Das Gymnasium Friedberg am Ortsrand von Gossau im Kanton St. Gallen: eine Schule, geführt und betrieben von Pallottiner-Patres – eine katholische Schule also, aber offen für Schülerinnen und Schüler jeder Herkunft. Auch wenn zu unserer Zeit nur noch wenige Patres im Schulalltag tätig waren: Christliche Werte waren auf dem Friedberg wichtig, aber ebenso ein liberales, sehr menschliches Verständnis von Gesellschaft.
Hier gingen Beat Grögli und ich zwei Jahre lang miteinander zur Schule, bevor wir 1991 die Matura machten. Beat lebte in Wil, ich in der Stadt St. Gallen, beide fuhren wir Morgen für Morgen nach Gossau und verbrachten dort unsere Schultage. Beat studierte nach der Matura Theologie. Er liess sich zum Priester weihen, war Vikar in einer Pfarrei in der Stadt St. Gallen und absolvierte anschliessend noch ein Psychologie-Studium in Rom. Bevor er im Sommer 2025 Bischof des Bistums St. Gallen wurde, wirkte er als Dompfarrer in der Kathedrale St. Gallen.
In den 34 Jahren seit der Matura haben wir uns nur selten gesehen. Doch wie ich mit Beat in seiner Wohnung im St. Galler Stiftsbezirk sitze und Kaffee trinke, herrscht sofort wieder die alte Vertrautheit. Beat lebt vorerst weiter in der Wohnung des Dompfarrers. Denn im Bischofshaus nebenan lärmen die Baumaschinen. Es wird renoviert, bevor der Neue einzieht.
Beat, erinnerst du dich gerne zurück an unsere Gymi-Zeit?
Sehr. Es waren für mich prägende Jahre.
Welche Erinnerungen sind die stärksten?
Theaterspielen war sehr wichtig. Wir führten «Unsere kleine Stadt» von Thornton Wilder auf und «Der Bürger als Edelmann» von Molière. In eine Rolle hineinschlüpfen und mit der ganzen Crew ein Theater auf die Beine stellen: Das fand ich grossartig.
Wir – deine ehemaligen Klassenkolleginnen und -kollegen – haben uns sehr über deine Bischofswahl gefreut. Aber überrascht war niemand. Alle fanden: Dass der Grögli einmal Bischof wird – das war klar. War es das für dich auch?
Ich wollte Priester werden und in einer Pfarrei tätig sein. Das war mein Ziel. Einmal Bischof zu werden, war dagegen nullkommanull mein Plan. Ehrlich! Das hat sich erst in den letzten Jahren ein bisschen geändert. Als Dompfarrer steht man automatisch im Schaufenster. Zudem habe ich in zwei Krisensituationen wohl nicht so schlecht reagiert. Weshalb einige Leute zu mir sagten: Lehne dann bitte nicht ab, wenn dein Name bei der Bischofswahl auf der Liste steht.
Welche Krisen?
Die eine war Corona, die andere die Pilotstudie zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Die Studie führte bei den Mitarbeitenden zu einer gewaltigen Erschütterung.
Was hast du als Dompfarrer gemacht?
Wir riefen rasch die Seelsorgerinnen und Seelsorger aus der Region zusammen. Damit diese die Möglichkeit erhielten, sich auszutauschen und zu erzählen, wie die Studienergebnisse sie aufwühlten. Dann schalteten wir im «St. Galler Tagblatt» ein ganzseitiges Inserat mit dem Titel «So nicht!».
…im Inserat habt ihr geschrieben, die Missbrauchsfälle verlangten einen «Kultur- und Strukturwandel» in der katholischen Kirche. Damit sich wirklich etwas ändere, müssten «die grundlegenden Mechanismen der Kirche angegangen werden», konkret: die Machtfrage, die Sexualmoral, das Priesterbild, die Rolle der Frauen sowie die Ausbildungs- und Personalpolitik.
Wir brachten damit zum Ausdruck, dass wir anders Kirche sein wollen und unser Engagement einer anderen Kirche gilt. Sehr viele Seelsorgerinnen und Seelsorger unterschrieben das Inserat.
Dieses Kirche-Sein-Wollen: Dem hast du dich ganz verpflichtet. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich Priester werden liess?
Ich war 14- oder 15-jährig, als der Stadtpfarrer von Wil in einer Predigt sagte, es sei doch schade, dass immer weniger Männer Priester werden würden. Irgendwie hat das bei mir eingeschlagen. Dabei war ich gar nicht so engagiert in der Kirche. Ich war zum Beispiel nie Ministrant. Aber auf dem Heimweg nach dieser Predigt fand ich: Er hat recht! Ich möchte das tun! Zuhause sagte ich den Eltern, dass ich ins Gymnasium wolle. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Da war weit und breit niemand mit einer Matura.
