Ich gebe zu, ich wollte diesen Artikel nicht schreiben. Ich bin keine Zürcherin. Und katholisch bin ich, nun ja, sagen wir mal, auch bloss beschränkt: Kirchensteuer ja, Kirchenbesuche nein. Stossgebete ja, Rosenkränze nein. Kurz, ich fremdele mit der Institution. Und ausgerechnet ich sollte auf die Geschichte des Forums und der Paulus Akademie zurückblicken?
Irrsinn, denkt jetzt jeder vernünftige Mensch. Aber als ich dann zu recherchieren begann, merkte ich: Die Absicht meiner Auftraggeberin war durchtrieben. Was ich alles entdeckte! Feminismus! Kommunismus! Ungehorsam! Schon bald setzte das «Wusstest du eigentlich»-Syndrom ein, bei dem man sein Umfeld ungefragt mit neu gewonnenem Wissen vollquatscht. Niemand war sicher. Ich sagte Dinge, wie «Ja, dazu gab es 1980 schon einen Vortrag in der Paulus Akademie. Die kennst du nicht? Da musst du mal hin.» Und noch etwas wurde mir klar: Das Forum ist für Leute wie mich gemacht. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie selbst.
Ausgabe 1/1956
Damit aus vielen Gemeindeblättern eins werde: Das ist das Ziel des Pfarrblatts für Zürich und Umgebung.
Forum-Archiv
Am 1. Januar 1956 erschien die erste Ausgabe des «Katholischen Pfarrblatts für Zürich und Umgebung». Was sich einfach anhört, war ein Kraftakt. Damals lebten rund 200 000 Katholikinnen und Katholiken im Kanton, die römisch-katholische Kirche war noch nicht öffentlich anerkannt. Die Hochkonjunktur nach dem 2. Weltkrieg hatte zwar den sozialen Aufstieg der Zürcher Katholiken in den Mittelstand beschleunigt: aus Arbeitern waren Angestellte und aus Ausländern Schweizer geworden. Zürich und katholisch – das ging mittlerweile. Aber gleichgestellt war man noch nicht. Und einig auch nicht immer. «Es ist bekanntlich in Katholisch-Zürich besonders schwierig, gemeinsame Ziele durchzusetzen, weil infolge allzu grosser Zersplitterung der vorhandenen Kräfte und Mittel der Sinn für solche Zusammenarbeit noch recht unbefriedigend entwickelt ist», schrieb Franz Demmel, der erste Redaktor des neuen, gemeinsamen Pfarrblatts. Aber immerhin machten 13 Gemeinden mit, die Auflage betrug 16 000 Exemplare, der Jahrespreis 5 Franken. Demmel, dem schon im Priesterseminar eine ungenierte Art seine Meinung zu äussern, ja gar eine «Freude an frisch-fröhlicher Aggression» nachgesagt wurde, hatte eine klare Vision des Projekts: «Kein frommes Traktätlein» sollte es sein, sondern ein «wesentliches Seelsorgemittel», mit dem das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und die Zusammenarbeit der Pfarreien gefördert wurde. Gestaltet hatte das Blatt der Grafiker Max Lenz, weil es «auch in seiner äusseren Aufmachung für den zürcherischen Katholizismus irgendwie repräsentativ sein muss». Und noch etwas, so Demmel, war für das wöchentlich erscheinende, vier Seiten umfassende Pfarrblatt wichtig: «Soll es vom Volk gelesen werden, muss es volkstümlich sein.» Mit seinem klaren, manchmal auch eigensinnigen journalistischen Kurs machte sich Franz Demmel nicht nur Freunde. Als der Ostschweizer, der lange auch das katholische Jugendsekretariat in Zürich leitete, 1972 in den Ruhestand ging, verabschiedete man ihn mit den Worten: «Dein Unabhängigkeitsdrang geht allerdings so weit, dass du vergisst, dass auch dein Salär aus den Kassen von Zentralkommission und Stadtverband stammt.»
