«Über das Sterben reden ist gesund»

Lebensqualität in der letzten Lebensphase bedingt oft die Entscheidung, unangemessene Behandlungen wegzulassen, sagt Palliativ-Seelsorger Daniel Burger. Ein neuer Kurs hilft Angehörigen und Begleitpersonen dabei.

Ein grosser alter Baum

«Dank der heutigen Medizin kann die Lebensqualität auch im hohen Alter und bei chronischer Krankheit verbessert werden», sagt Daniel Burger. Er ist bei der katholischen Spital- und Klinikseelsorge Zürich Fachverantwortlicher Palliative Care und Palliativseelsorger. Die andere Seite der Medaille: «Sterben wird wie eine Krankheit behandelt, die man bekämpfen will.» Man könne nicht mehr ‘einfach so’ sterben. «Es braucht oft eine Entscheidung: zum Beispiel die Lungenentzündung nicht mehr zu behandeln.» Der Hinweis «keine lebensverlängernden Massnahmen» in der Patientenverfügung lasse die medizinischen Fachpersonen im Einzelfall im Ungewissen. Hier Patientinnen und Patienten, Hochaltrige, Angehörige und freiwillig Begleitende zu informieren und zu unterstützen, ist eine der Aufgaben von Palliative Care – der ganzheitlichen Betreuung und Behandlung von Menschen im Angesicht des Lebensendes. Aber nicht nur: «Wir legen das Augenmerk auf das Leben. Wir fokussieren nicht darauf, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben - wie es die Palliative Care-Pionierin Cicely Saunders so schön gesagt hat.» Und das interdisziplinär: Pflegende, Ärztinnen und Ärzte, Seelsorgende, Freiwillige und weitere Berufsgruppen, die sich am Krankenbett einfinden.

«Wir sind geübt im Machen, aber weniger im Geschehen lassen…»

«Über das Sterben reden ist gesund», hat Daniel Burger immer wieder festgestellt. Wenn es gelinge, die Scheu vor diesem Thema zu überwinden, dann fühle es sich wie eine Befreiung an. «Es fliessen vielleicht die Tränen, aber immer kommt die Rückmeldung: das hat jetzt gut getan.» Das Reden über das Sterben helfe, Vertrauen zu gewinnen ins Leben, zu dem das Ende «todsicher» gehört. «Es trifft uns alle früher oder später. Wenn unsere Grossmutter oder auch ‘nur’ ein Haustier stirbt, wir sind betroffen.» In unserer Kultur sei aber im Umgang damit eine grosse Unbeholfenheit spürbar. «Vielleicht deshalb, weil der Tod nicht etwas ist, das wir machen, sondern etwas, das uns widerfährt. Wir sind geübt im Machen, aber weniger im Geschehen lassen…»

Um diese lebens- und sterbensnotwendigen Kompetenzen zu fördern – am besten noch in jüngeren Jahren und gesund – bietet die ökumenische Spitalseelsorge neu einen dreitägigen Grundkurs für «Nicht-Profis» an. Er vermittelt Wissen zu Palliative Care und bietet Gelegenheit, sich mit der eigenen Sterblichkeit, dem Tod und der Trauer auseinanderzusetzen. Auch Fragen wie «welche Symptome plagen unheilbar Kranke? Wie können wir damit umgehen?» werden behandelt.

Grundkurs Palliative Care - Schwerkranke und Sterbende begleiten

Die Begleitung und Begegnung von schwerkranken Menschen braucht Respekt, Offenheit und Empathie. Der Kurs richtet sich an Personen, die in freiwilligen Einsätzen mit schwerkranken und sterbenden Menschen und ihren Angehörigen in Kontakt treten, die in ihrem persönlichen Umfeld Menschen begleiten und die sich mit Palliative Care vertieft auseinandersetzen möchten.

Flyer und Anmeldung

Bereits seit bald 10 Jahren gibt es den Tageskurs «Letzte Hilfe», der von medizinischen Fachleuten entwickelt wurde und von der ökumenischen Spitalseelsorge empfohlen wird. Bei der «letzten Hilfe» geht es im Gegensatz zur «ersten Hilfe», die das Überleben sichert, ums Gegenteil: «Wie kann ich einen sterbenden Menschen gut begleiten?» Diesen Kurs können Kirchgemeinden und andere Institutionen anbieten. «Sie müssen eigentlich nur den Raum bereitstellen und dazu einladen», sagt Burger. Ein festes Team von Fachleuten führt ihn dann vor Ort durch.

«Es sind Themen, die nicht nur beim Sterben, sondern lebenslang wichtig sind.»

In Gesprächen mit Schwerkranken und ihren Angehörigen komme immer ein Spannungsbogen zum Ausdruck: zwischen Hoffnung und Ergebenheit, Freiheit und Angewiesensein, Glaube und Zweifel, Fluchen und Segnen… Themen, die nicht nur beim Sterben, sondern lebenslang wichtig sind. Gerade darum sei reden über das Sterben gesund. «Das Leben wird menschlich, tief, und es fällt vieles weg, wovon man oft meint, es sei wichtig. Man merkt, welche Beziehungen tragen und welche nicht.»

Der Theologe Daniel Burger ist bei der katholischen Spital- und Klinikseelsorge Fachverantwortlicher «Palliative Care», Co-Leiter der ökumenischen Palliativ-Seelsorge, und Vorstandsmitglied bei «palliativ zh+sh» sowie beim Verein «Palliative Care Netzwerk Zürcher Unterland». Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Zusammen mit seiner Frau bietet er Kurse in der japanischen Schwertkunst an, einer Form von Meditation in Bewegung.

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