Wie reagierten die Eltern?
Ich sagte ihnen nicht, dass ich Priester werden möchte. Ich sagte nur, dass ich von der Sekundarschule ans Gymnasium wechseln wolle. Die Eltern schlugen vor, zu einem Berufsberater zu gehen. Dem habe ich vom Berufswunsch berichtet, ihn aber gebeten, den Eltern nichts davon zu erzählen. Das hat er respektiert und in der Besprechung mit den Eltern gesagt, dass ich das Gymnasium schaffen würde und gute Voraussetzungen für einen sozialen Beruf hätte.
Im Gymi hast du dann kein Geheimnis mehr aus deinem Priester-Wunsch gemacht. Das fanden wir anderen, die damals gerade damit beschäftigt waren, erste sexuelle Erfahrungen zu machen, ziemlich sonderbar. Gleichzeitig haben wir dich alle sehr gemocht. Du warst ein unglaublich feiner Kollege. Immer hilfsbereit, immer solidarisch, immer fröhlich. Wie war es für dich?
Ich fühlte mich in unserer Klasse sehr akzeptiert – so, wie ich war, mit diesem, wie soll ich sagen, «originellen» Berufswunsch. Diese Akzeptanz fand ich grossartig. Aber ich fand es eben überhaupt grossartig, wie in dieser Schule die verschiedensten Menschen – es gab ja noch andere schräge Vögel – ihren Platz hatten und einfach dazugehörten. Ich habe mich sehr wohl gefühlt.
Aber wie war das ganz konkret? Zum Beispiel die Schulfeste – es wurde geflirtet, manche verschwanden zusammen. War das kein Stress?
Ehrlich, das hat mich nicht belastet. Ich glaube, ich konnte dieses Thema auf die Seite legen. Ich würde nicht sagen, ich hätte es unterdrückt. «Auf die Seite legen» trifft es besser. Natürlich weiss ich heute: Man kann das Thema Sexualität nicht einfach in einer Schublade versorgen und meinen, es bleibe dort drin. Die Auseinandersetzung damit ist dann schon noch gekommen. Aber damals, in der Schule, war meine Haltung: Ihr habt euren Weg, und ich gehe jetzt halt einen anderen – und fühle mich deswegen nicht unerfüllt.
Es gibt eine kleine Anekdote, die mir vielleicht auch deshalb in Erinnerung geblieben ist, weil du das Thema Sexualität in dieser Situation quasi demonstrativ zur Seite legtest – was sonst nicht deine Art war. Ich muss noch vorausschicken: Du warst das Super-Brain der Klasse. Niemand war auch nur annähernd so gut wie du. Immer hattest du Bestnoten. Bis zu dem Tag, an dem wir in der Biologie eine Prüfung zum Thema Verhütung hatten. Da schriebst du die vermutlich einzige ungenügende Note deiner gesamten Gymi-Zeit… was wir anderen natürlich sehr lustig fanden.
Oh ja, daran erinnere ich mich. Ich war ungenügend, das stimmt. Aber ich muss zu meiner Ehrenrettung sagen: Es gab in jener Prüfung einen Gender-Gap. Ich weiss nicht, welche Note du hattest, aber die Jungs waren alle schlecht – durchgehend schlechter als die Mädchen. Deshalb hat uns Vu (unser Biologielehrer namens Vuilleumier) nach der Prüfung ja auch eine Standpauke gehalten. Er war unglaublich wütend: «Typisch Männer, null Interesse am Thema, überlassen alles den Frauen.» Aber die Geschichte geht ja noch weiter.
Ah, ja?
Einige Monate später hatten wir Biologie-Matura. Die Prüfung war mündlich und umfasste den gesamten Stoff. Ich büffelte dieses Verhütungs-Thema wie ein Verrückter. An der Prüfung mussten wir per Los ein Thema ziehen. Und ich zog prompt die Verhütung. Ich referierte Vu in Grund und Boden – und holte eine glatte Sechs.
Als ich mich auf dieses Gespräch vorbereitete, holte ich unsere Maturazeitung vom Estrich…
…die steht bei mir auch noch im Gestell…
…du schilderst darin in einem fiktiven Brief an den damals bereits verstorbenen Heinrich Böll, wie sehr dich dessen Buch «Ansichten eines Clowns» berührt habe – ganz besonders die Stellen, wo Böll «gegen gefühllose Menschen wettert».
