Seit Corona und spätestens seit dem Ukrainekrieg ist die Rede von zunehmender Polarisierung in der Gesellschaft, gerade unter jungen Menschen. Nehmen Sie im aki davon etwas wahr?
Eher am Rande. Gelegentlich taucht ein Student an einer Veranstaltung auf, knöpft sich eine Person vor, die für den Anlass verantwortlich ist, und redet heftig auf sie ein. Diese Leute wollen offensichtlich eine Botschaft deponieren.
Was sind das für Botschaften?
Unterschiedliche. Gewisse Studierende sind zum Beispiel vom Israel-Palästina-Konflikt betroffen und offenbaren dann einen unglaublichen Rededrang. Meist kommen sie nur ein einziges Mal.
Sie sind seit 2010 Leiter des aki und überblicken mehr als ein Jahrzehnt. Stichwortartig: Was hat sich verändert?
Die Hochschullandschaft ist viel internationaler, viel globalisierter geworden. An der ETH ist die Verkehrssprache Englisch. Das bedeutet, dass sich auch alle Schweizerinnen und Schweizer, die dort studieren, gut auf Englisch ausdrücken können. Auch im aki wird oft Englisch gesprochen. Selbst jene, die als Schweizerinnen und Schweizer lesbar sind, haben mindestens einen Elternteil mit Migrationshintergrund. Das war 2010 noch nicht so klar.
Eine zweite Veränderung, die erst seit Covid deutlich spürbar ist: Eindeutig mehr Leute sind, wie wir heute sagen, neurodivergent: in einzelnen Gebieten hochbegabt, ja überragend, mit einem grossen Redebedürfnis, gleichzeitig sehr fragil, vulnerabel, auch bedürftig.
Auf der politischen Ebene: Ist etwas anders, seit Donald Trump zum zweiten Mal Präsident der USA ist?
Ich nehme Veränderungen in den Gottesdiensten wahr. Wenn es Raum gibt, freie Fürbitten zu formulieren, sind jetzt mehr Bitten um Frieden zu vernehmen, und Bitten für den Papst und seine Art der Governance. Da höre ich indirekte Kritik an der Person und am Führungsstil von Donald Trump.
Einige nehmen also die Konsequenzen von Trumps Dasein ins Gebet?
Ja, ganz klar.
Nicht nur Trump schwächt demokratische Strukturen, und gleichzeitig breiten sich autokratische weltweit aus. Was macht das mit den Studierenden?
Ein älterer Professor, den ich sehr schätze, hat den Eindruck, die Stimmung sei ähnlich wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Überdurchschnittlich viele junge Leute wollten sich noch binden, sei es durch Verlobung oder Heirat – damals war das so, bevor sie in den Krieg mussten. Auch wenn ich es statistisch nicht belegen kann: Ich höre vermehrt Studierende sagen, dass es nicht mehr reicht, bloss auf rationales Vorgehen und rationale Strategien zu vertrauen. Mehr junge Leute wollen neu eine Beziehung mit Gott anfangen.
Welche Motivation vermuten Sie dahinter?
Schlichtweg: Not lehrt beten. Für mich ist die innere Bedrängnis recht offensichtlich, in der junge Menschen sagen: In dieser Beklemmung kann ich nicht einfach optimistisch sein und auf meine Selbstheilungskraft vertrauen. Ich brauche noch Zuflucht zu einer anderen Grösse.
Sie sagten, Sie könnten dies statistisch nicht belegen. Ist es denn faktisch so, dass Sie aktuell mehr Anfragen für Trauungen und für andere Rituale der Verbindlichkeit haben?
Tatsächlich, ja. Wobei ich auch sagen muss, dass es andere Faktoren dafür gibt: Viele habe ich jetzt über Jahre begleitet, sie kamen ganz jung hier an, sind älter geworden – naturgemäss kommt für sie nun die Zeit, sich zu binden. Aber ich nehme die Bemerkung des alten Professors ernst. Generell suchen Studierende Formen, die sie stabilisieren und festigen. Diese Tendenz ist stärker geworden als noch vor einigen Jahren.