«Sind Sie ein verschämter Katholik?», fragte das Pfarrblatt 1958. Und liess die Leser (und Leserinnen – die mussten allerdings weniger Punkte erreichen) gleich selber testen. Also:
«Lesen Sie katholische Zeitschriften und Zeitschriften auch in öffentlichen Verkehrsmitteln? (2 Punkte)»,
«Äussern Sie offen Ihre Überzeugung, wenn die Rede auf die Religion kommt? (3 Punkte)»,
«Beten Sie in einem Restaurant mit öffentlichem Speiseraum Ihr Tischgebet? (2 Punkte)»,
«Essen Sie an Freitagen auch auswärts fleischlos? (3 Punkte)»,
«Geben Sie Ihren Kindern die Namen von Heiligen? (1 Punkt)»,
«Meiden Sie Filme, von denen die katholische Filmkritik abrät? (2 Punkte)»,
«Lüften Sie den Hut, wenn Sie an einer Kirche oder an einem Kruzifix vorbeigehen? (Nur für Männer. 1 Punkt).»
1966 wurde in Witikon die Paulus Akademie nach Plänen von Justus Dahinden eröffnet, einem der wichtigsten Schweizer Architekten der Nachkriegszeit.
Baugeschichtliches Archiv Zürich/ Michael Wolgensinger
Im Oktober 1966 wurde sie eingeweiht: die Paulus Akademie. «Die beiden Worte Akademie und Dialog gehören unmittelbar zusammen», stellte Bundesrichter Otto K. Kaufmann in seiner Festrede fest. Er warnte vor einer Kirche, die nicht offen ist für die Wahrheit der Welt und die Zeiten nachhängt, als sie «noch eine geistige Monopolstellung innehatte». Damit forderte er die Zuhörerschaft – und manche überforderte er. Im Anschluss setzte es vom Churer Bischof und dem Präsidenten der Bischofskonferenz einen Rüffel für die Akademieleitung, weil sie die kritische Ansprache zugelassen hatte. Aber vielleicht war es ein Beginn, wie er sich für eine Institution, die Denkverbote ausser Kraft setzen wollte, gehörte. Vordenker der Paulus Akademie war Alfred Teobaldi, der «heimliche Nichtbischof von Zürich», wie es in seinem Nachruf hiess. Teobaldi hatte mit seiner «aufgeschlossenen und unklerikalen Art» («Die Tat») schon vieles erreicht: Der Bahnarbeitersohn aus Zürich-Aussersihl war nicht nur der erste Generalvikar Zürichs, sondern auch Initiant des Kirchengesetzes, das 1963 die Anerkennung der katholischen Kirche im Kanton sicherte. Aber sein «Lieblingswerk», wie er selbst sagte, war die Paulus Akademie. Jahrelang hatte Teobaldi zäh gegen immer neue Hindernisse gekämpft, sich gegrämt, dass die Reformierten mit der Heimstätte Boldern schon längst hatten, was den Schweizer Katholikinnen und Katholiken noch fehlte. Angetrieben vom Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, das Wandel und Aufbruch versprach, wollte er nun einen Ort schaffen, wo «alle geistig aufgeschlossenen Menschen unserer Zeit: Frauen, Männer, Junge, Alte, Unternehmer und Arbeiter, Geistliche und Laien» zusammenkommen konnten. Gemeinsam sollten sie im Tagungshaus Probleme erörtern, «mit denen der denkende Christ in der heutigen Welt konfrontiert ist», und dabei auch heikle Themen nicht scheuen. «Schmalspurtheologie» sei das, warfen ihm Kritiker vor. Aber Teobaldi liess sich nicht beirren. Und jetzt war sie also endlich da, die Akademie mit Konferenzzimmern, Vortragssaal, Speisesaal für 90 Personen und Schlafzimmern für 40 Teilnehmende. Ein Erfolg! Auch wenn Alfred Teobaldi noch kurz vor der Eröffnung erklärt hatte: «Ich kann mich nicht erinnern, dass ein anderes Projekt so viele und so schwere Sorgen bereitet hat.»
Wie es um die finanzielle Lage der Paulus Akademie stand, erlebte der spätere Direktor Max Keller, als er 1969 die Stelle als Betriebsleiter antrat. «Die Lohnverhandlungen mit dem Vorstand waren nicht gerade ein Lichtblick», schrieb er. Generalvikar Alfred Teobaldi bestand auf 1800 Franken, obwohl die Mehrheit des Vorstandes das zu wenig fand. «Von den Vikaren weiss ich, wie hoch der Lohn sein muss, um jedes Jahr eine neue Hose kaufen zu können», erklärte Teobaldi. Nach Dienstantritt habe er dann bald erkannt, so Keller, dass die Unnachgiebigkeit des Generalvikars schlicht am fehlenden Geld der Akademie lag. Schon der Bau der Akademie in Zürich-Witikon nach den Plänen des innovativen Architekten Justus Dahinden hatte mit 1 600 000 Franken die budgetierten Kosten von 920 000 Franken weit überschritten. Und jetzt, hielt Keller fest, stand die Finanzierung des Betriebs «mehr oder weniger in den Sternen». «Das war der Ausgangspunkt der finanziellen Sorgen der Akademie, die mich über 30 Jahre beschäftigen sollten.»
Ausgabe 32/1974
Bis Ende der 1980er Jahre schliessen sich fast sämtliche
Pfarreien im Kanton dem Pfarrblatt an.
Forum-Archiv
«Nicht jedem Pfarrer ist das Schreiben in die Wiege gelegt worden. Allen aber fehlt die Zeit dazu», so lautete eine der Begründungen, warum es ein gemeinsames Pfarrblatt brauchte. Bis 1967 hatten sich 56 der 76 Pfarreien angeschlossen. «Die Zeit arbeitet für uns», glaubte das Hauptblatt. Aber so manch ein Pfarrer hatte doch Gefallen an der eigenständigen journalistischen Rolle gefunden. «Redaktor, Fotograf, Sekretär und Gestalter in einer Person», schrieben die «Neuen Zürcher Nachrichten» 1973 über Pfarrer Alois von Euw, der sein Pfarrblatt «Pfungener Times» genannt hatte. Alle 14 Tage lieferte er religiöse
Betrachtungen, Wettbewerbe, Reportagen und Nachrufe. «Bis spät in die Nacht» brenne bei ihm jeweils das Licht. Immerhin: Die Witze am Ende des Blattes erhalte er meistens von seinen reformierten Amtsbrüdern zugestellt, so von Euw. Und auch Guido J. Kolb, Pfarrer von St. Peter und Paul in Zürich, hielt lange am eigenen Pfarrblatt fest. Der «Zwang zum Schreiben», wie er es nannte, liess ihn sogar zum Schriftsteller werden. «Als ich dann für das Pfarrblatt alle 14 Tage acht Druckseiten füllen musste, und mir hie und da weder etwas Gescheites noch etwas Frommes einfiel, begann ich einfach, Füller zu schreiben, Erlebnisse zu notieren.» Kolbs «Niederdorf-Geschichten» waren so populär, dass die Leserinnen und Leser anfingen, die Pfarrblatt-Ausgaben zu sammeln. Daraus entstand ein Buch, weitere folgten. Seine Geschichten seien eine verlängerte Kanzel, erzählte Kolb 1988. «Ich gelange so auch in Häuser, Spitäler oder Krankenzimmer, in die ich sonst nicht hineinkäme.»
Wer liest das Pfarrblatt? – Niemand? – Alle? – Nur die, die es schreiben? Immer wieder stellten sich die Macher – und später auch die Macherinnen – die Frage nach der Leserschaft. Und damit auch nach der inhaltlichen Ausrichtung. Man rang mit sich. Und den anderen. Die Leserinnen und Leser meldeten sich zu Wort, fanden die Artikel zu lang, zu kurz, zu kompliziert, zu banal, zu kirchlich, zu weltlich. 1977 versuchte der Theologe Walter Ludin in einem 100-seitigen Buch zu klären, was denn die Aufgabe eines Pfarrblatts sei. Er kam zum Schluss: Idealerweise dient es der lokalen Integration, Erwachsenenbildung, Sensibilisierung für gesellschaftliche Fragen, bietet Lebenshilfe und ist Diskussionsforum. «Heisse Eisen» ortete er bei der Frage nach der Freiheit der Redaktion und dem Recht – oder gar der Pflicht –, «die Kirche zu kritisieren, wo es nötig ist». 1987 befasste sich eine Dissertation mit dem Mediennutzungsverhalten der Katholikinnen und Katholiken im Kanton Zürich. Dabei zeigte sich: 47 Prozent lasen das Pfarrblatt mindestens gelegentlich. Und vor allem: Seine Inhalte erreichten auch 27 Prozent jener, die selten oder nie in die Kirche gingen.
1971, mitten im Kalten Krieg, geriet die Paulus Akademie in den Verdacht, «eine kommunistische Propaganda-Plattform» zu sein. So titelte wenigstens die Nachrichtenagentur «Schweizerische Politische Korrespondenz». Zuvor hatte die Akademie eine Tagung zum Thema «Marxistische Religionskritik» durchgeführt. Als der Kunsthistoriker und Marxist Konrad Farner («der meistgehasste Kommunist des Landes», Tages-Anzeiger) das Wort ergriff, kam es zu Krawallen, Farner wurde niedergeschrien. Akademie-Direktor Johannes Freiner musste mit der Räumung des Saals drohen, wenn die Redefreiheit nicht geachtet werde. «Die sind von Moskau gesteuert» – dieser Vorwurf sei immer wieder erhoben worden, egal ob bei Veranstaltungen zu Militärdienstverweigerung, Waffenausfuhr oder der Beziehung der Schweiz zum südafrikanischen Apartheidstaat, erklärte der spätere Direktor Max Keller. Er selbst war auch ins Visier eifriger Staatsschützer geraten. In der Fiche, die die Behörden über den Theologen angelegt hatten, steht: 14.7.1975 «K. wird als Inhaber der neuen Zeitschrift ‹Für eine offene Kirche› gemeldet. Diese soll sehr ‹links› stehen.» 1986: «Bericht über türkische Aktivitäten in der Schweiz. Solche fanden vom 25.–27.3.83 in der Paulus-Akademie in Zürich statt. K. befand sich unter den Teilnehmern.» Auf fünf Seiten hatte der Staatsschutz auch fein säuberlich verdächtige Aktivitäten in der Paulus Akademie zusammengetragen. «Tagung über jugendliche Outsiders», «Sollen Ausländer in der Kirche mitbestimmen», «Nicht zum intellektuellen Ghetto werden», «Ein Leseabend zum Buch ‹Kassandra› von Christa Wolf» – alles war den Überwachern suspekt.
«Früh habe ich mitgearbeitet, erst gratis, in gemeinsamen ‹Literarischen Gesprächen› und vor allem durch meine Arbeit in der Kunstkommission. Später vertrug sich die Gratisarbeit nicht mehr mit meinen feministischen Ansichten, mein Arbeitsbereich hatte sich zudem ausgeweitet. Ich wollte angestellt werden oder aufhören», schrieb Brigit Keller. Ihr, der Germanistin und Ehefrau von Direktor Max Keller («Es ist wohl problematisch für Frau und Mann, die um Emanzipation ringen, den gleichen Arbeitgeber zu haben», erinnerte sie sich. «Wir stritten auch gern.»), ist es zu verdanken, dass die Paulus Akademie zu einem Zentrum der feministischen Theologie und der Frauenbewegung wurde. 1969 referierten die ersten Frauen an der Paulus Akademie: Marie-Theres Kaufmann über «Wir und unser behindertes Kind» und Marga Bührig, die spätere Leiterin des reformierten Tagungszentrums Boldern, über Interkommunion. «Mit Mut habe ich meine Ideen umgesetzt, lotete die durch den Ort gesetzten Grenzen aus», erklärte Brigit Keller ihr Tun an der Paulus Akademie. 1978 wurde sie zur freien Mitarbeiterin für Bildungsarbeit für Frauen, 1996 dann Leiterin des neu geschaffenen Arbeitsbereichs «Frauenfragen/Frauenkultur». Keller lud die amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde zu Lesungen, organisierte Wochen zu feministischer Ethik, Diskussionsrunden zu matriarchaler Spiritualität («Als ich das erste Mal etwas von feministischer Theologie hörte, war ich gleichsam elektrisiert.»), Tagungen über Frauensprache. Es habe einen langen Atem gebraucht, um die frauenspezifische Arbeit strukturell zu verankern, so Keller. «Geben wir nicht schnell auf, wenn uns etwas wichtig erscheint, beanspruchen wir Räume, Institutionen, Geld für uns wichtige Anliegen.»
«Zu links, zu feministisch, zu ausländerfreundlich.» Mit dieser Kritik an der Programmgestaltung strich 1988 der Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich der Paulus Akademie den Betriebsbeitrag von 60 000 Franken. Die Akademie-Leitung sah in der Kürzung der Mittel einen Druckversuch, unbequeme Themen zu unterbinden. «Wir erwarten nicht, dass alle Katholikinnen und Katholiken unsere Meinungen teilen», hielt sie fest. «Aber wir hoffen, dass eine gute Arbeit nicht von aussen, etwa durch Geldentzug oder durch die Eingrenzung des notwendigen Freiraums gefährdet wird.» Was die Ausländerfreundlichkeit betrifft: die war verbürgt. Und gewollt. Angeregt von einem Vortrag des brasilianischen Bildungstheologen Paulo Freire führte die Arbeitsgruppe «Ausländer-Schweizer» schon in den 1970er-Jahren 23 Diskussionsabende durch. Deren Ziel, schrieben die «Neuen Zürcher Nachrichten», sei es, «dass Ausländer mit Schweizern über ihre Schwierigkeiten im Gastland reden können.» «Langweilig sind die Diskussionen nie.»
Im Frühjahr 1991 war sie da, die erste Pfarrblattausgabe als «Forum». 1989 hatte man schon mit der Planung begonnen, dann gab es Probleme mit der Druckerei und Diskussionen um den Titel «Forum der Zürcher Katholiken» – die Frauen wollten mitgenannt werden. Aber jetzt lag es vor, vierfarbig, und hiess «Forum. Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich». Natürlich gefiel es nicht allen. Farbig, mit Bildern und auf 24 Seiten Glanzpapier gedruckt, zu viel für ein Pfarrblatt fand ein Journalist und fragte, ob es dieses «Luxusobjekt» brauche. Worauf Antoine Pescatore, Präsident des neu formierten Verlagsausschusses, erwiderte, das Forum solle nicht durch «womöglich noch gewollte Biederkeit» gegen andere Druckerzeugnisse abfallen. 110 000 Exemplare umfasste die Auflage jetzt. Inhaltlich, erklärte Chefredaktor Georg Rimann, wolle man mit Klischees aufräumen und zeigen, «wie Kirche heute lebt, sich versteht und was sie beschäftigt».
«Vom reinen Hofjournalismus abrücken» sollten die «offiziellen und offiziösen Organe» der Kirche, erklärte Georg Rimann, bis 2004 Chefredaktor des Forums, schon 1986. Was er damit meinte, zeigte er nach der Ernennung des umstrittenen Churer Bischofs Wolfgang Haas. Wiederholt – und gegen alle Widerstände – berichteten Rimann und seine Redaktion über das «Zerwürfnis, wie es das Bistum Chur in einer solch existenziellen Tiefe bei Seelsorgern und Laien seit Menschengedenken nie durchlitt», wie er festhielt. Und auch das Thema Missbrauch in der Kirche griff das Forum früh und unmissverständlich auf.
Paulus Akademie und Forum haben seit ihrer Gründung den Anspruch, mitten in die Gesellschaft hinein auszustrahlen und von dieser Gesellschaft auch inspiriert zu werden.
Niklaus Spoerri/Paulus Akademie
«Die Paulus Akademie ist ein abenteuerlicher Ort, wer keine Abenteuer liebt und eh schon alles weiss, dem sei geraten, ihr fern zu bleiben», hiess es im Jubiläumsbulletin zum 30-jährigen Bestehen der Akademie. Zum Abenteuer wurde auch der Aufbruch an einen neuen Standort. Es gab sie zwar, die Fans der Räume der Paulus Akademie in Witikon. «Ein architektonisches Wirrwarr», schrieb der Theologe Al Imfeld in den 1990er-Jahren, «ein Labyrinth». Die Unmöglichkeit der Räume in der Akademie hätten Denkerinnen und Denker gezwungen, «in dieser Welt der Quere zu bleiben». Aber nach der Jahrtausendwende war das Gebäude in der Peripherie der Stadt in die Jahre gekommen. «Notwendige Modernisierungs- und Erweiterungsmassnahmen zur Aufrechterhaltung eines geordneten Tagungsbetriebs sind aus bautechnischen und ökonomischen Gründen ausgeblieben», hiess es. Auch das Publikum hatte sich verändert, in der Art (weniger kirchennah) – und in der Zahl (weniger). Kurz: Man wünschte sich einen neuen Standort, eine «Stadtakademie» im Zentrum Zürichs, die mit «aktuellen Fragestellungen die Menschen dort abholt, wo sie täglich unterwegs sind», erklärte Direktor Hans-Peter von Däniken 2006. Lange dauerte die Suche, fast 20 Jahre. 2020 fand die erste – und einzige – katholische Akademie der Schweiz ihr neues Zuhause an der Pfingstweidstrasse im Kreis 5. An der Fassade steht jetzt: «Paulus Akademie stellt Fragen zur Zeit.» «Fragen haben die Leute selbst genug. Warum ist die Paulus Akademie nicht der
Ort der Antworten?», wollte Forum-Co-Redaktionsleiterin Veronika Jehle in einem Interview wissen. «Wenn wir nur Antworten liefern würden, dann wären wir eine moralische Instanz», erwiderte Akademie-Direktor Csongor Kozma. «Das möchten wir nicht.»
«Ein Fortschritt mit Tücken», sei die EDV-Anlage, die neu die Klebeadressen des Pfarrblatts liefere, erklärten die «Neuen Zürcher Nachrichten» 1984. Vierzehn Jahre später, zwei Jahre nachdem mit «the blue window» erstmals ein Portal das breite Publikum erreicht hatte, ging das Forum als eine der ersten kirchlichen Publikationen der Schweiz online. Das wurde im Heft auf knappen vier Zeilen, versteckt auf Seite 6 bekanntgegeben, versehen mit dem Hinweis, dass nun sämtliche Gottesdienste im ganzen Kanton online abrufbar seien. Drei Relaunchs später, mit denen jeweils sowohl der Webauftritt wie das Printmagazin erneuert wurden, machte die Digitalisierung Ende 2024 einen weiteren entscheidenden Schritt: Das Forum wurde hybrid – gedruckt und digital, in der Produktion wie im Auftritt sich gegenseitig ergänzend. Mit einer Online-Agenda, die weit über die ersten Gehversuche von 1998 hinausgeht. Die gedruckte Ausgabe war zu einem 52-seitigen Monatsmagazin geworden, mit vielen neuen Rubriken. Und jetzt, zum 70. Geburtstag, wird gefeiert. Warum eigentlich? «Um sich im Gespräch zu halten. Um zu feiern, solange wir feiern können. Um daran zu erinnern, dass Kirche ein einzigartiges Experiment zwischen zeitloser Grossartigkeit und zeitlosem Versagen ist», schrieb Co-Redaktionsleiter Thomas Binotto in einer Glosse. Denn: «Wenn wir mit dem Feiern aufhören, zieht das Leben einfach nur noch an uns vorbei.»