Das Buch erzählt von einer Liebesbeziehung, die in katholischen Kreisen einfach nicht ging. Dem Protagonisten wird dann geraten, er solle seine Gefühle unterdrücken, und er bekommt Tipps, wie man das macht – halt die klassischen Askese-Tipps. Der Umgang mit und das Zulassen von Gefühlen ist ein Thema, das mich begleitet. Mir war immer sehr wichtig, dass ich als ganzer Mensch Priester werden konnte, nicht als halber. Und natürlich soll das ganz allgemein gelten. Jeder Mensch muss als ganzer Mensch im Leben Platz haben und damit auch in der Kirche. Oder um es zeitgemässer zu formulieren: Es geht mir um Diversität. Darum, dass Menschen in ihrer Vielfalt – zum Beispiel mit ihren verschiedenen sexuellen Orientierungen – ganz selbstverständlich leben können.
In der Maturazeitung sammelten wir auch die besten Sprüche unserer Lehrerinnen und Lehrer. So sagte Pater Mauchle eines Morgens vor der Klasse: «Letzte Nacht hatte ich den idiotischsten Traum, den ich je gehabt habe. Ich träumte, ich sei Papst geworden.» Ist das ein typischer Priester-Traum?
Also ich hatte diesen Traum noch nie…
…und du hast auch keine Alpträume zu deinem neuen Amt?
Nein. Es gibt Leute, die sagen zu mir: «Dieses Amt ist nur schwer.» Ich sehe das nicht so. Ich finde, es ist eine tolle Aufgabe, in der man viel gestalten kann. Zudem bin ich ja nicht allein. Es gibt eine Bistumsleitung. Da diskutieren wir die wichtigen Fragen. Aber natürlich wird es schwierige Momente geben. Wenn ich einen Entscheid mittragen muss, der mir eigentlich missfällt. Oder wenn ich einen Entscheid nicht so erklären kann, wie ich es gerne möchte, weil ich nicht alles sagen darf. Aber solche Momente erleben auch andere. Politikerinnen und Politiker zum Beispiel.
Momente, in denen man sich einsam fühlt…
Solche wird es geben. Da mache ich mir nichts vor. Wichtig ist einfach, dass mich das Amt nicht deformiert. Ich habe drum zu meinen Freundinnen und Freunden gesagt: Sagt mir unbedingt, wenn ich komisch werde. Wenn ich irgendeinen Tick entwickle und ihr findet: Also jetzt spinnt er…
Beat Grögli beschloss als Teenager, dass er Priester werden möchte. Mit 54 wurde er zum Bischof geweiht.
Boris Müller
Die Erwartungen an dich sind hoch – und kommen von allen Seiten. Wie gehst du damit um?
Ganz neu ist das nicht für mich. Auch als Dompfarrer ist man mit Erwartungen konfrontiert. Aber klar, ich kann jetzt mehr entscheiden und verstehe, wenn die Leute zu mir sagen: Du hast jetzt die Position, es anders zu machen. Zum Beispiel die Rolle der Frau neu zu gestalten. Das ist ein wichtiges Thema. Wenn man dabei allein auf die Frage des Frauenpriestertums fokussiert, macht man sich allerdings unglücklich. Weil die Entscheidung hier nicht bei uns liegt, auch nicht bei der Schweizer Bischofskonferenz. Wir müssen in dieser Frage unbedingt alles ausschöpfen, was in unserer Kompetenz liegt: Frauenförderung, Frauen in Leitungs- und Entscheidungspositionen. Da haben wir noch viel Luft nach oben.
Und wenn ich trotzdem eine Antwort möchte auf die Frage: Was findet Bischof Beat zur Frauenordination?
Dann antworte ich: Die theologische Argumentation gegen die Frauenordination ist schwach. Sie «verhebed» für mich nicht. Aber mir ist klar, dass das kulturell eine immense Umwälzung bedeuten würde. Das wurde mir am Babybischof-Kurs drastisch bewusst.
Babybischof-Kurs?
Das ist ein Kurs für alle neuen Bischöfe. Die werden nach Rom eingeladen. 200 neue Bischöfe aus der ganzen Welt. Ich fand’s spannend. Und irgendwann ging mir auf: Ich bin nun seit Tagen nur von Männern umgeben, von früh bis spät. Alle Bischöfe: Männer. Alle Referenten: Männer. Unsere Betreuer im Haus, in dem wir untergebracht waren: alles Männer – nämlich Priester, die sonst in diesem Kolleg wohnen und jetzt für uns den Hausdienst machten. Eine reine Männerwelt.