Zuvor haben Sie von der Fragilität der jungen Menschen gesprochen. Sehen Sie da ebenfalls einen Zusammenhang: zwischen ihrer psychischen Verfasstheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit?
Ich stehe in regelmässigem Austausch mit anderen universitären Institutionen, die in den Bereichen Beratung und Unterstützung an der Uni Zürich und der ETH aktiv sind. Was ich von dort her höre, zusammen mit meiner eigenen Erfahrung: ganz klar ja.
Wie nehmen Sie die anderen Beratungsangebote wahr?
Ich bin um jede Akteurin, jeden Akteur froh, die und der den jungen Leuten helfend zur Seite steht. Im Vergleich zu 2010 ist die Betreuungsambition der Hochschulen ungleich höher. Das Bedürfnis ist gestiegen, die Zahl der Angebote zum Glück auch.
Wie ist die Zusammensetzung der Studierenden im aki: Woher kommen sie? An welchen Unis studieren sie? Gibt es Häufungen bei der Studienrichtung?
Wir haben in unserer Adress-Datei von etwa 1000 Studierenden intakte Mail-Adressen. Viele von ihnen suchen das aki auf für die Lernräume, sie haben zu Hause womöglich keine guten Lernverhältnisse. Viele kommen aus migrantischen Milieus, ihre Herkunftsländer sind zum Beispiel Sri Lanka, Südindien, afrikanischen Länder, der Balkan. Etwa zwei Drittel von ihnen studieren an der ETH, die von der Distanz her am nächsten zu uns liegt. Die häufigsten Fächer sind Maschinenbau, Informatik, andere technische Disziplinen.
Von der ZHdK, der Zürcher Hochschule der Künste, erreichen wir leider nur sehr wenige Studierende. Sie haben ihren geografischen Mittelpunkt an der Pfingstweidstrasse – das ist einfach weit weg.
Jene, die sich im aki aktiv beteiligen, sind wahrscheinlich nochmals eine andere Gruppe?
Jawohl. Da kommt es wiederum auf die Veranstaltung drauf an. Beim Food Save Lunch haben wir eine Chatgruppe mit 450 Leuten, von denen jede Woche 80 bis 120 da sind. Sie kommen schwerpunktmässig aus dem Studienfach Umweltnaturwissenschaften. Darunter sind relativ viele sogenannte Bio-Schweizerinnen und Bio-Schweizer.
Bei den Gottesdienstbesuchenden stammen die meisten aus Deutschland, sie kennen die Idee einer Hochschulgemeinde schon von ihren früheren Studienorten.
Sind es insgesamt mehrheitlich Frauen, Männer, queere Menschen?
Durch alle Gruppen hindurch sind es mehrheitlich Männer, auch bei den Teilnehmenden an Gottesdiensten. Mich erstaunt das. Allerdings spiegelt sich darin wider, dass an der ETH wichtige Studiengänge immer noch männlich dominiert sind.
Bei jenen Männern, die direkt aus dem Ausland zum Studium hierher kommen, frage ich mich ausserdem, wie weit in ihren Herkunftsländern eher in die Bildung von Männern investiert wird – dazu habe ich aber keine belastbaren Zahlen.
Franz-Xaver Hiestand ist einer von 27 Jesuiten in der Schweiz. Im Herbst 2026 wird er nach 16 Jahren die Leitung des aki abgeben und in der Zürcher Predigerkirche wirken.
Christoph Wider
Was sind die «grossen Fragen», die die jungen Menschen bewegen?
Die Hauptthemen in der Seelsorge sind die gleichen wie vor langer Zeit.
Welche sind das?
