Kolumne

Das Experiment «Amerika»

250 Jahre Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten erinnert auch daran, dass der damals entworfene Anspruchein ständiges «project in progress» ist.

Elisabeth Bronfen war von 1993 bis 2023 Professorin für «English and American Studies» an der Universität Zürich. Sie war unter anderem Fellow in Harvard und Princeton und Gast­professorin in Berkeley und an der Columbia. Sie lebt in Zürich.

Am 4. Juli wird nicht die amerikanische Verfassung gefeiert, sondern die Unabhängigkeitserklärung. Daraus ist der Satz berühmt: «Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich, dass alle Menschen (men) gleich erschaffen worden sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten ausgestattet sind, dass zu diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.» Der Ursprung der Proklamation ist jedoch eine Selbstrechtfertigung. Ein Jahr nachdem ein bewaffneter Konflikt zwischen den amerikanischen Kolonisten und Grossbritannien ausgebrochen war, werden die Gründe dargelegt, warum die dreizehn Staaten jegliche politische Abhängigkeit auflösen wollen. 

Die Proklamation kommt einem Scheidungsantrag gleich. Sie liefert nicht nur eine Begründung für den Krieg. Sie konstatiert auch: Ein Frieden ist erst denkbar, wenn Grossbritannien und die amerika­nischen Staaten sich unwiderrufbar voneinander trennen. Die Unabhängigkeitserklärung vollzieht diese Loslösung. Für die Mitglieder des Continental Congress kann es keine Rückkehr zur Krone geben

Es wird weitere sieben Jahre unerbittlichen Kampfes benötigen, bevor das englische Parlament mit dem Friedensvertrag auch der Gründung der amerikanischen Nation zustimmt. Die Amerikanische Revolution ist damit der erste erfolgreiche Aufstand gegen eine koloniale Herrschaft in der modernen Geschichte Europas. Den König nicht mehr als Souverän anzuerkennen, weil es das Recht und die Pflicht der Patrioten war, Tyrannei abzuschütteln, das war laut Jefferson der Ausdruck schlechthin für den amerikanischen Geist. Inwieweit dieser 250 Jahre später noch nachwirkt, bleibt eine brisante Frage. 

Umstritten bleibt beispielsweise der Gründungsakt selbst. Es gibt John Trumbulls berühmtes Gemälde, auf dem jene fünf Männer, die die Unabhängigkeitserklärung entworfen haben, diese dem Continental Congress vorstellen. Es fehlen nicht nur die Frauen. Auch die Indigenen sind nicht zu sehen, denen im Zuge der Revolution immer mehr Land gestohlen wird. Noch wird ersichtlich, dass einige der Unterzeichner Besitzer von Sklaven waren. Die würdevolle Stimmung des ikonischen Gemäldes blendet auch das fürchterliche Gemetzel aus, das sich die Patrioten und die Loyalisten bereits im ersten Kriegsjahr lieferten. Das Jubiläum, das in diesem Jahr gefeiert wird, lenkt zwar einmal mehr die Aufmerksamkeit darauf, dass Amerika einen mythischen Anfang hatte. Doch die Idee, eine neue, ganz andere Welt zu gründen, war nicht nur ohne Vorbild, sie ist auch aus der Gewalt hervorgegangen. 

Der amerikanische Philosoph Stanley Cavell bietet dafür ein griffiges Denkbild: Bevor es das moderne Frankreich und England gab, gab es bereits Frankreich und England; aber bevor es Amerika gab, gab es kein Amerika. Es gründete sich auf einer Idee, die in einem Kampf gegen Aussenstehende verwirklicht wurde. Der Streitpunkt waren nicht Reformen, sondern der Wunsch, selbstbestimmt zu sein. Dieser Punkt ist bis heute nicht geklärt. Denn das fantastische Versprechen einer Neugründung birgt in sich keine Sicherheit des Überlebens. Mit dem Verkünden einer Geburtsstunde der Nation konnten die Gründungsväter weder die Existenz noch das Fortbestehen der Vereinigten Staaten für selbstverständlich halten. Die diesjährige Feier mag von einer Verunsicherung des nationalen Selbstvertrauens und dem Gefühl einer inneren Spaltung begleitet sein. Eben deshalb gilt es an die ständige Herausforderung des amerikanischen Experiments zu erinnern. Die Nation zu sein, die die Unabhängigkeitserklärung verkündet, bleibt, was es immer war: Ein noch zu erfüllendes Projekt.