Widmer & Binotto

Weshalb macht Halbwissen selig?

Beim ersten Kind war mein vorväterliches Selbstbewusstsein völlig ungetrübt, weil ich keine Ahnung hatte. Beim zweiten hatte ich meine ersten Gehversuche komplett vergessen. Beim dritten war ich überzeugt, endlich sicheren Stand zu haben. Und beim vierten hielt ich mich nur noch durch Gottvertrauen aufrecht. Nur dank der magischen Kombination von Ahnungslosigkeit und Zuversicht habe ich mir das Vatersein immer wieder von Neuem zugetraut. Mit der Zeit begannen mir zwar Erkenntnisse zu dämmern, aber gemildert durch meine Vergesslichkeit festigte sich in mir jenes selige Halbwissen, das mich seither durchs Leben trägt.

Halbwissen ist eine Superkraft. Dank ihr trauen sich Menschen, verrückte Entscheidungen und  abenteuerliche Projekte zu. Dank ihr gelingt der Aufbruch ins Ungewisse. Allerdings: Es ist nicht leicht, sich sein Halbwissen zu bewahren. Eine Superkraft wird daraus erst, wenn es immer wieder durch Halbahnungslosigkeit resettet wird.

Das Kryptonit des Halbwissens ist deshalb die vollkommene Gewissheit. Wer nach ihr verlangt, wird niemals loslaufen. Oder wie es der Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal sehr sinngemäss gesagt hat: «Früher oder später müssen wir immer zum Sprung über den Abgrund der Ahnungslosigkeit ansetzen.»

Meine Agenda bietet seit Jahrzehnten einen tiefen Einblick in die Alchemie des Halbwissens. Ich entdecke darin eine nicht enden wollende Perlenkette von Merkel-Momenten, in denen die Halbahnungslosigkeit dem Halbwissen voller Zuversicht zuraunt: «Du schaffst das!» Und meistens habe ich es tatsächlich irgendwie geschafft.

Ich will aber nicht verschweigen, dass auch das Halbwissen – wie jede Superkraft – seine dunkle Seite hat. Manchmal entstehen daraus halbe Sachen. Manchmal verliere ich mich im Halbdunkel. Manchmal beruft sich das Halbwissen auf die völlig ungeeignete Hälfte des Wissens. Und manchmal macht mir das Halbwissen ganz frech ein X für ein V vor.