Gemeinsam das Beste aus sich herausholen

Eva Mann hat für des «Theater im Hof» in Bubikon das Stück «Widerstand i de Wyde» über einen Hexenprozess in Rapperswil im 16. Jahrhundert geschrieben und inszeniert. Ein Gespräch über ihre Arbeit als Autorin und als Regisseurin.

Was hat Sie an der Geschichte über einen Hexenprozess im 16. Jahrhundert interessiert?
Mich fasziniert Katharina Schüchter gerade deshalb, weil sie keine berühmte Person ihrer Zeit war und in Geschichtsbüchern nicht auftaucht. Sie ist mit grosser Konsequenz einen ungewöhnlichen, eigenwilligen Weg gegangen, und ich sehe sie unter anderem deshalb als spannende Frau, weil sie nicht zur Rebellin geboren war, aber sich irgendwann entscheiden musste: «Schwimme ich mit dem Strom oder bleibe ich meinen Werten treu?» – Und sich dann dafür entschieden hat, mit der Stadt Rapperswil einen Rechtsstreit zu führen, ohne dabei auf männliche Protektion zählen zu können.

Was ist der historische Hintergrund von «Widerstand i de Wyde»?
Die Rechtshistorikerin Pascale Sutter hat vor etwas über zwanzig Jahren die historischen Rechtsquellen des Kantons St. Gallen aufgearbeitet und ist dabei auf den Hexenprozess gegen Katharina Schüchter gestossen. Deren Schicksal fand sie so spannend, dass sie dazu weiter recherchiert und einen mehrseitigen Beitrag für den «Geschichtsfreund» geschrieben hat. Das war mein Ausgangspunkt.

Von dem aus sich dann wahrscheinlich viele Fragen gestellt haben.
Natürlich. Wie hat das Leben im 16. Jahrhundert im Detail ausgesehen? Was haben die Menschen damals gegessen? Wie waren ihre Tage strukturiert? Wer hat soziale Arbeit geleistet? Was bedeutete der Wald für sie? – Für die Antworten habe ich Fachleute gesucht, beispielsweise im Kapuzinerkloster Rapperswil, wenn es um Fragen zur damaligen franziskanischen Spiritualität.

Wo haben Sie sich erzählerische Freiheiten zugestanden?
Es geht in einem Theaterstück nicht nur um historische Aufarbeitung, es muss auch dramaturgisch funktionieren. Dafür braucht es zwangsläufig fiktionale Elemente. Ich habe beispielsweise mehrere historische Figuren zu einer Figur zusammengeführt. So ergaben sich durchgehende Biografien von Menschen, die Katharina ihr ganzes Leben lang hindurch begleitet haben könnten. In den Quellen taucht beispielsweise ein Hans Hug auf, der zu Katharina hält. Viel mehr erfahren wir über ihn aber nicht. Diese Figur habe ich so ausgestaltet, dass sie Katharina bereits als junges Mädchen kannte und sie ursprünglich gerne geheiratet hätte. Das ist zwar rein fiktional, gibt mir aber die Möglichkeit, Katharina in einem Beziehungsnetz zu verankern.

Wie sind sie damit umgegangen, dass wir aus den Quellen bereits wissen: Die Geschichte geht für Katharina nicht gut aus?
Das war für mich eine grosse Herausforderung. Es geht um einen Justizmord. Und das soll unter keinen Umständen geschönt dargestellt werden. Aber gleichzeitig will ich auch nicht, dass die Menschen an einem lauschigen Sommerabend nach der Vorführung den Hof völlig zerstört verlassen. Wie schaffe ich es also, bei aller Schwere auch der Hoffnung einen Platz zu geben? Ich habe schliesslich in der Darstellung der Hauptfigur eine dramaturgische Lösung gefunden, die ich hier aber natürlich nicht verrate.

Sie haben «Widerstand i de Wyde» nicht nur geschrieben, sondern auch inszeniert. Wie geht die Regisseurin mit der Autorin um?
Es gab Regieanweisungen, die ich als Autorin ins Stück reingeschrieben habe, die sich dann beim Proben anders entwickelt haben. In solchen Momenten finde ich es dann spannender, dem kreativen Faden zu folgen. Deshalb gebe ich mir als Regisseurin die Freiheit zur Veränderung.

