Vatikan will junge religiöse Führungspersönlichkeiten fördern

Auf Einladung des Dikasteriums für den Interreligiösen Dialog versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter der Dharmischen Religionen und des Christentums zu einer Konferenz. Die junge Generation forderte den Blick in die Zukunft ein.

Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften mit Papst Leo
Im Juni trafen sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften und Papst Leo XIV., hier vor dem Petersdom.

Seit mehr als zwei Jahrtausenden zieht die Ewige Stadt Menschen aus allen Teilen der Welt an – Kaiser und Pilger, Gelehrte und Mystikerinnen, Staatsmänner und Suchende, Sünder und Heilige. Genau dies geschah auch am 23. und 24. Juni 2026. Auf Einladung des Dikasteriums für den Interreligiösen Dialog des Vatikans versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter der Dharmischen Religionen und des Christentums zu einer Konferenz unter dem Titel: «Buddhisten, Christen, Hindus, Jains und Sikhs in Europa: Geschwisterlichkeit durch Dialog und Zusammenarbeit».

Fünfzehn verschiedene religiöse und spirituelle Traditionen begegneten einander nicht als Konkurrenten, sondern als Weggefährten auf der Suche nach Zusammenhalt und einer gemeinsamen Stimme in einer zunehmend fragmentierten Welt.

Besonders beeindruckend war die Vielfalt der Perspektiven. Eine Gelehrte der Jain-Tradition erläuterte die Lehre des Anekāntavāda: die Einsicht, dass Wirklichkeit niemals vollständig aus nur einem Blickwinkel erfasst werden kann. Ein buddhistischer Dzogchen-Meister sprach über Pratītyasamutpāda, das wechselseitige Entstehen aller Dinge und die tiefe Verbundenheit aller Lebewesen. Aus hinduistischer Sicht wurde der berühmte vedische Satz erklärt: «Ekam Sad Viprā Bahudhā Vadanti» – «Die Wahrheit ist eine, die Weisen beschreiben sie auf vielerlei Weise.»

So unterschiedlich die theologischen Ansätze auch waren, sie wiesen auf einen gemeinsamen Gedanken hin: Die Welt braucht heute nicht Gleichförmigkeit, sondern eine Einheit, die Vielfalt tragen kann.

Es braucht junge Menschen, die lernen, Brücken zwischen Religionen zu bauen.

Einer der eindrucksvollsten Momente kam von den jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Jugendvertreter erinnerten daran, dass der interreligiöse Dialog noch immer vorwiegend von Herren getragen wird, die sich selbst nur mit grosser Fantasie zur Kategorie «Jugend» zählen würden. Soll die Kultur der Begegnung Zukunft haben, braucht es dringend junge Menschen, die lernen, Brücken zwischen Religionen zu bauen.

Diese Botschaft traf einen Nerv. Der Vatikan reagierte unmittelbar mit der Ankündigung eines eigenen internationalen Treffens für Jugendvertreterinnen und Jugendvertreter. Ziel ist es, die nächste Generation interreligiöser Führungspersönlichkeiten zu fördern. Vielleicht war dies die wichtigste Zukunftsinvestition der gesamten Konferenz.

Den Höhepunkt bildete die persönliche Begegnung mit Papst Leo XIV. Nach einem kurzen, überraschend menschlichen Gerangel darum, wer ihm die Hand schütteln durfte, kehrte rasch Harmonie ein. Das gemeinsame Gruppenbild von Vertretern derart verschiedener Traditionen mit dem Heiligen Vater wurde zu einem kraftvollen Symbol dessen, wonach sich die Welt sehnt: dem Herz der grossen Vollkommenheit.

Rom erinnerte in diesen Tagen an eine zeitlose Wahrheit: Einheit entsteht durch die Fähigkeit, Unterschiede zu schätzen und dennoch gemeinsam für das Gute und Wahre einzustehen. Religionen finden ihre tiefste Einheit nicht in identischen Glaubenssätzen oder gemeinsamen Gottesvorstellungen, sondern im Geheimnis der Liebe.

Acharya Vidyabhaskar

Acharya Vidyabhaskar (*1984) repräsentierte die altindische Śrīvidyā-Weisheit der Nichtdualität an der Konferenz im Vatikan. Der Sanskrit-Gelehrte studierte Vergleichende Religionswissenschaft und Theologie. Er lebt in Winterthur.

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