Es war ein glückliches, wenn auch zufälliges Zusammentreffen, das für die deutsche Literatur und Frömmigkeit wegweisend werden sollte. Im Jahre 1643 ging Paul Gerhardt (1607-1676), der eben an der berühmten lutherischen Universität von Wittenberg sein Theologiestudium beendet hatte, nach Berlin. An der Nicolaikirche lernte Gerhardt den Kantor Johann Crüger (1598-1662) kennen. Dieser arbeitete an einem Liederbuch, um den Gemeindegesang zu fördern.
Dazu aber war Crüger auf passende Texte angewiesen. Also animierte er den «schüchternen Gelegenheitspoeten» Gerhardt zum Schreiben von Liedtexten. Innerhalb weniger Jahre wurde Paul Gerhardt zum führenden Kirchenlieddichter: Noch heute, fast 400 Jahre später, sind im evangelisch-reformierten Gesangbuch der Schweiz 27 seiner Lieder enthalten, selbst im katholischen Gesangbuch der Schweiz finden sich fünf Lieder von ihm, darunter das bekannte: «Nun danket all und bringet Ehr».
Es ist ein Vertrauen, das sich auch im Unheil bewährt.
Der aufstrebende evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer äusserte sich zwar durchaus kritisch über Gerhardts «fromme Poesie». Zu viel gut gemeinte tröstende Worte fanden sich da. Er vermisste die reformatorische Radikalität. Jahre später, als er in der Isolationshaft unter den Nationalsozialisten seiner Hinrichtung entgegensah, wandelte sich das Bild. Die alten Worte aus dem Kirchenlied gaben Bonhoeffer Mut und Halt, wurden ihm zu einer Art unerschütterlicher Gewissheit: «Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich! Kein Urteil mich erschrecket, kein Unheil mich betrübt, weil mich mit Flügeln decket mein Heiland, der mich liebt.»
Das Vertrauen auf den liebenden Gott ist bei Gerhardt das zentrale Thema. Ein Vertrauen, das sich nicht aus billigem Trost oder aus der Flucht vor der harten Wirklichkeit ergibt. Es ist ein Vertrauen, das sich auch im Unheil bewährt. Vielleicht liegt gerade darin der Grund für die Beliebtheit und Glaubwürdigkeit seiner Lieder. Paul Gerhardts Glaube musste sich immer wieder existenziell bewähren. Denn er lebte in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Soldatenhorden zogen durchs Land, brannten Dörfer nieder und zerstörten alles. Die Bevölkerung Mitteleuropas reduzierte sich damals auf etwa ein Drittel.
Auch privat wurde Gerhardt von Katastrophen heimgesucht. Vier seiner fünf Kinder starben bereits kurz nach der Geburt. Auch seine 15 Jahre jüngere Frau Anna Maria starb vor ihm und liess ihn als Witwer zurück. Zudem musste er nach einem Streit mit dem brandenburgischen Kurfürsten sein Pfarramt aus Gewissengründen zurücklegen, was ihn auch finanziell in eine schwierige Situation brachte.
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Doch Gerhardt liess sich nicht unterkriegen. Ein zäher Lebensmut und das Vertrauen in den guten Schöpfergott verliessen ihn nicht. Zusammen mit seinem Musicus Johann Crüger produzierte er «Ohrwürmer am laufenden Band», die den Menschen Trost und Halt gaben. Resignation erschien Gerhardt geradezu als ein Verrat an der Liebe Gottes: «Schwing dich auf zu deinem Gott, du betrübte Seele. Warum liegst du, Gott zum Spott, in der Schwermutshöhle?»
Die Schönheit der Schöpfung wird für Gerhardt geradezu zum «Beweis» der Liebe Gottes. Inspiriert vom biblischen Wort von der Schönheit der Lilien auf dem Felde ruft Gerhardt in seinem vielleicht bekanntesten Lied die Menschen zur Freude am Dasein auf: «Geh aus, mein Herz, und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben. Schau an der schönen Gärten Zier, und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.»
«Schwinge dich auf, du betrübte Seele»
Gerhardts Texte wirken auf den ersten Blick eher einfach gestrickt. Das ist aber auch ihr Erfolgsmodell. Hinter den einfachen Reimen verbergen sich oft kunstvolle Wortspiele und vielfältige biblische Anspielungen. Gerhardt beeindruckt auch mit seinen botanischen Kenntnissen, unzählige Pflanzen kommen in seinen Liedern vor: «Narcissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.»
So scheint es mehr als passend, dass die Paul-Gerhardt-Gesellschaft zum 350. Todestag Kindergärten und Schulen dazu aufrief, Blumenbeete zu pflanzen und sich an der Natur ein Beispiel zu nehmen: «Ein Röslein wird oft vom Regen matt gemacht, dass es sein Köpflein hanget, doch wenn die Sonne leucht herfür, siehts wieder auf und bleibt die Zier und Fürstin aller Blumen.»