Proben zu «Widerstand i de Wyde»

Proben zu «Widerstand i de Wyde»

Proben zu «Widerstand i de Wyde»

Was ist Ihnen in der Arbeit mit Laiendarstellerinnen und -darstellern wichtig?
Wenn ich mit Laien arbeite, will ich ihre Selbstsicherheit in den Vordergrund stellen. Ein bisschen neben der Komfortzone zu stehen, ist zwar super, weil wir dann gefordert werden und stolz darauf sein können, wenn wir die Aufgabe meistern. Aber wenn wir zu weit aus der Komfortzone getrieben werden, dann führt das nur zu Angst, Wut oder sonst einem schlechten Gefühl. Regie führen bedeutet deshalb immer auch abzuwägen, was für welche Person jetzt gerade machbar und passend ist.

Sie arbeiten besonders gerne mit nichtprofessionellen Ensembles. Weshalb?
In der Regel habe ich mehr Probenzeit als bei einer Profiproduktion. Dadurch können die Dinge viel länger reifen. Und Menschen, die ihre Freizeit fürs Theater geben, sehen darin meistens auch die Möglichkeit, aus dem Alltag herauszutreten und etwas auszuprobieren, was zwar in ihnen steckt, aber normalerweise keinen Ausdruck findet. Das ist ein wahnsinnig spannendes Kapital, mit dem ich dann arbeiten darf. 

Und wie beeinflusst Sie das als Autorin?
Beim Schreiben ging ich davon aus, dass ich mit einem Ensemble von 14 Personen arbeiten werde. Dann sind zum Info-Anlass aber ganz viele junge Menschen gekommen, viel mehr als eigentlich im Stück vorgesehen waren. Keine Theatergruppe sollte aber junge Spielende leer ausgehen lasssen. Sie sind nicht nur die sprichwörtliche Zukunft, sondern bringen auch riesige Power mit sich. Deshalb habe ich innert kurzer Zeit das Stück nochmals umgearbeitet, so dass jetzt viel mehr Figuren darin vorkommen. Im Nachhinein bin ich darüber auch als Autorin sehr glücklich.

Was erwarten Sie von den Mitwirkenden?
Ich möchte, dass sich alle an der Produktion beteiligten Menschen entfalten können, sei es auf oder hinter der Bühne. Das ist mein Ehrgeiz und dafür fordere ich sie auch heraus. Es ist aber nicht ein Ehrgeiz über Menschen, sondern ein Ehrgeiz mit Menschen. Ich möchte, dass wir gemeinsam in die gleiche Richtung gehen und unser Bestes geben.

Und wann sind Sie mit dem Resultat zufrieden?
Wenn ich den Zusammenhalt und die Freude unter all jenen spüre, die für das Stück arbeiten. Wenn sich all diese Momente, auf die wir so intensiv hingearbeitet haben, auf der Bühne realisieren und das Publikum mitgeht. Und wenn die Menschen nachher mit uns teilen, wie sehr sie das Stück berührt und nachdenklich gemacht hat, dann ist das ein grossartiger Moment.

Eva Mann studierte Schauspielregie an der «East 15 Acting School» in London und an der Theaterakademie «GITIS» in Moskau. Sie hat als Regisseurin, Schauspielerin, Autorin und Übersetzerin in der Schweiz, Deutschland, England, den USA und Russland gearbeitet. In der freien Szene der Schweiz ist sie regelmässig als Regisseurin oder tätig, sowie dokumentarisch mit dem Kollektiv SinnSpiel. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Inszenierungen mit nichtprofessionellen Darstellenden. Ihre Beschäftigung mit Kulturtransfer und interkulturellen Theaterformen zeigt sich unter anderem in ihrer Zusammenarbeit mit dem kenianischen Regisseur Washington Obwanda (Forum Theatre Nairobi) sowie in ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit dem jiddischen Theater.

www.evamann.ch

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