Pencil Test 2, 2012, Kemang Wa Lehulere, Videoarbeit, 1:08 Minuten
Kemang Wa Lehulere
Die einen können mit ihm nichts anfangen, die anderen sind begeistert. Er ist geliebt oder gehasst. Für die einen hat er das Christentum begründet, für die anderen ist er der Verräter des Judentums. Von Paulus ist die Rede. Seine Briefe wurden Teil des Neuen Testaments. Sie begründen und argumentieren, wie die Kirche im Glauben an Tod und Auferstehung Christi wurzelt. Die Evangelien hingegen erzählen von Jesus. Wer aber war Paulus? Warum scheiden sich an ihm die Geister?
Paulus stammt aus der heutigen Südtürkei, aus Tarsus am Mittelmeer. Er ist also nicht im Land Israel aufgewachsen, war sogenannter Diasporajude, zugleich freier Bürger des Römischen Reichs. Wie viele Diasporajuden hatte er einen zweiten Namen, der ihn an seine Herkunft erinnern sollte, an den ersten König Israels, an Saul. Eifrig bemühte er sich, sein jüdisches Leben zu vertiefen. Er ging nach Jerusalem und schloss sich der pharisäischen Volkserneuerungsbewegung an, die alle Juden und Jüdinnen lehrte, den Alltag durch die Haltung der göttlichen Gebote zu heiligen. In seinem Eifer verfolgte er die konkurrierende, messianische Bewegung, die Urkirche. Der neue Weg der «ersten Christinnen und Christen» erschien ihm deshalb so verhängnisvoll, weil dieser Weg eine apokalyptische Vorstellung verfolgte: Angesichts der Endzeit, die mit Jesu Auferweckung angebrochen ist, relativierten die Christusanhänger das göttliche Gesetz. Das kam für Paulus einer Aushöhlung des Judentums gleich. So übernahm er sogar die Verantwortung bei der Steinigung des Stephanos, der zur Urkirche gehörte.
Dann passiert etwas. Die Apostelgeschichte erzählt drei Mal ausführlich davon: Auf dem Weg nach Damaskus überkommt es Paulus. Christus erscheint ihm im Licht, blendet ihn, wirft ihn zu Boden und fragt: «Warum verfolgst du mich?» Blind und verstört, nur mit dem Auftrag, dem Weg in die Stadt zu folgen, geht Paulus aus dieser Christusbegegnung hervor. Die mystische Stimme und das blendende Licht des Auferstandenen aber werden sein Leben zukünftig antreiben. Zunächst wird der blinde Paulus in Damaskus von einem Mann namens Hananias geheilt. Paulus lässt sich taufen. Er wechselt die Seiten, von der pharisäischen zur messianischen Bewegung. Unglaublich, dieser Seitenwechsel im jüdischen Streit um die Auslegung der Tora und in der Suche nach dem göttlichen Willen! Konnte man diesem Paulus trauen?
Ob sich Paulus selbst trauen konnte? Was war mit ihm geschehen? Von Damaskus aus zog er sich drei Jahre nach Arabien zurück. Wir wissen nicht, was er tat. Doch es legt sich nahe, dass er sich in dieser Zeit neu finden musste. Danach meldet er sich bei den «kirchlichen Autoritäten» in Jerusalem, bei den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes. Sie scheinen seinen Seitenwechsel anerkannt zu haben. Danach kehrt er zunächst nach Hause zurück, nach Tarsus. Doch die Gemeinde in Antiochien am Orontes hat von ihm gehört und holt ihn zu sich. Paulus wird mit Apostel Barnabas nach Kleinasien geschickt, um Jesus als Messias zu verkünden.
Heftig war die Auseinandersetzung unter den «ersten Christinnen und Christen» zu dieser Zeit: Was folgt aus dem Glauben an Jesu Auferstehung? Müssen die Gottesfürchtigen, die aus dem Heidentum kommen, sich dem Gott Israels zugewandt haben und nun auch an Jesus Christus glauben, jüdisch werden und die Gebote befolgen? Gibt es Tischgemeinschaft zwischen diesen neu Hinzukommenden und der jüdischen Urkirche? In Jerusalem wird ein Kompromiss ausgehandelt: Die «Christinnen und Christen aus den Heiden» müssen nicht das gesamte Gesetz halten, aber die wichtigsten ethischen Gebote. Vor allem müssen sie vom Götzendienst, vom heidnischen Götterkult, lassen, wenn sie sich durch Christus dem Gott Israels zuwenden. Petrus soll für die jüdische Urkirche, Paulus für die Urkirche, die unter den Griechen entsteht, zuständig sein. Jetzt erst findet Paulus zu seiner eigentlichen Berufung: So wie die Apostel vom irdischen Jesus gesandt sind, weiss er sich nun vom Auferstandenen, der ihm erschienen ist, auch als Apostel gesandt – und zwar unter die Heiden.
Die Auseinandersetzungen dauern fort und prägen sein ganzes Leben. Er verteidigt seine Sendung im polemischen Brief an die Galater, an Judenchristen, die von den Heidenchristen fordern, Juden zu werden. Die Heidenchristen in Thessaloniki stärkt er mit einem Brief. Die Gemeinde in Korinth ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Er reist durch Kleinasien und lässt sich schliesslich als Gefangener nach Rom verschiffen. Mit dem Brief an die Römer kündet er seine Ankunft an. Darin legitimiert er die Urkirche aus den Heiden und legt dar, wie sie geistig von Abraham abstammt. Zugleich fordert er sie auf, grossen Respekt vor den Judenchristen zu haben. Und obwohl es ihn schmerzt, dass viele jüdische Brüder und Schwestern in Jesus nicht Christus erkannt hatten, sieht er ihre Ablehnung zeitlich begrenzt. Am Ende wird «ganz Israel» gerettet werden, schreibt er. In Rom verlieren sich die Spuren des Paulus. Wir wissen nur, dass er enthauptet wurde.
Der Wandlungen hat Paulus viele erlebt: Vom Diasporajuden zum Pharisäer, vom Missionar von Antiochien zum Apostel der Völker. Die wichtigste Wandlung hat er in der mystischen Erfahrung mit Christus erlebt. Er selbst erzählt nur einmal davon, im Zweiten Korintherbrief. Doch seine Sprache, sein Durchhaltewillen, seine Leidensbereitschaft und seine Weitsicht sprechen Bände. Er erlangt daraus die Fähigkeit, «allen alles zu werden». Seine Briefe zeugen vom mystischen Feuer Gottes. Sie sind wie ein Vulkan und haben zur Begründung der Kirche geführt. Der Vulkan ist seither nicht erloschen. Er brach in der Kirchengeschichte immer wieder aus, bei Augustinus, Martin Luther, Karl Barth. Ihre Kirchenreformen waren stets von der Frohbotschaft inspiriert, wie sie Paulus formuliert und verstanden hatte. Reformen aus dem Glutkern der mystisch-messianischen Erfahrung des Auferstandenen werden auch heute die Kirche in die Zukunft führen, nie an Paulus vorbei.