Entscheidungen treffen und Kriterien für bessere Entscheidungen finden. Berufswahl. Auseinandersetzungen, schwierige Situationen in den Instituten: Vorgesetzte zum Beispiel, die zuerst in Doktorandinnen, Doktoranden investieren und sie nachher «verhungern» lassen, weil sie bereits am Akquirieren der nächsten Doktoranden sind. Das ist systemisch ein Dauerthema. Natürlich gibt es auch die Gegenbeispiele hervorragender Dozierender. Ausserdem, naheliegenderweise: Beziehungen, Stress, Beziehungsentwicklung, zu wenig Platz zu haben füreinander. Diese Themen sind wiederkehrend, und werden bleiben.
Spielen neben den existenziellen Alltagsfragen auch philosophische, theologische Fragen eine Rolle?
Auch da ist das Spektrum breit wie eh. Während der Hochphase der Klimastreiks war die «Climate Anxiety» verbreitet, also die Angst, dass der Planet sich so erhitzt, dass wir sterben. Sie ist noch immer da, steht aber nicht mehr im Vordergrund. Insgesamt ist es sicher so, dass Studierende viel mehr am Organisieren und Abwickeln sind als früher. Ihre Ausbildungszeiten sind kurz und dicht.
Es bleibt kaum Zeit für «grosse Fragen»?
Genau. Und dann gibt es Erweckungen.
Erweckungen?
Die wirklich tiefen Fragen brechen teilweise wie Eruptionen auf, doch eher nach Studienabschluss.
Kommt hinzu: Wer Sozialwissenschaften, Philosophie oder Germanistik studiert, kann sozusagen «verdeckt» eigenen Fragen nachgehen. Wer hingegen primär mit dem Verstehen von naturwissenschaftlichen Prozessen beschäftigt ist, dem bleibt wenig Zeit für Selbstfindung. Viele der jungen Männer, die sich im aki engagieren, sind – wie bereits gesagt – in den Naturwissenschaften unterwegs.
Lässt sich der Spiess auch umdrehen: Weil wenig Zeit für Selbstfindung bleibt, gerade diese den jungen Menschen anbieten?
Das ist tatsächlich ein wichtiger Punkt unserer Pädagogik. Zunächst sind wir in der glücklichen Lage, dass wir ein Haus haben, das mit seiner architektonischen Sprache bereits signalisiert: Hey, du darfst da sein. Fühl dich willkommen. Das WC ist sauber. Du kannst hier bleiben, gerne auch lange.
Dann haben wir auch auf der inhaltlichen Ebene einen relevanten Hebel gegen die angesprochene Polarisierung.
Was ist das für ein Hebel?
Die Leute zu involvieren in kollektive Mikroprozesse.
Kollektive Mikroprozesse?
Das Food Save Zmittag ist ein gutes Beispiel dafür: Wichtige Arbeit wird hierbei von Freiwilligen geleistet. Sie müssen sich selbst organisieren und finden. Nachher aber braucht es ein Debriefing: Niemand soll mit dem Gefühl weggehen, er oder sie sei im Stich gelassen worden. Das sind wichtige Erfahrungen: Wir machen etwas zusammen, wir werden nicht allein gelassen.
Was eröffnen derartige Mikroprozesse?
Manche sagen, ich brauche einen Ausgleich. Indem sie einen Teil ihrer freien Zeit investieren in diese Prozesse, hilft es ihnen, runterzukommen, sich zu erden. Diese Prozesse werden von uns, die wir hier arbeiten, von Rachel Philipona, von Paul Ludigs und von meinem Jesuiten-Kollegen Mathias Werfeli umsichtig begleitet. Es braucht ja auch die Ausgleichsprozesse zwischen den verschiedenen Gruppen, die sich hier im Haus treffen. So entstehen Kontakte und Gemeinschaft.
Manche junge Menschen erwarten etwas vom aki, und zwar in religiöser Hinsicht. Was ist das zum Beispiel?
Einige suchen einen Ort des Gebets und finden ihn in der Kapelle. Andere suchen Gleichgesinnte, die auch religiöse Bedürfnisse haben. Wieder andere tatsächlich die Bearbeitung von religiösen Fragen.
Zum Beispiel?