Die Diversität, die dir so wichtig ist, ist also noch ausbaufähig…
Oh ja! Papst Franziskus hat erstmals eine Präfektin ernannt. Auf der politischen Ebene würde man sagen: eine Ministerin. Im Vatikan. Die erste Frau seit 2000 Jahren. Die Ernennung ist jetzt schon eine Zeit her – und man übt im Vatikan noch immer am Umgang mit der Situation. Inzwischen ist zusätzlich ein Propräfekt ernannt worden. Die Präfektin hat also einen Mann zur Seite gestellt bekommen. Man traut der Präfektin das Amt nicht zu. Das zeigt, welch gewaltige Revolution das Frauenpriestertum wäre. Damit sind Ängste verbunden. Es gibt in der katholischen Kirche Männer, für die das Frauenpriestertum psychologisch total bedrohlich ist. Ich glaube, dass die Argumente gegen die Frauenordination viel mit diesen Ängsten zu tun haben.
Es gibt ja noch mehr schwierige Themen: Sexualmoral, Umgang mit Homosexuellen und generell mit LGBTQI-Menschen, Wiederverheiratung von Geschiedenen – kannst du offen sagen, was du dazu denkst?
Ich bin sehr froh um Papst Franziskus, der gesagt hat: Es ist wichtig, dass man immer die Bedürfnisse des einzelnen Menschen im Auge hat – und auf diese Bedürfnisse seelsorgerlich eingeht. Franziskus hat die Lehre der Kirche nicht markant geändert. Er hat ein paar Versuchsballone steigen lassen. Zum Beispiel zur Segnung von Homosexuellen. Da hat er ein sehr, sehr vorsichtiges Schreiben herausgegeben. In Europa fand man das Papier lächerlich, weil es nur einen Minischritt macht. In Afrika und Asien stiess dagegen bereits dieser Minischritt auf totale Ablehnung. Ich gehöre als Bischof zum weltweiten Bischofskollegium. Damit ist eine gewisse Loyalität verbunden. Es gibt Positionen, da kann ich mich nicht öffentlich dagegen äussern. Aber ich habe dann immer noch die Möglichkeit, einfach nichts zu sagen. Und ganz sicher lasse ich mir die Freiheit nicht nehmen, im konkreten Fall das zu machen, was ich als Seelsorger richtig finde. Hier kann ich mich auf Papst Franziskus berufen.
Ein bisschen kompliziert ist das Balancieren zwischen abstrakter Lehre und konkretem Alltag aber schon…
Letztlich geht es immer um den Menschen – gerade auch in der Beziehung zu Gott. Ich glaube, dass es eine Beziehung gibt zwischen Gott und dem Menschen und dass der Mensch Erfüllung finden kann, wenn er die Dimension «Gott» mitbedenkt. In unserer Gesellschaft geht es ständig ums Optimieren. Man muss immer noch besser und schöner und erfolgreicher werden. Das ist fast ein Dogma. Da kann die «andere» Botschaft wahnsinnig entlastend sein: Schau, einer hat zu dir immer schon Ja gesagt. Egal, was du aus dir machst: Das Ja gilt. Wenn ich an dieses Ja glauben kann, nimmt das extrem viel Stress weg.
Du hast vor deiner Wahl in einem Interview gesagt, dein Lieblingsheiliger sei Don Bosco mit seinem Lebensmotto: «Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.» Auch dein Motto?
Das «St. Galler Tagblatt» titelte über den Kommentar zu meiner Ernennung: «Bischof Beats Reform beginnt leise». Das hat mir sehr gefallen. Wer mich kennt, weiss, dass ich sicher nicht stehen bleiben werde. Ich gehe Themen an, auch schwierige. Aber ich bin keiner mit einer lauten Röhre. Ich sage jetzt etwas Persönliches: Meine Mutter war sehr streng mit mir in Bezug auf meinen Weg. Sie war nicht so begeistert von der Priester-Idee – umso eindringlicher mahnte sie mich: «Hinter dem, was du sagst, musst du stehen können. Das dürfen nicht einfach schöne Phrasen sein.» Das ist bei mir sehr tief drin. Darum sage ich manchmal lieber etwas weniger.
Hannes Nussbaumer ist Projektleiter Kommunikation im Generalsekretariat der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich.
Dieses Interview ist zuerst im Magazin Wendepunkte in Ausgabe 5/Januar 2026 mit dem Thema «Religion» erschienen. Wendepunkte ist das Magazin der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich.