Kolumne

Der grosse Durst der KI

Die KI-Rechenzentren sind energiehungrig und werden immer noch hungriger. Wichtig ist jedoch auch, dass wir diese Zahlen in die gesamte Energiebilanz einordnen.

Simon Felix ist Dozent für Informatik und Forscher an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er ist zudem Gründer und CTO des Softwareunternehmens Ateleris. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Erforschung und Anwendung von KI.

Die Klimaschädlichkeit von KI steht immer häufiger in den Schlagzeilen. In KI-Rechenzentren arbeiten Millionen von Computerchips an Antworten zu unseren Fragen oder an lustigen Bildern für die nächste Geburtstagseinladung. Wer noch einen solarbetriebenen Taschenrechner in der Schublade hat, weiss: Eine einzelne Rechenoperation braucht kaum Strom. Für eine KI-Antwort müssen die Chips aber Milliarden von Berechnungen machen. In der Summe führt das zu einem gewaltigen Stromhunger. Deshalb werden immer grössere Rechenzentren gebaut und neue Stromleitungen verlegt. Weil die Kapazität des Stromnetzes in vielen Fällen nicht reicht, werden zusätzliche Energiequellen erschlossen. Elon Musks KI-Firma hat neben ihrem Rechenzentrum in Mississippi gleich 46 Gasturbinen installiert, die dort rund um die Uhr die Luft verpesten. Ohne Bewilligung. Andere Unternehmen nehmen für die Stromversorgung ihrer Rechenzentren stillgelegte Kernkraftwerke wieder in Betrieb.

Die KI-Chips in den Rechenzentren konsumieren nicht nur viel Strom, sondern produzieren auch viel Wärme. Die Rechenzentren werden deshalb gekühlt, meistens mit Wasser. Das Kühlwasser wird zu den KI-Chips geführt und verdunstet danach in Kühltürmen. Gerade im Hochsommer, wenn das Rechenzentrum am stärksten gekühlt werden muss, fehlt dieses Wasser den Bauern und Anwohnern in trockenen Regionen.

Natürlich wird mit Hochdruck an Effizienzsteigerungen gearbeitet, um den Strom- und Wasserbedarf der KI zu reduzieren. Zwar benötigt die neueste Generation von KI-Modellen nur noch ein Zehntel der Energie und liefert sogar bessere Resultate. Und in den Schubladen der Forschungslabors liegen bereits viele Ideen zu weiteren Effizienzsteigerungen. Aber diese Verbesserungen werden sich in Preissenkungen niederschlagen, was wiederum die Nachfrage ankurbelt. Alle Effizienzgewinne verpuffen darum und der Bedarf an Strom bleibt enorm.

Das scheint eine besorgniserregende Entwicklung zu sein. Was tun? Es ginge doch auch ohne KI? Sollten wir mit natürlichen Ressourcen nicht sparsamer umgehen?

Die Umweltauswirkungen der KI stimmen zu Recht nachdenklich. Aber es ist wichtig, sie richtig einzuordnen. Denn: Die Bewässerung von Golfplätzen in den USA verschlingt mehr Wasser als alle KI-Rechenzentren weltweit. Das Kreuzfahrtschiff «Wonder of the Seas» produziert ungefähr gleich viel CO2 wie alle ChatGPT-Benutzer zusammen. YouTube benötigt etwa dreissigmal mehr Strom als ChatGPT. Und unser Fleischkonsum ist im Vergleich zu unserem KI-Konsum über hundertmal so klimaschädlich.

Es ist einfach, gegen Neues zu sein und altbekannte Probleme zu ignorieren. Auch wenn der Ressourcenhunger der KI weiter steigt, bleibt er in der Gesamtbetrachtung vernachlässigbar klein. Das heisst nicht, dass das Wasserproblem der Bauern egal wäre. Ein global winziger Verbrauch kann sich lokal trotzdem problematisch zuspitzen. Aber das ist ein Problem der Standortwahl und der Regulierung: Gasturbinen ohne Bewilligung gehören verboten, wassergekühlte Rechenzentren gehören nicht in die Wüste. Es ist aber kein Grund, die Technologie als Ganzes zu verdammen. 

Beim Klima ist nicht die KI das Problem. Sie taugt nicht einmal als gute Ausrede. Wenn wir Mutter Natur schonen möchten, gibt es bessere Hebel: Urlaub in Wengen statt Waikiki, endlich die Ölheizung ersetzen oder etwas weniger Fleisch essen. Die nächste Geburtstagseinladung dürfen wir bedenkenlos von der KI gestalten lassen. Die schlechte Klimabilanz holen wir uns nämlich beim Grillieren.