Ein Student meldet sich aus dem Nichts: Er beschäftige sich mit einem Schweizer Staatstheoretiker aus dem 20. Jahrhundert und habe entdeckt, dass der Staatstheoretiker religiös gewesen sei. Der Student selbst aber ist religionslos aufgewachsen. Und nun möchte er sich anhand des Staatstheoretikers näher vertraut machen mit religiösen Fragen – und sucht kundige Leitung.
Was machen Sie in diesem Moment?
Ich setzt mich mit ihm hin, höre seine Fragen, vielleicht lesen wir Texte miteinander. Vielleicht interpretieren wir: Was könnte dieser Staatstheoretiker empfunden haben, was könnte ihn bewegt haben?
Sie sind also wie ein Übersetzer?
Ja. Ich möchte andere religiös sprachfähiger machen. Der Student drückt gewisse Sachen vielleicht das erste Mal aus, aber mit einer Person, in die er Vertrauen hat bzw. der er ein Vorschussvertrauen gibt.
Es gibt sie also tatsächlich: Neulinge in der Religion, die aus welchen Gründen auch immer Interesse entwickeln und neugierig sind?
Tatsächlich. Ein anderer kam und sagte, er habe gelesen, dass es im aki in den 1970er Jahren Konvertiten-Unterricht gegeben habe bei einem alten Jesuiten. Und jetzt komme er selbst hier her, weil er sich gewissen religiösen Fragen ebenfalls stellen möchte.
Was auch häufiger vorkommt: Junge Männer, die sagen, ich bin verliebt, meine Freundin ist katholisch, ich stehe zwar an einem ganz anderen Ort, aber ich möchte mich ihr zuliebe mit dem katholischen Glauben auseinandersetzen, weil er ihr wichtig ist.
Und schliesslich, was zwar nicht in Massen vorkommt, aber es gibt es: dass sich Leute taufen und firmen lassen.
Wie vielen Personen sind das pro Jahr?
Tendenziell sind es drei bis vier Personen, die sich pro Jahr taufen lassen.
Gewisse kommen bestimmt speziell, weil das aki ein römisch-katholischer Ort ist. Ist das so?
Das ist klar: jene, die zu uns kommen, wollen katholisch getauft werden.
Wissen die meisten, die hier her kommen, dass das aki ein römisch-katholischer Ort ist?
Nein. Wenn sie allerdings ihre Erfahrungen hier im aki als vertrauensstärkend erleben, dann ist das für sie einfach «der Ort». Wir weisen sie dann schon darauf hin, dass es auch andere religiöse Wege und Orte gäbe – aber die meisten sagen, ich habe hier angefangen, jetzt gehe ich diesen Weg. Und dann gibt es natürlich jene, die bewusst einen römisch-katholischen Ort suchen und ihn hier auch finden.
Haben sich die spezifisch katholischen Bedürfnisse der Studierenden in den vergangenen Jahren verändert?
In dem Sinn schon, dass es mehr Leute gibt, die konfessionslos oder religionslos aufgewachsen sind. Sie entdecken dann durch Reisen, Lektüre, durchs Internet: Mir fehlt etwas. Das nimmt zu.
Was stellen sich diese Suchenden unter «römisch-katholisch» vor?
Das scheint mir teilweise diffus. Die meisten können oberflächlich sagen, was sie suchen. Aber tiefer – allenfalls ist es ihnen selbst nicht bewusst – schlummert in ihnen noch etwas anderes. Es ist heikel, das allgemein als Aussenstehender zu definieren.
Spüren Sie ein neu erwachtes Interesse an konservativen Formen: am Bedürfnis nach Mundkommunion zum Beispiel, an einer Fokussierung auf den Priester, an eucharistischer Frömmigkeit? Zugespitzt gefragt: Zeigt sich der politische Rechtsruck, der patriarchale Werte sucht, auch hier? – Das Römisch-Katholische kann da ja gut als Projektionsfläche dienen.
