Gemeinsam durch die Nacht

Während andere schlafen, begleiten Freiwillige im Kantonsspital Winterthur Patientinnen und Patienten durch die Nacht. Seit 30 Jahren sorgt die ökumenisch organisierte Sitzwache für Entlastung – für Erkrankte, Angehörige und das Pflegepersonal.

Auf dem Bild sind Hände zu sehen, die Hand einer anderen Person halten.

Die Nacht im Spital kann lang sein. Anders als am Tag gibt es keine Ablenkung durch Visiten, Therapien oder Besuche. Nur dann und wann schaut jemand von der Pflege vorbei, misst den Blutdruck, das Fieber und geht leise wieder aus dem Zimmer. Dann bleiben die Patientinnen und Patienten allein – auch mit ihren Sorgen.

Die Freiwilligen der ökumenisch organisierten Sitzwache im Kantonsspital Winterthur begleiten die Patientinnen und Patienten durch die schwierigen Nachtstunden. Manchmal hilft ein Gespräch, manchmal genügt es, einfach da zu sein oder die Hand zu halten. In Krisensituationen rufen die Freiwilligen die Pflegefachpersonen.

Claudia Gabriel, römisch-katholische Theologin und Martina Hafner, reformierte Pfarrerin, leiten die ökumenische Sitzwache im Kantonsspital Winterthur, die es schon seit 30 Jahren gibt. Es ist die letzte verbleibende Sitzwache mit kirchlich verbundenen Freiwilligen im Kanton. Diejenige im Stadtspital Triemli wurde wegen Mangels an Freiwilligen vor Kurzem aufgelöst.

Seelsorgerin Claudia Gabriel, die ihre Erstausbildung in der Pflege gemacht hat, ist stolz auf das Angebot der freiwilligen Sitzwache am Kantonsspital Winterthur. Ihr Freiwilligen-Pool umfasst 40 Menschen. Die meisten von Ihnen seien pensioniert, denn die Nachtwache sei schon mit einer Teilzeitstelle von 50 Prozent nicht einfach vereinbar, sagt die Spitalseelsorgerin.

Denn die Freiwilligen verpflichten sich für zwei Sitzwachen im Monat. Jeweils einen Monat vorher kennen sie ihre Einsatznächte und wissen, dass sie an den Tagen danach ihren Rhythmus wieder finden müssen. Das Pflegepersonal entscheidet jeweils am Morgen am Rapport, wer von den Patientinnen und Patienten am Abend eine Sitzwache bekommen soll. Die Telefonzentrale des Spitals benachrichtigt dann die Freiwilligen.

«Das Pflegepersonal sagt uns immer wieder, wie wichtig unsere Sitzwache für das Spital sei», sagt Claudia Gabriel. Neben der ökumenisch organisierten Sitzwache gibt es am KSW auch Sitzwachen, die gegen Bezahlung arbeiten. Oft sind dies Studierende, die spontan einen Dienst übernehmen können und auch spezielle Sitzwachen übernehmen, etwa in einem Isolierzimmer.

Die zunehmende Wichtigkeit der Freiwilligenarbeit in den Spitälern sieht Sabine Zgraggen, Dienststellenleiterin der Spital- und Klinikseelsorge, auch kritisch. Die Freiwilligen seien unverzichtbar geworden für die Spitäler, ohne sie sei der Pflegealltag in Bezug auf nächtliche Sitzwachen zum Bespiel nicht mehr zu leisten.

Die Freiwilligen der ökumenisch organisierten Sitzwache haben unterschiedliche berufliche Wege hinter sich – nicht wenige haben auch medizinische Berufe ausgeübt. Die meisten von ihnen engagieren sich aus Dankbarkeit. Weil sie der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen oder weil sie selbst erlebt haben, wie wertvoll Freiwilligenarbeit ist. Mit ihrem Engagement helfen sie nicht nur den Patientinnen und Patienten, sondern entlasten auch die Angehörigen und natürlich die Pflege. Allerdings bleiben die pflegerischen Handlungen ganz in der Hand der Pflegefachpersonen.

Damit die Freiwilligen für die Sitzwache am KSW auf ihre Einsätze gut vorbereitet sind, nehmen sie obligatorisch an einer viertägigen Ausbildung teil. Ausserdem verpflichten sie sich an einem Nachmittag pro Monat bei einem Austauschtreffen mitzumachen, an dem jeweils eine medizinische Fachperson einen Wissensinput liefert. Früher seien die Freiwilligen vor allem an Informationen über spezifische Krankheitsbilder interessiert gewesen, sagt Claudia Gabriel, heute beschäftigten sie Fragen zum Umgang mit Patientinnen und Patienten oder Fragen zu Nähe und Distanz. Dazu hätten sie unlängst eine Retraite gemacht. «Der Umgang mit Nähe und Distanz ist in der Pflege zentral, denn wir können nicht pflegen, ohne die Menschen zu berühren und ihnen nahe zu kommen», sagt die Seelsorgerin und Pflegefachfrau.

In der viertägigen Ausbildung lernen die Freiwilligen Wissenswertes zu Spitalhygiene, Kommunikation mit an Demenz erkrankten Menschen oder Umgang mit Menschen im Delir. In der Ausbildung geht es aber auch um die Reflexion persönlicher Erfahrungen und Haltungen etwa zu den Themen Sterben und Tod. Am allerwichtigsten sei aber der Umgang mit den Patientinnen und Patienten und zu deren Angehörigen, sagt Claudia Gabriel. Menschen, die psychisch nicht stabil sind, unangemessen helfen oder am Krankenbett religiös missionieren wollen, seien für Sitzwache nicht geeignet.

Wie für viele freiwillige Engagements ist auch für die ökumenisch organisierte Sitzwache die Corona-Pandemie nicht spurlos vorbei gegangen. Nach der staatlich verordneten Zwangspause haben nicht alle Freiwilligen ihr Engagement wieder aufgenommen. Im Herbst dieses Jahres findet der nächste Ausbildungskurs für die freiwillige Sitzwache statt.

Freiwillige Sitzwache am KSW

Claudia Gabriel und Martina Hafner organisieren gemeinsam die ökumenische Sitzwache des Kantonsspitals Winterthur (KSW). Die Freiwilligen begleiten Patientinnen und Patienten in belastenden Nachtstunden.

Wer mitmachen möchte:

  • verpflichtet sich zu zwei Nachteinsätzen pro Monat

  • absolviert eine obligatorische viertägige Ausbildung

  • geniesst regelmässige Weiterbildungen und Austauschtreffen

Das freiwillige Engagement ist geeignet für Menschen mit Einfühlungsvermögen und psychischer Stabilität.

Nächster Informationsabend: 7. Juli 2026, 19 Uhr, Spitalkirche KSW
Ausbildung 2026: 30.–31. Oktober sowie 20.–21. November, jeweils 8.30–17 Uhr.

Weitere Informationen: www.ksw.ch/sitzwache | Tel. 052 266 27 27 | sitzwache@ksw.ch