Die Tür in Gelb | Thomas Thüring, 2003, Öl auf Leinwand, 180 × 100 cm, Privatbesitz
zvg
Hiob kennen ja alle: Der Mann, dem alles abhandenkommt, der dann an Leib und Seele leidet, sich von Freunden nicht trösten lässt, sondern Gott herausfordert und mit ihm ringt. Wer aber kennt Noemi? Die von Gott schwer Geschlagene muss wegen Hungersnot ihre Heimat verlassen, verliert in der Fremde zuerst ihren Mann, dann ihre beiden Söhne Machlon und Kiljon. «Kränklicher» und «Schwächlicher», so die Namen der Söhne übersetzt, zeugen davon, dass für Noemi auf Männer kein Verlass war. In lakonisch kurzen Sätzen erzählt die Bibel im Buch Rut, wie sie zur Witwe in Not wird im fremdländischen Moab. Wirtschaftliche Umstände, Krankheit und Tod haben sie im Ausland isoliert. Als ältere Frau in einer Gesellschaft, deren Öffentlichkeit patriarchal strukturiert ist, kommt sie sich selbst abhanden. Sie will nicht mehr Noemi, «Liebliche», heissen, sondern Mara, «Bittere». Schliesslich machen Orpa und Rut, die beiden Ehefrauen ihrer verstorbenen Söhne, das Leben nur noch schwerer: drei Witwen sind zu viel!
Noemi aber setzt sich nicht in Sack und Asche wie Hiob und lamentiert mit Gott. Sie nimmt ihr Schicksal in die Hand, wird aktiv und bricht in ihre alte Heimat Bethlehem auf. Da erhofft sie sich Hilfe. Ihren beiden Schwiegertöchtern rät sie, in Moab zu bleiben und zurück in die Herkunftsfamilien zu gehen. Diese sollen für sie sorgen. Orpa geht. Rut aber zeigt Solidarität – daher ist diese Kurzgeschichte in vier Kapiteln auch nach ihr benannt. Sie will Noemi nicht allein lassen: «Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, bleibe auch ich.» Dabei kann die junge Rut ihrer Schwiegermutter gar nicht gross helfen. Aber sie kann bei ihr bleiben, da sein, mitgehen, nicht weglaufen. So bricht sie mit Noemi nach Bethlehem auf; für beide ein Weg ins Ungewisse – für Rut sogar ein Weg in die Fremde. Ob sie in Bethlehem eine Zukunft haben wird, weiss sie nicht. Doch was gibt ihr Mut und Kraft? Sie scheint ihre Schwiegermutter zu lieben, wenn sie freimütig bekennt: «Nur der Tod wird mich von dir scheiden.»
Die Erzählung hat damit ihren Höhepunkt aber noch nicht erreicht. Nicht nur wie Rut handelt, steht im Zentrum. Ebenso, wie an Rut gehandelt wird. Das Leben ist schliesslich im Idealfall immer ein komplexes, nicht vorhersehbares Zusammenwirken von Menschen, die situationsgerecht handeln, ihre Mitwelt so gut wie möglich gestalten und füreinander Verantwortung übernehmen. Wie anders als durch ihr Zusammenspiel sollte Gott in einer Welt von mündigen Menschen wirken?
In Bethlehem angekommen, bleibt Rut nichts anderes übrig, als gemäss dem Armenrecht den Erntenden auf dem Feld hinterherzugehen. Sie darf die Ähren einsammeln, die bei der Gerstenernte liegen bleiben, und ebenso das Stroh. Damit versucht sie, sich und ihre Schwiegermutter durchzubringen. Doch Rut hat Glück: Sie kommt auf das Feld des Boas. Er schützt die junge, ausländische Witfrau vor den Übergriffen der Feldarbeiter und ordnet sie seinen Mägden zu. So erhält sie eine Stütze durch Gleichaltrige. Boas beschenkt sie sogar, sodass sie genügend Essen mit nach Hause nehmen kann. Rut hat Arbeit und ist sozial integriert.
Noemi aber wittert nun eine Chance. Sie kennt sich im Recht aus: Boas ist entfernt verwandt mit ihr, er könnte noch mehr Verpflichtung übernehmen. Wäre er nicht eine gute Partie für Rut? Mit ihm an der Seite hätte sie eine Zukunft. So leitet sie ihre Schwiegertochter geschickt an, Boas bei der Arbeit zu verfolgen und weiter, sich unbemerkt an seinem Schlafplatz hinzulegen. Die Rechnung geht auf: Mitten im Dunkel der Nacht erwacht Boas, erschrickt: Rut ihm zu Füssen!
Diese bewegende Szene fasst Rainer Maria Rilke in lyrische Worte und erschliesst sie so für die Frömmigkeit:
Und meine Seele ist ein Weib vor dir.
Und ist wie der Noëmi Schnur, wie Ruth …
Aber am Abend steigt sie in die Flut
und badet sich und kleidet sich sehr gut, …
Und fragst du sie um Mitternacht, sie sagt
mit tiefer Einfalt: Ich bin Ruth, die Magd.
Spann deine Flügel über deine Magd.
Du bist der Erbe …
Und meine Seele schläft dann, bis es tagt …
Rilke formuliert eine geistliche Haltung, sich in der Not würdevoll dem Mitmenschen und Gott anzuvertrauen. Gott weist einen Ausweg. Und der biblische Boas nützt die Situation nicht aus. Er erinnert vielmehr daran, dass nach geltendem Gesetz ein anderer Bethlehemiter Rut als Witfrau ehelichen könnte und sollte, wenn er denn will. Boas würde ihm den Vorrang lassen. Erst als dieser ausschlägt, nimmt Boas Rut zur Frau. Rut mit ihrer alten Schwiegermutter Noemi finden volle Aufnahme. Der Ehe von Rut und Boas wird ein Sohn geschenkt. Sie nennen ihn Obed, Knecht. Gemeint ist hier: Knecht Gottes. Er wiederum wird einst Grossvater von König David sein. Rut, die ausländische Moabiterin, wird also Ahnfrau in der Linie des davidisch-messianischen Königshauses von Bethlehem.
Verschlungen sind die Wege Gottes, nachhaltig, oft nicht zu überblicken. Gott führt und sorgt vor für alle, die an Fremden, an Frauen und an sozial Abhängigen Recht tun. So äusserte sich Boas schon im zweiten Kapitel fast nebenbei: «Adonai, der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um dich unter seine Flügel zu bergen, möge dir dein Tun vergelten und dich reich belohnen.»
Das Buch Rut, ein Meisterwerk literarischer Miniatur, ist erzählende Theologie vom Besten. Es wird in der jüdischen Liturgie an Schawuot, dem Wochenfest, fünfzig Tage nach Pessach gelesen. Da wird nach rabbinischer Tradition gefeiert, dass Gott die Tora gegeben hat, seine Weisung und Wegleitung: Noemi und Rut, Boas und die Bethlehemiter leben ebendiese Weisung im Alltag. Fünfzig Tage nach Ostern feiern Christinnen und Christen an Pfingsten, dass Gott den Heiligen Geist ausgegossen hat. Das Buch Rut lesen sie nicht. Doch biblischer Buchstabe, Weisung und Geist Gottes gehören zusammen.