Punkt vier öffnet Samuel Rüegg das Fenster seiner Klause. Das haben wir vor zwei Wochen so abgemacht, denn seit ein paar Tagen ist der Inkluse – lateinisch für Eingeschlossener – nicht mehr erreichbar. Zweimal am Tag öffnet er für eine Stunde sein Fenster für Besuche. Das Holzhäuschen, in dem er für eine Woche lebt, steht neben der Kirche St. Mangen in St. Gallen. Etwa an der Stelle, an der sich Wiborada vor mehr als 1100 Jahren hat einmauern lassen, um ein Leben für Gott und viele ratsuchende Menschen zu leben. Heute verbringt Samuel Rüegg den dritten Tag in der Klause. Ein bisschen gezeichnet habe er – die grosse Eibe vor dem Fenster. Und den Vögeln zugehört. Vom Brot, das ihm seine geistliche Begleiterin jeden Morgen bringt und das sie gemeinsam segnen, bekommen alle Besuchenden ein Stück und die Vögel die Brosamen. Oft schaue er nur aus dem Fenster, beobachte das Spiel des Windes, der durch den Farn streicht und lasse den Gedanken los, produktiv sein zu müssen. «Da-Sein und Aufmerksamkeit gegenüber den Besuchenden genügen in dieser Woche», sagt Samuel Rüegg.
Der Sozialarbeiter lehrt an einer Höheren Fachschule und begleitet Studierende auf ihrem Berufsweg. Die persönliche Begleitung sei ein wichtiger Teil der Ausbildung, denn in der Sozialen Arbeit dienten Persönlichkeit, Haltungen und Werte als wichtige Instrumente. Selbstkenntnis sei neben den Fach- und Methodenkompetenzen eine zentrale Voraussetzung, um in professionellen Beziehungen wirksam zu sein.
Welche Erkenntnisse hatte er in der Klause? Dass ihm in dieser Woche eigentlich nichts fehle ausser einer Dusche. Langweilig sei es ihm kaum, und wenn, fühle er sich nicht schlecht dabei. Den Entschluss für das Experiment hat Samuel Rüegg nach einer Fastenzeit gefasst. Der zeitlich begrenzte freiwillige Verzicht habe ihm gefallen. Mit leerem Bauch habe er erfahren, wie er im Nichts Vieles finde. Mit dieser Idee im Kopf stiess er auf das Wiborada-Projekt und meldete sich spontan an. Mit ihrem Rückzug als Inklusin hatte sich Wiborada von den damaligen gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau emanzipiert. Diese emanzipatorische Haltung sieht Samuel Rüegg auch in seinem Leben. Mit seiner Arbeit habe er einen helfenden und machtkritischen Beruf gewählt, in dem er nach Inklusion und sozialer Gerechtigkeit strebe. Bald schliesst Samuel Rüegg das Fenster nach draussen und öffnet das zur Kirche. Dann nimmt er mit einer kleinen Gruppe wie jeden Abend am Gebet für die Menschen teil, die ihm eine Fürbitte dagelassen haben.