Zwei Faktoren spielen eine Rolle, meine ich. In dem Mass, in dem Zürich eine globalisierte Stadt ist, kommen Leute hierher, die in ihren Heimatländern in einem konservativen Sinn geprägt wurden. Viele kommen also mit einem Vorverständnis. Dann kommt noch die Prägung durch die Medien hinzu, die breit konsumiert werden – wir haben es also durchaus mit einem global geprägten Vorverständnis zu tun.
Social Media hätte zu so etwas wie zu einer Einheitsprägung beigetragen?
Genau, im Sinne einer relativ einheitlichen Vorstellung, was katholische Kirche ist.
Diese ist dann wahrscheinlich tendenziell konservativ bis ultrakonservativ?
Ich mache ein Beispiel: Es gibt die Person A, sie kommt aus Polen, hat dort eine bestimmte, konservative Art von katholischer Kirche erlebt – und will hier genau dieselbe wieder haben. Das gibt es. Und es gibt die Person B, sie kommt ebenfalls aus Polen, hat dieselbe Prägung und möchte katholisch bleiben – merkt aber, dass der Katholizismus hier ein wenig anders ist. Sie ist zunächst irritiert von manchem, ist aber bereit, zu lernen. Auch diesen Typ gibt es.
In der Schweiz gibt es dann Kirchenleute, die solche Neuankömmlinge für ihr eigenes Kirchenverständnis instrumentalisieren wollen: Die einen feiern die Person A und triumphieren, dass die Jugend zurück zum Katholizismus finde. Die anderen dämonisieren die Person A und wittern überall konservativen Backlash. Die Kirchenleute beider Lager hören und schauen zu wenig genau hin.
Wir stehen in einem gesamtgesellschaftlichen Trend, der auf Evidenz setzt und nach binären Strukturen funktioniert: entweder ist es so oder es ist so. Alles, was hierin mehrdeutig ist – und so sehe ich die Suchbewegungen der Jungen – hat da kaum Platz.
Gibt es das: die Suche nach Eindeutigkeit im Katholizismus?
Ja, die gibt es – aber ich erlebe sie nicht als starr. Und: Die Menschen bringen Prägungen und Bilder mit, aber die allermeisten sind entwicklungsfähig.
Sie haben von Person A erzählt, die konservativ geprägt ist und genau das weiterhin sucht. Wie gehen Sie mit diesem Typ um?
Sie ist willkommen. Es ist an ihr, zu entscheiden, ob das aki der passende Ort für sie ist. Vielleicht kommt sie dann irgendwann nicht mehr. Vielleicht bleibt sie.
Woran erkennt die Person, was sie hier im aki erwartet?
Uns als Team ist eines zentral wichtig: Das, was sich in den Gottesdiensten abspielt, das bildet sich gleichermassen ab im Zusammensein.
Anders gesagt: Der, der anmahnt, dass man sich im Gottesdienst peinlich genau an die vorgegebene liturgische Rubriken-Ordnung zu halten habe, aber nie beim Abwaschen nach dem anschliessenden Essen mithilft: der wird nicht lange bleiben. Aber wer sich regelmässig am Abwaschen beteiligt und tendenziell eine traditionelle Frömmigkeit lebt, wird bleiben.
Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit und Freude im menschlichen Miteinander haben Folgen für die religiöse Praxis. In meiner Erfahrung sind das mittelfristig die längeren Hebel, über die dann persönliche und geistliche Entwicklungen geschehen.
Kommt noch hinzu: das Thema Eros. Beziehungen führen heisst Auseinandersetzung. Selbst zwei Menschen, die sich lieben und in ihren religiösen Auffassungen total einig sind, werden im konkreten Leben immer wieder miteinander ringen müssen – und dann verändert sich auch ihr liturgisches Verhalten.
Der ultrakonservative, libertäre Katholizismus eines US-Vizepräsidenten JD Vance – löst dieser Resonanz aus?
