankt Georgen
In Österreich grüsst man in leichter Beschwingtheit mit «Servus». Kaum jemand denkt daran, dass das lateinische Wort eigentlich Diener oder Knecht bedeutet. Mit «Servus» wurden einst Bedienstete herbeigerufen. Am kaiserlichen Hof zu dienen, war allerdings nicht nur Unterordnung, es war auch Ehre. Welche bessere Arbeit konnte man finden als bei «k und k», als direkt am Hof der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie? Einem König oder einer Königin dienend nahe zu sein, gilt stets als Privileg. Es gibt Anteil an einer Aura, gibt Zugang zu Wissen und ist mit Schutz verbunden. So ist es nicht verwunderlich, dass Dienerin und Diener Gottes zu sein als mindestens so grosses Privileg verstanden werden kann. Was könnte es Besseres geben, als in Gottes Diensten zu stehen?! In der Bibel tragen Abraham, Mose, David und andere den Ehrentitel Diener bzw. Knecht Gottes. Maria bezeichnet sich als «Magd des Herrn». Über das Arabische ist die alte hebräische Bezeichnung «äväd Adonai» geläufig. Sie wird von Muslimen mit Stolz als Namen getragen: Abdullah, Diener/Knecht Allahs.
Von einem geheimnisvollen Knecht Gottes schreibt das Jesaja-Buch. Besonders tritt er in vier Gedichten hervor. Man nennt sie «Gottesknechtslieder». Dieser Diener muss in seine Berufung hineinwachsen. Auch die Völker müssen lernen, worin seine Aufgabe besteht. Im zweiten Lied erzählt er: «Gott hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, doch hielt er mich zurück im Schatten seiner Hand. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil, doch hat er mich nur in den Köcher gesteckt … Ich dachte, ich arbeite vergeblich.» Voll Tatendrang wollte der Knecht loslegen. Er begriff nicht, dass er für noch eine grössere Aufgabe zurückgehalten wurde. Dann aber erkennt er, dass er nicht nur für Israel, sondern für die ganze Menschheit da ist: «Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten … Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, dass mein Heil bis an die Enden der Erde reicht.»
Das erste dieser Lieder benennt den Inhalt seiner Aufgabe. Gott hat ihn berufen, Recht und Gerechtigkeit aufzurichten, bis zu den fernen Inseln. Nicht mit Pauken und Posaunen, schon gar nicht mit Gewalt. Nicht einmal dort, wo der Sinn für Gerechtigkeit zerbrochen ist, soll er strafend dreinschlagen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht. Er setzt die Gefangenen frei und führt Verblendete zurück ins Leben. Er ist ein Zeichen von Gottes Wirken und verkörpert Gottes Bundestreue, die stets Neuanfang ermöglicht.
Das dritte Lied erzählt, wie der Knecht täglich neu geschult wird: «Gott weckt mich alle Morgen. Er weckt mein Ohr, damit ich höre wie ein Schüler.» Es erzählt aber auch, wie der Knecht abgelehnt wird. Obwohl er nur Recht bringen will, wird er angefeindet: «Ich bot meinen Rücken denen an, die mich schlugen, meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.» Trotz Widerstand bleibt er seinem Auftrag treu und den Menschen zugewandt. Um seine Frustrationstoleranz zu stärken, macht er sich in Gott fest. Seine Gegner, die nichts von Gottes Gerechtigkeit hören wollen, ruft er in den Rechtsstreit vor Gott als den gerechten Richter. Man fragt sich unwillkürlich, warum er so viel Widerstand erlebt. Ertragen die Menschen nicht, dass ihr Unrecht aufgedeckt wird?
Dramatisch spitzt sich die Situation im letzten Lied zu. Der Knecht wird misshandelt. Er ist von Gewalt entstellt, unappetitlich anzusehen. Die Könige und ihre Völker denken, er sei von Gott verworfen und fallengelassen worden. Besonders bitter ist, dass selbst «die Vielen», wohl die Mehrheit im Volk Israel, so denken. Sie folgern: Er muss etwas falsch gemacht haben, sonst würde ihn Gott verschonen. Doch «was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört hat», das tut Gott nun allen kund. Er erklärt, warum sein Knecht Leid und Unrecht ertragen musste: «Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.» Sie beginnen zu erkennen, dass er die Gewalt und Aggression von all jenen ertragen musste, die sich von Gott nicht belehren liessen. Doch seine Gewaltlosigkeit liess das Unrecht ins Leere laufen. Gott spricht: «Nachdem er alles ertrug, erblickt er das Licht … Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht. Deshalb gebe ich ihm Anteil bei den Grossen.» Die «Vielen» kommen durch den Knecht zur Einsicht, und er wird rehabilitiert.
Geheimnisvoll ist dieser Diener Gottes im Jesaja-Buch deshalb, weil ihm selbst, seinen Landsleuten und den Völkern erst mit der Zeit klar wird, was seine Aufgabe ist und welchen Sinn sein Leiden, sein Durchhaltewille und scheinbares Scheitern hat. Die Verstrickung aller in Unrecht und der Weg, wie sie daraus herausfinden, wird nur langsam enthüllt. Zudem sind die Lieder schillernd, weil nicht klar ist, wer dieser Gottesknecht ist. Wir sind in der Situation der Zwangsdeportation nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier. Ist es da der Prophet Jesaja oder sind es die ins Exil deportierten Judäerinnen und Judäer aus Jerusalem? Ist es das Volk Israel als Ganzes? Und an wen ist die Botschaft gerichtet? Wer kommt zur Einsicht? Die Könige und ihre Völker? Sind «die Vielen» die Jerusalemer, die nicht ins Exil mussten?
Diese Offenheit der Gottesknechtslieder hat es der frühen Kirche erlaubt, sie auf Christus zu beziehen. Der Evangelist Lukas deutet mit ihnen die Kreuzigung Jesu. Bis heute gehören sie zur Liturgie in der Karwoche. Bis heute spiegelt sich in ihnen aber auch die Berufung des jüdischen Volkes, das Handeln Gottes in der Menschheit sichtbar zu machen. Auch alle Christen und Christinnen in der Nachfolge Jesu erkennen sich im Gottesknecht. Wer wann zu wem und zu welchem Dienst gerufen ist, muss aber immer wie neu entziffert werden. Und immer wieder neu stellt sich die Frage, warum Dienerinnen und Knechte Gottes so viel Unrecht und Widerstand erleiden.