Zürich regional

«Es gibt Raum und Zeit zwischen den Mails»

Mathias Burkart, Co-Gemeindeleiter, ehrenamtlich bei seelsorge.net

Während der Pandemie habe ich – wie alle – Religionsunterricht, Höcks mit Jubla-Leitenden und vieles andere digital weitergeführt. Zufällig bin ich auf ein Inserat von seelsorge.net gestossen, die wegen vieler Anfragen zusätzliche ehrenamtliche Mitarbeitende suchten. Ich habe mich spontan gemeldet und staunte über das sorgfältige Bewerbungs- verfahren und das kompetent geleitete Einführungsseminar. Ich bin einer von rund 30 Internet-Seelsorgenden. Ein Triage-Team liest das Erstmail der User und leitet es je nach Spezial- und Erfahrungsgebiet an uns weiter. Was wir nicht sind: ein Live-Chat mit Sofort-Antworten. Dass wir weder Mimik noch Körpersprache oder Tonfall des Gegenübers wahrnehmen, ist eine Grenze. Gleichzeitig ein Gewinn: es gibt Raum und Zeit zwischen den Mails. Man kann etwas zweimal lesen, darüber nachdenken, es innerlich mittragen – auf beiden Seiten. Ein User befürchtete mal, es antworte KI, war aber bald beruhigt. Unser Spezifikum ist vielleicht, dass wir nicht sofort antworten. Wenn mir User schreiben, dass ihnen die Tränen kommen beim Lesen, frage ich mich, ob KI so tiefe körperlich-seelische Reaktionen hervorrufen könnte? In den Mails versuche ich im Gegenüber etwas auszulösen: Wie kann ich in dem, was ich erlebe, etwas Hilfreiches finden? Was kann aus diesem Ereignis, dieser Krise, in mir wachsen? Die Glaubensdimension ist für mich immer mit drin, ich spreche sie aber von mir aus nicht an. Wenn User das Thema ins Spiel bringen, gehe ich natürlich darauf ein. Meine Ressourcen sind lange Spaziergänge frühmorgens, die Familie mit drei jungen Erwachsenen, die noch zuhause leben. Ich bin sehr gern in den Bergen unterwegs. Gut tut mir auch Holz spalten: es ist archaisch, erdend, riecht fein. Ins Feuer blickend, finde ich inneren Frieden.