Im Licht der Abendsonne versammelt sich eine bunte Gruppe Läuferinnen und Läufer auf dem Marktplatz in Oerlikon. Jeden Dienstag, bei Wind und Wetter, starten sie von hier aus zu einer gemeinsamen Stunde Laufen. Manche sind seit vielen Jahren dabei, andere erst seit wenigen Monaten. Die einen kommen jeden Dienstag, andere nur sporadisch.
Treffpunkt: Lauftreff
Martina läuft bereits seit 2008 mit und ist heute eine der Guides von «CityRunning Nord». Ein Highlight sind für sie die Gespräche während des Laufens: «Es ist faszinierend, von den Lebenswelten der anderen zu erfahren, die oft so anders sind als meine.» Da ist die Schlafforscherin, die neue Erkenntnisse teilt, oder Enrico, der im Brocki der Heilsarmee arbeitet. Ein anderer macht gerade seine Lehre. Dazu kommen Expats, ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling, der eine Zeit lang mitlief, genauso wie ein Mann aus einem Heim für Menschen mit Beeinträchtigung. Die Gruppe will für alle offen sein.
Fragt man die Teilnehmenden, warum sie in der Gruppe mitlaufen, sind die Antworten so vielfältig wie die Gruppe selbst. Der Co-Guide Enrico zieht aus der Gruppe seine Motivation – besonders wenn es regnet oder er mal keine Lust hat. Friederike, die direkt nach der Arbeit beim Sternen Oerlikon zum Lauftreff dazustösst, geniesst das Gefühl von Sicherheit in der Gruppe – besonders im Winter, wenn es schon dunkel ist. Sie kann bei nichts so gut abschalten wie beim Laufen. Der dienstägliche Lauftreff ist eine Konstante für sie und doch niederschwellig.
Auch Roger schätzt diese Unverbindlichkeit: keine Anmeldung, kein Zwang, man macht mit, wenn man Lust hat. Derek beispielsweise hat als Vater junger Kinder nicht viel Zeit für Sport. Doch diese eine Stunde am Dienstagabend, die nimmt er sich – und nutzt sie gleichzeitig, um sein Deutsch zu verbessern.
Im «CityRunning Nord» können Menschen gleichzeitig abschalten und andere Lebenswelten entdecken.
Christoph Wider
Pünktlich um 19 Uhr geht es los. Die Guides wechseln sich ab und wählen Routen, die die Stadt neu entdecken lassen: mal hinauf zum Käferberg, mal in Richtung Züriberg. Man lernt ganz neue Ecken von Zürich kennen und kann einfach der Gruppe hinterherlaufen, ohne sich um den Weg zu sorgen. Dabei hält die Truppe einen 6er-Schnitt
(10 km pro Stunde) – doch Livio betont: «Es ist eine Spassgruppe. Es geht nicht um Leistung.» Ganz in diesem Sinne gehen sie am Ende ab und an noch in den Biergarten «eis go zieh».
Treffpunkt: Repair Café
Im ersten Obergeschoss der alten Wäscherei in Zürich öffnet jeden Montagabend von 17 bis 21 Uhr das «Recreazzz» seine Türen für alle, die nicht einfach hinnehmen wollen, wenn etwas kaputt ist. In der offenen Reparaturwerkstatt, auch Repair Café genannt, kann jeder seine Elektrogeräte, Kleider, Velos, Möbel oder Haushaltsgegenstände selbst reparieren – mit Hilfe von Fachpersonen und dem nötigen Werkzeug. Das Motto lautet: «Repariert werden kann alles, was sich öffnen lässt.»
Oft steckt hinter einem defekten Gerät nur ein einfacher Bruch im Stromkabel oder Netzstecker, eine kaputte Temperatursicherung oder ein lockerer Kontakt. Das lässt sich einfach austauschen. Mit ein wenig Anleitung und den richtigen Werkzeugen lassen sich Lampen, Kaffeemaschinen oder andere Alltagsbegleiter schnell wieder flottmachen.
Heute kommt Sabine mit einer defekten Kaffeemaschine. «Jedes Mal, wenn ich einen Kaffee mache, läuft Wasser aus», erklärt sie. Benjamin nickt – solche Fälle kennt er zuhauf, schliesslich betreut er das «Recreazzz» schon seit vier Jahren. Gemeinsam suchen sie den Fehler, lassen nicht locker, bis sie ihn finden: Ein Schlauch führt ins Leere. Eine schnelle Suche im Internet, ein paar Handgriffe – und schon sprudelt der Kaffee wieder, ohne dass zugleich Wasser aus der Maschine sprudelt. «Ich wollte sie nicht einfach wegwerfen», sagt Sabine. «Und jetzt funktioniert sie wieder!»