Die Studierenden, die sich dazu äussern, sind sehr befremdet. Ich kenne niemanden, der das als attraktiv empfindet. Ich glaube, auch die jungen Menschen können bei JD Vance erkennen, dass sein Katholizismus etwas Forciertes hat. Der Mann ist unbestritten begabt, hat aber etwas Erlösungsbedürftiges.
Erlösungsbedürftig?
So wie jeder Mensch. Ich kann mir darüber hinaus vorstellen – das ist aber eine Ferndiagnose – dass er auf Grund seiner Drogenvergangenheit fragiler ist, als er nach aussen scheint. Dass also der Modus, in dem er jetzt ist, etwas Übersteigertes und etwas Überspanntes hat.
Hier schliesst sich ein Kreis: Je grösser die Fragilität, desto stärker die Tendenz hin zur Sicherheit, die Religion und Glaube eröffnen?
Genau. Ich möchte hinzufügen: Ich habe zu viele Leute erlebt – sei es mit freikirchlicher oder mit katholischer Vergangenheit – die später mit Grauen auf ihre religiös erhitzte Phase zurückschauen. Solche Rückblicke im Zorn möchte ich möglichst verhindern.
Wie verhindern Sie das?
Die Leute in die Normalität hineinführen, indem ich ihnen ein Stück weit bewusst mache – ohne sie zu entwerten: Hey, du darfst jetzt so brennend sein, wie du bist; aber denk daran, das geht vorbei. Hab Geduld mit dir und mit Gott und mit den anderen. Damit aus dem Erhitzten etwas von Dauer werden kann. Und damit Du nicht später mit Beklemmung oder Scham auf deine religiöse Zeit zurückschaust und alles Religiöse verabscheust.
Wie geht das konkret?
Ich glaube, es geht nur durch die Konfrontation, und das Reflektieren vieler Alltagssituationen. Es geht darum, andere Menschen besser wahrzunehmen, um das Schulen von Aufmerksamkeit von jenen, die oftmals am Anfang oder am Ende dieser Prozesse stehen, es geht um Übernehmen von Verantwortung in den grösseren und kleineren Prozessen.
Sie haben zuvor von rund 1000 Mail-Adressen gesprochen, die Sie in Ihrem Verteiler haben. Es werden nicht 1000 Menschen sein, die Sie so begleiten können?
Nein. Mir ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass ich nicht der einzige bin, der diese Arbeit tut. Rachel Philipona, Paul Ludigs und Mathias Werfeli begleiten ebenfalls Leute. Ich würde sagen, wir begleiten insgesamt rund 35 Personen, etwa im Alter von 19 bis 35 Jahren.
«Weder die katholische Kirche noch der Jesuitenorden besitzen den besten Ruf. Doch es hat mich stets mehr gereizt, aus der Position desjenigen zu überraschen, der einer zwielichtigen Organisation zugerechnet wird, als an den Schalthebeln einer Institution mit bestem Image zu sitzen. Ebenso halte ich es für sinnvoll, mit den Mitteln einer untergehenden Welt um deren mögliche Zukunft zu ringen, gemeinsam mit anderen, Frauen und Männern.»
Franz-Xaver Hiestand SJ über sich selbst auf der Website des aki
Ich möchte auf die jungen Männer zurückkommen. Die «Manosphäre» wird gesellschaftlich diskutiert als loses Netzwerk von Männern, die patriarchalen Männlichkeitsidealen nacheifern. Wenn ins aki vor allem junge Männer kommen – bringen diese etwas davon mit?
Die Alltagserfahrung von vielen Leuten in den Städten scheint mir zu sein, mit einem wachsenden Sozialdarwinismus konfrontiert zu sein. Da ist vermehrter Druck, gut zu performen – also die «Ausweitung der Kampfzonen», wie sie der Schriftsteller Michel Houellebecq beschrieben hat, bis ins Private hinein. Gleichzeitig eine ganz tiefe Sehnsucht nach Reinheit.
Was für eine Reinheit?
