Als Jesus von Nazareth gekreuzigt wurde, wich Maria von Magdala nicht von seiner Seite, während die Männer davonliefen (Mt 27,56). Nach der Grablegung Jesu wird Maria Magdalena zur ersten Zeugin und Verkünderin der Auferstehung, als sie in ihrer Trauer früh am Ostermorgen zum Grab geht. Doch mehr ist in der Bibel nicht über Maria von Magdala zu finden: Bereits in der Apostelgeschichte, die vom Beginn des Christentums erzählt, ist von Maria Magdalena keine Rede mehr. Nur noch die Legenden erzählen von ihr. Nach der Tradition der Ostkirche folgte Maria Magdalena der Gottesmutter Maria und dem Jünger Johannes nach Ephesus. Im Abendland hingegen hat sich die Erzählung verbreitet, die drei Marien wären in der Provence gelandet und Maria Magdalena habe fortan in der Höhle von Sainte-Baume als Büsserin gelebt.
In der Kunstgeschichte wurde Maria Magdalena fälschlicherweise meist als halbnackte Sünderin dargestellt.
Obwohl sie in der Bibel also nur kurz erwähnt wird: Maria Magdalena genoss hohe Popularität. Bei den Kirchenvätern spielte sie eine grosse Rolle: Als Verkünderin der Auferstehung sah man in ihr die «Apostelin der Apostel». Sie wurde als «neue Eva» gedeutet, die der «gefallenen Menschheit» den Weg zurück zum Heil wies. Die spätere Deutung, die reuige Sünderin, die Jesus salbte (Lk 7,36-50), sei Maria Magdalena, passte perfekt zu dieser Erzählung der «neuen Eva». Schreitet man durch Kirchen und Museen, trifft man daher selten auf Darstellungen der Apostelin Maria Magdalena. In der Kunstgeschichte wurde Maria Magdalena bevorzugt als halbnackte Sünderin dargestellt. Spätestens ab der Renaissance bot dieses Motiv den Künstlern einen hervorragenden Anlass, den weiblichen Körper darzustellen.
Wie kam es zu diesem Imagewandel? Die Gründe sind vielfältig: Die Alte Kirche liebte wie jede Zeit grosse Geschichten. Bekehrung sollte möglichst eindrücklich dargestellt werden, je grösser und gewaltiger, desto besser: Das Drehbuch dafür war relativ klar: Der Verbrecher wandelt sich zum büssenden Einsiedler, der König legt seine Krone nieder und wird zum Bettler und bei der Frau ist es eben die Wandlung von der Prostituierten, die die Nichtigkeit der Welt erkennt und sich büssend zum Gebet in die Einöde zurückzieht.
Mehrere Bibelstellen und verschiedene Frauen wurden zur Figur der «reuigen Sünderin» uminterpretiert.
Erst die neuere Bibelwissenschaft hat klargestellt, dass in diesem Bild der Maria Magdalena gleich mehrere Bibelstellen und verschiedene Frauen vermischt wurden: Denn neben der Auferstehungszeugin Maria von Magdala gibt es noch Maria, die Schwester des Lazarus, sowie zwei namenlose Frauen: die Sünderin, die Jesus unter Tränen die Füsse salbte, sowie eine Frau, die ihn am Kopf salbte.
Grossen Einfluss erlangte Papst Gregor der Grosse, der in einem Trostbrief diese vier Figuren zu einem einzigen «Heldenbild» zusammenfügte: der reuigen Sünderin, die ihren Reichtum verlässt, um hörend zu Füssen Jesu zu sitzen, die ihn schliesslich salbt und später auch seine Auferstehung verkündet. Im Mittelalter wurde diesem Bild dann auch noch die legendäre Figur der ägyptischen Maria hinzugefügt, einer von langen Haaren bedeckten Frau, die dem lasterhaften Leben als Prostituierte entsagt hatte und sich dem büssenden Gebet in der Wüste zugewandt hat.
In der ostkirchlichen Tradition wird Maria Magdalena meist als Jüngerin und erste Zeugin der Auferstehung dargestellt. Sie hält fast immer ein Gefäß mit Myrrhe in der Hand oder manchmal ein rotes Ei in der Hand, als Symbole ihres Glaubens und der Verkündigung an die Apostel.
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In neuerer Zeit haben feministische Theologinnen diese Umdeutung von Maria aus Magala in eine reuige bekehrte Prostituierte als «Ausgeburt männlicher Frauenverdächtigung» kritisiert, derzufolge Frauen nur als asexuelle Heilige oder verführerische Huren gesehen werden. Indem die Bibelwissenschaft das mittelalterliche Bild der vier Frauen aufgelöst und Maria von Magdala wieder herausgelöst hat, wurde die erste Apostelin rehabilitiert: eine kranke Frau, die von Jesus geheilt und zu seiner treuesten Nachfolgerin wurde. Erst 2016 hat Papst Franziskus Maria von Magdala den Aposteln liturgisch gleichgestellt. Der 22. Juli ist ihr Feiertag.