Während Sabine die reparierte Kaffeemaschine wieder zusammensetzt, berät Benjamin eine andere Kundin, die am selben Tisch sitzt. Sie hofft, ihre Spiegelreflexkamera zu retten. Dann kommt ein Student, der sein Velo flicken möchte.
Die Besucherinnen und Besucher kommen aus allen Ecken des Kantons, bringen unterschiedliche Projekte mit und unterscheiden sich in Alter und Lebensphase. Die einen bringt die Liebe zu einem Gegenstand hierher, wie der Toaster, der schon seit zwanzig Jahren im Einsatz ist. Andere motivieren knappe Finanzmittel. Viele Studierende können es sich schlicht nicht leisten, für jedes kaputte Gerät ein neues zu kaufen. Oder sie reparieren der Umwelt zuliebe. Wieder andere reizt die Herausforderung, etwas selbst zu reparieren – ganz im Sinne der Konsumentenbewegung für ein Recht auf Reparatur. Ihr Motto: «Ein Gerät gehört dir nur, wenn du es reparieren kannst.» Sie alle verbindet, dass sie es nicht einfach hinnehmen möchten, wenn etwas defekt ist.
Im hinteren Teil des «Recreazzz» gibt es eine Textilwerkstatt. Hier stehen Nähmaschinen und andere Werkzeuge zur Verfügung, um Kleider zu reparieren, kreativ upzucyceln oder gleich ganz neu zu entwerfen. Livia, ursprünglich Informatikerin, lernt Modedesign und hat ein eigenes Modelabel, das «Maison Stoeckli». «Ich mache Upcycling-Modekreationen mit afrikanischen Mustern und bunten Stoffen», erklärt sie. «Es gibt immer nur ein Stück.» Damit setzt sie einen bewussten Kontrast zur Massenproduktion der Modeindustrie.
Gerade arbeitet Livia an einer Hose. Konzentriert paust sie die Linien des Stoffmusters ab. Wenn Livia Fragen hat oder ihre neuste Designidee diskutieren möchte, kann sie sich an Henriette wenden, eine ausgebildete Schneiderin, die sich mit anderen in der Betreuung der Textilwerkstatt abwechselt. Was das «Recreazzz» für sie bedeutet? Selbstständigkeit, Selbstermächtigung, Raum für Kreativität – und: Es ist ein «Share-Ort», ein Ort, an dem Menschen ihr Wissen teilen.
In der Schweiz gibt es über 250 Repair Cafés. Das «Recreazzz» ist in der Reparaturszene bekannt, immerhin existiert es schon seit sechs Jahren – keine Selbstverständlichkeit für einen Ort, der von Freiwilligen betrieben wird. Als Verein organisiert, finanziert sich die Werkstatt durch Mieteinnahmen aus den Ateliers im hinteren Teil des Stockwerks und vor allem durch Spendengelder.
Orte wie das «Recreazzz» leben von freiwilligem Engagement und von Menschen wie Benjamin, der jeden Montag zuverlässig die Türen öffnet und die offene Reparaturwerkstatt betreut. Ohne Menschen wie ihn gäbe es Orte wie diesen nicht.
Treffpunkt: Mittagstisch
Seit 2014 lädt die Pfarrei Maria Lourdes in Zürich-Seebach an jedem letzten Donnerstag des Monats Menschen zum Gratis-Mittagstisch ein. Was als kleine Initiative aus dem Geist christlicher Nächstenliebe begann, ist heute ein lebendiger Treffpunkt für bis zu 180 Gäste – ein Ort, an dem Unterschiede überwunden und Verbindungen geknüpft werden.
Für viele ist der Mittagstisch mehr als nur eine Mahlzeit. Markus, der fast jeden Monat kommt, sagt: «Es ist schön, einmal im Monat mit den Leuten zusammenzusitzen. Der Austausch zwischen Alt und Jung, das Soziale – das gibt mir das Gefühl, geerdet zu sein.» Auch Elisabeth, die schon seit vierzehn Jahren zum Mittagstisch kommt, tut es wegen der Gesellschaft. Sie ist gerne mit Menschen verschiedener Nationalitäten zusammen, und sie versteht das als Beitrag zur Völkerverständigung, denn Frieden ist ihr ungemein wichtig. Sie selbst kam vor zweiundfünfzig Jahren aus Ungarn in die Schweiz und gibt heute anderen Neuankömmlingen Starthilfe, damit sie sich zurechtfinden.
Für Marlies, Maria und Anna ist der Mittagstisch eine Möglichkeit, der Einsamkeit zu entfliehen. Seit sie verwitwet sind, suchen sie hier Gesellschaft, Abwechslung und die Gelegenheit, gemeinsam zu lachen. Die Sprache ist dabei nicht wichtig; mal plaudern sie auf Italienisch, mal auf Deutsch oder Französisch – Hauptsache, sie verstehen sich.
Manchmal gibt es Konflikte ums Essen und darum, wer wie viel erhält. Denn «die Angst, zu wenig zu kriegen, die sitzt bei manchen tief», sagt Denise, die den Mittagstisch mit ihrem Team organisiert. Manche nehmen sich mehr, als sie aufessen können, und werfen Reste weg, was Denise besonders ärgert. Dann erklären sie und ihre Helferinnen bei der Essensausgabe geduldig, dass es genug für alle hat und dass es besser ist, sich zunächst weniger zu nehmen und später nachzuschöpfen. So wird der Mittagstisch zugleich zu einem Ort, an dem die Gäste lernen, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.
Der Mittagstisch in Maria Lourdes ist ein lebendiger Treffpunkt für bis zu 180 Gäste.
Christoph Wider
Daneben gibt es Menschen wie Giuseppe, der anfangs nicht kam, weil er annahm, der Mittagstisch sei nur für Bedürftige. Inzwischen ist er ein Dauergast – nicht wegen des Essens, sondern einfach für den Austausch. Um denen, die weniger haben als er, den Vorrang zu geben, wartet er geduldig, bis alle bedient sind, bevor er sich selbst schöpft.
«Das grosse Vertrauen, das unser Pfarrer Martin uns entgegenbringt, macht es einfach, mit anderen Menschen zu schaffen», sagt Denise noch, «denn wir können das uns gegebene Vertrauen an die Teilnehmenden weitergeben.» Vermutlich ist genau das eine der Grundvoraussetzungen für gesellige Orte: Gestaltungsfreiheit und Vertrauen.
Das Essen für den Mittagstisch erhalten Köchin Martina und ihr Team grösstenteils von der Schweizer Tafel. So können sie das Essen einmal im Monat am Donnerstag kostenlos anbieten – anders als beim wöchentlichen Mittagstisch am Dienstag, der 10 Franken kostet, was sich nicht alle leisten können.
Es wird auch mal politisch am Tisch, geht es beispielsweise um den Krieg in der Ukraine. Dazu gibt es zwischen Ungarn, Rumänen und Ukrainerinnen durchaus unterschiedliche Ansichten. Am Ende zählen aber in der Regel nicht die Herkunft oder Meinungsunterschiede, sondern das Zusammensein. Der Mittagstisch in Maria Lourdes ist ein Ort der Begegnung, an dem Menschen verschiedener Generationen, Nationalitäten und mit unterschiedlichen Lebensgeschichten zusammenkommen. Ob aus Einsamkeit, aus Freude am Austausch oder einfach, weil es schön ist, gemeinsam zu essen – hier finden alle einen Platz. Dieser Ort ist deshalb mehr als ein Projekt, er ist ein Stück gelebte Gemeinschaft.
Ob beim gemeinsamen Laufen, Reparieren oder Essen: Alle drei Orte, die wir besucht haben, sind dadurch verbunden, dass sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. Sie leben von Offenheit, Freiwilligkeit, Vertrauen und von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Gemeinschaft entsteht hier nicht durch grosse Programme, sondern durch gemeinsame Interessen, regelmässige Begegnungen und die Möglichkeit, zwanglos dazuzukommen. Vielleicht liegt darin auch eine wichtige Erkenntnis für Pfarreien: Begegnungsorte entstehen dort, wo Menschen willkommen sind, mitgestalten können und sich als Teil einer Gemeinschaft erleben – unabhängig davon, woher sie kommen – unabhängig davon, weshalb sie ursprünglich gekommen sind – und unabhängig davon, was sie sonst noch bewegt.