Das ist etwas Männliches, das schon früh in der Literaturgeschichte auftaucht. Gerade weil du täglich im Dschungel unterwegs bist und dich beteiligst am Fressen und Gefressenwerden – hast du noch eine Utopie, einen Andersort, wo das alles nicht stattfindet. Mit aller Vorsicht gesagt: Die männliche Psyche scheint mir teilweise noch ungeschliffene, unbearbeitete Teile zu haben. Die Gefahr ist heute grösser als früher, dass Männer hier in Parallelwelten abdriften.
Sozialdarwinismus als Auslöser, um in Manosphäre abzudriften: Die Gefahr ist also für Männer real, mehr noch als für Frauen – die ja gleichermassen dem Sozialdarwinismus ausgesetzt sind?
Ja, gerade für Männer in hochtechnisierten und mit wunderbaren «Spielplätzen» ausgestatteten Umfeldern in Elite-Universitäten: Du kannst ohne Probleme Tag und Nacht am Institut performen oder für dich allein sein, und du bist sozial akzeptiert, vor allem als Mann. Es ist die Gefahr, sich Reviere zu schaffen – und diese Gefahr scheint mir grösser als bei Frauen. Das Gegenmittel sind immer Beziehungen, Freundschaften. In dem Moment, wo Menschen mit realen Personen in Verbindung sind, relativieren sich gewisse Phantasien.
Wo wir wieder bei kollektiven Mikroprozessen sind. Sie sind Teil des Jesuiten-Ordens, zu dem junge Männer dazu stossen. Was sind das für Typen, die sich interessieren?
Ich muss leider sagen, dass ich im Moment wenig Gespräche führe über das Jesuit-Sein und auch keine Anfragen von jungen Männern habe, die prüfen wollen, ob dieser Weg allenfalls etwas für sie wäre.
Worauf führen Sie das zurück?
Zunächst einmal wollen die jungen Männer, die mir begegnen, primär ihre Studien meistern und dann die ersten beruflichen Erfolge feiern. Gerade wenn sie aus dem Ausland hierher kommen, stehen oft auch Eltern dahinter, die viele Mittel in den Studien-Erfolg der jungen Leute investieren.
Weiter muss ich mich fragen, ob ich selbst genug getan habe, dass andere Leute den Weg zu dieser Form von Christentum, von religiöser Radikalität finden, wie wir sie im Jesuitenorden leben. Ausserdem: In der Welt zu sein mit all ihren Auseinandersetzungen und gleichzeitig stark in der Kritik zu stehen von allen Seiten – das ist leider offenbar für viele junge Männer eine Überforderung. Mir scheint, wenn sie einen religiös intensiveren Weg gehen wollen, dann begeistert sie eher die «Fuga Mundi», also die Sehnsucht nach Weltflucht. Das Wissen darum, dass alle Lebensfragen auch in der Abgeschiedenheit wieder kommen werden, das ist ihnen meistens noch verborgen.
Sie ziehen im Herbst dieses Jahres weiter in eine neue Aufgabe. Aus Ihrer Erfahrung im aki: Was gehört zu einem Katholizismus, der Zukunft hat?
Für mich selbst tatsächlich, dass ich mich nicht nur für jene interessiere, die schon katholisch sind; sondern dass ich auch Leute gewinnen möchte, die ich sympathisch finde, die ich talentiert finde, von denen ich meine, sie würden eigentlich gut dazu passen. Vielleicht so: Es geht um die Fähigkeit, auf Leute zuzugehen, die mich beeindrucken auf Grund der Werte, die sie leben – und dass der Katholizismus fähig ist, mit ihnen im Gespräch zu sein.
Franz-Xaver Hiestand SJ ist 1962 in Wald im Zürcher Oberland geboren und Jesuit seit 1988. Er hat Germanistik und Altphilologie in Zürich, Philosophie in München und Theologie in Paris studiert. Seit 2010 leitet er das aki, die katholische Hochschulgemeinde, in Zürich. Daneben begleitet und leitet er verschiedene Formen von Exerzitien, unter anderem Exerzitien mit Filmen, und arbeitet gelegentlich als Film-Kritiker.