«Ich habe eigentlich gar nichts entdeckt. Ich habe nur gelesen, was in den Büchern steht», sagt Irene Gysel. Die 77-jährige ehemalige Kirchenrätin, Pfarrfrau und SRF-Moderatorin forscht seit langem zur letzten Äbtissin des Fraumünsterklosters, zu Katharina von Zimmern, und damit zur Zürcher Stadt- und Christentumsgeschichte. Dabei ist sie in Chroniken auf ein interessantes Detail gestossen: Fünf Mal im Jahr zog die Äbtissin mit anderen Honoratioren in feierlicher Prozession zur Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Altstetten. Ein Marienheiligtum in Zürich-Altstetten? Tatsächlich. Belegt ist es von 1303 bis in die Reformationszeit. An der heutigen Badenerstrasse 665 wurde im Jahr 1410 eigens die Pilger-Taverne zur Blauen Ente errichtet, so viele Pilgerinnen und Pilger kamen, Unsere Liebe Frau zu verehren. Und bis spät ins 19. Jahrhundert hinein, als die Marienstatue längst schon aus der Kirche verschwunden war, blieb Altstetten ein beliebter Ort für Trauungen der städtischen Herrschaften.
Als Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, von Irene Gysel erfuhr, dass nur etwa sechs Kilometer vor ihren Klostermauern ein Marienheiligtum gewesen sein soll, war für die beiden ein gemeinsames Projekt geboren: diesen uralten Pilgerweg neu unter die Füsse zu nehmen. Beiden liegt Pilgern am Herzen, beiden liegt die biblische Figur der Maria am Herzen – eine «wunderbare Grundlage für ökumenischen Austausch», freut sich Irene Gassmann. In Maria sieht sie «eine Freundin und Schwester», während Irene Gysel in Maria «einen Archetyp für Barmherzigkeit, Wärme, Gnade, aber auch für Kraft und Mütterlichkeit» erkennt. Pilgern wiederum bringe in Bewegung, stifte aber auch Gemeinschaft und ein Ziel. «Das Ziel richtet einen aus, innerlich und äusserlich», weiss Priorin Irene. Gefragt nach dem religiösen Anteil des Pilgerns sagt Irene Gysel: «Es geht um grosse Fragen: Wo gehe ich hin? Wo komme ich her? Was ist meine Aufgabe im Leben?» Diese Erfahrungen möchten die beiden nun mit anderen teilen, im Zugehen auf das wiederentdeckte Zürcher Marien-Pilgerziel – dessen Marienstatue allerdings verschollen ist.
Angekommen vor der Alten, heute reformierten Kirche Altstetten, hält Irene Gassmann inne. «Ich bin jetzt zum dritten oder vierten Mal hier. Immer, wenn ich hier ankomme, spüre ich … diesen alten, starken Ort.» Irene Gysel zieht wortlos ihre Goldkette ab, lässt sie zwischen zwei Fingern zum Boden baumeln. Wie von Geisterhand geführt wird sie sich drinnen in der Kirche zu bewegen beginnen. «Und, was bedeutet das für dich?», fragt die Priorin interessiert. «Nichts», lacht Irene Gysel, «ich beobachte es einfach.»