Ein Jahr Papst Leo XIV.: Vom Lamm zum Löwen

Dass die USA als mächtigste Nation der Welt das Oberhaupt der grössten Religionsgemeinschaft stellen, schien lange undenkbar. Dann kam Leo XIV. Nicht nur für Trump hat der vor einem Jahr gewählte Papst klare Botschaften.

Robert Francis Prevost nach seiner Wahl zum Papst auf der Loggia am 8. Mai 2025.
8. Mai 2025: Robert Francis Prevost ist zum Papst gewählt und grüsst die Menschen von der Loggia mit dem Wort des Auferstandenen: «Friede sei mit Euch». Der Frieden ist in seinem ersten Amtsjahr ein zentrales Thema geblieben.

Paukenschlag nach elf Monaten im Amt: «Ich fürchte weder die Trump-Regierung noch das offene Aussprechen der Botschaft des Evangeliums», sagte Papst Leo XIV. Mitte April im Flieger nach Afrika. Der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri zeigte plötzlich Krallen statt Samtpfoten. Und das ausgerechnet an die Adresse des Präsidenten seines Geburtslandes.

Aus Sorge vor derartigen weltpolitischen Verwicklungen schien lange ausgeschlossen, dass das mächtigste Land der Erde zugleich auch das Oberhaupt der 1,4 Milliarden Katholiken stellen könnte - bis zur Wahl von Robert Francis Prevost am 8. Mai 2025. Doch rasch war klar, dass der erste Papst der Boomer-Generation eher Kosmopolit als ein typischer «Ami» ist - und auch alles andere als eine Art geistlicher Assistent von Donald Trump.

Geboren wurde er am 14. September 1955 in Chicago als dritter Sohn eines Lehrers und einer Bibliothekarin mit französischen, italienischen, spanischen und kreolischen Wurzeln; promovierter Kirchenrechtler mit Abschlüssen in Mathe und Physik, seit 1977 Mitglied und später Leiter des Augustinerordens, gut 20 Jahre Missionar und Bischof in Peru, dessen Staatsangehörigkeit er auch hat; zuletzt Präfekt der vatikanischen Bischofsbehörde - all das machte rasch die Runde über den bescheiden lächelnden Mann, der nach dem «Habemus Papam» auf dem Balkon des Petersdoms erschien.

Dass er schon bei seinem ersten Auftritt den roten Schulterumhang «Mozzetta» trug, zeigte, dass Papst Prevost Traditionen schätzt, ohne ein Ultrakonservativer zu sein. Inzwischen macht sein Faible für eine liebevoll orchestrierte Liturgie manche Messe geradezu zum Erlebnis. Und wann hat man zuletzt einen Papst mit geübter Stimme singen gehört?

Unmissverständlich geisselt er die Kriegsrhetorik - auch und gerade die aus Washington.

Zudem variiert der polyglotte Papst nach Belieben zwischen Italienisch, Englisch und Spanisch, spricht Französisch und etwas Portugiesisch. Und Deutsch paukt das internetaffine Multitalent angeblich per Sprach-Lern-App. Der mit jetzt 70 Jahren vergleichsweise junge Pontifex und Hobby-Tennisspieler nutzt in seiner im März bezogenen Wohnung am Petersplatz angeblich einen Fitnessraum. Und zeigt sich körperlich so fit wie kein Papst seit 40 Jahren.

Details, die aber für die 133 Kardinäle im Konklave vor einem Jahr wohl kaum wahlentscheidend waren. Nach dem impulsiven Argentinier Franziskus (2013-2025), auf den sich sein heutiger Nachfolger immer wieder beruft, wünschten sich viele einen «Brückenbauer»: Prevost war als guter Zuhörer bekannt, setzte auf Dialog statt auf Konfrontation und liess sich weder von «Konservativen» noch von «Progressiven» vereinnahmen.

So soll er laut Vatikankreisen bereits im ersten Wahlgang überraschend viele Stimmen erhalten haben - auch, so heisst es, dank der geschlossen auftretenden Gruppe der US-Kardinäle. Nach dem erfolgreichen vierten Wahlgang setzte Leo XIV. mit seinem «Der Friede sei mit euch allen» auf der Loggia des Petersdoms dann das Thema seines Pontifikats.

Manchen schien Leo XIV. der lateinischen Bedeutung seines Papstnamens anfangs nicht gerecht zu werden, schien eher Lamm als Löwe. Seine wiederholten Friedensappelle wirkten eher zahm. Das hat sich mit den Einsätzen der US-Streitkräfte in Venezuela und im Iran grundlegend geändert. Unmissverständlich geisselt er seither eine immer brutalere Kriegsrhetorik - auch und gerade die aus Washington.

Der Showdown kam in der Nacht vor Leos langer Afrikareise, als der US-Präsident gegen seinen Landsmann ausholte. Dieser sei «SCHWACH im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Aussenpolitik», ätzte Trump auf seiner Plattform Truth Social.

Dass Papst Leo deutlich werden kann, ohne laut zu werden, beeindruckt.

Mit seiner Replik liess Leo XIV. aufhorchen: Er sei kein Politiker und wolle sich nicht auf eine Debatte mit Trump einlassen. Aber er werde weiter versuchen, Kriege zu beenden und Frieden zu fördern, so das Oberhaupt der weltgrössten Religionsgemeinschaft gegenüber dem militärisch mächtigsten Mann der Welt.

Der Schlagabtausch zwischen dem Mann in Weiss und dem Mann im Weissen Haus zieht sich weiter hin, denn Trump legt immer wieder nach. Erst am Dienstagabend konterte Leo die erneute Unterstellung des US-Präsidenten, der Papst würde es in Ordnung finden, wenn der Iran Atomwaffen hätte. «Wenn mich jemand dafür kritisieren will, dass ich das Evangelium verkünde, soll er das mit der Wahrheit tun», sagte er. Und verwies auf seine Friedensbotschaft am Wahlabend vor einem Jahr.

Dass der eher leise Leo XIV. deutlich werden kann, ohne laut zu werden, beeindruckte auch Kommentatoren jenseits der Kirche. Und so kann aus dem Löwen im Papstamt auch eine weltweite moralische Instanz werden - nicht nur für Katholikinnen und Katholiken.

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