Grosse Erzählungen

Entwicklung

Wie Menschen werden, wer sie sind, das beschäftigt auch die jüdisch-christliche Tradition.

Schofar | Monique Schmutz, 2017, Öl auf Leinwand, 40 × 40 cm

Berühmt sind die Sätze aus dem Buch Genesis: «Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich … Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.» Von alters her haben sich Leser und Leserinnen gefragt, wie «männlich und weiblich» zu verstehen ist: als Mann und Frau geschaffen oder als ein einziges Wesen männlich-weiblich? Seit je haben sie auch nachgedacht über: «als unser Bild, uns ähnlich». Warum diese Doppelung? Die klassische Antwort lautet, dass ausnahmslos jeder Mensch Gott repräsentiert. Heute sprechen wir von universaler Menschenwürde. Demgegenüber ist es eine Aufgabe, Gott ein Leben lang ähnlicher zu werden. Nur wer sich bemüht, sich Gott anzugleichen, wird ihm ähnlich. Auch Mann und Frau zu sein, die eigene Identität zu finden, ist eine Aufgabe fürs Leben. 

Persönliche Entwicklung war in vormoderner Zeit auf einen Weg zur Vollkommenheit fokussiert. Das Ziel bestand darin «heilig zu werden», so wie Gott der Heilige ist. Die Wege waren durch eine Gesellschaft vorgeprägt, die klare Stände kannte: Mönche und Nonnen, Priesterstand und Ehe. In der Moderne wurde die Gesellschaft deregulierter und offener. Persönliche Freiheit ermöglicht seither Entwicklung und Wandel, wie dies früher unbekannt war. «Werde, der/die du bist!» wurde zur Aufforderung für alle, im Idealfall durch Selbsterkenntnis. Bereits die alten Griechen hatten sie gelehrt. Heute verkommt Persönlichkeitsbildung jedoch oft zu individualistischer Selbstverwirklichung. Ja, es ist ein Stress entstanden, sich immer neu zu erfinden. 

Doch der Mensch wird erst Mensch am Mitmenschen. «Das Ich entsteht am Du», wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schreibt, letztlich am grossen Du Gottes. Der religiöse Mensch weiss, dass Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis miteinander gehen. So wächst auch die Beziehung zu Gott und das Gottesverständnis. In der Bibel gibt es dafür eine exemplarische Geschichte: die des Propheten Elija. Er ist Mann Gottes schlechthin. Sein Name bedeutet: JHWH ist mein Gott. Er ist der Prophet, der kein Buch hinterlassen hat. Doch sein Leben erzählt von einer vertiefenden Gottesbeziehung.

Im alttestamentlichen Buch der Könige taucht Elija unvermittelt auf. Er muss König Ahab eine Dürrezeit ankündigen. Kein Regen wird fallen. Hunger wird über Israel kommen. Grund dafür ist der Götzendienst der Baalspriester. Ahab lässt sie walten. Elija klagt daher den König an. Um daraufhin Ahabs Zorn zu entkommen, flieht er an den Bach Kerit, genau gesagt ins ausgetrocknete Bachtal. Da lebt er in einer Höhle. Gott sorgt für ihn, indem Raben ihm Brot bringen. In der Einsamkeit der Wüste wird Elija auch innerlich geformt. Der Witwe von Sarepta, die selbst hungert, aber ihr Brot mit ihm teilt, erweckt er den toten Sohn zum Leben. Eljia kann sich als Mann Gottes erweisen.

Als kämpferischer Mann Gottes fordert er dann auch die Baalspriester heraus. Er inszeniert ein Gottesgericht. Sie sollen den Gott Baal anrufen, auf dass er Feuer vom Himmel werfe und das aufgeschichtete Opfer verzehre. Dann will er den Himmel anrufen und wenn sein Gott, der Gott Israels, Feuer wirft, dann ist er der einzige Gott. Elija geht damit aufs Ganze, riskiert alles: die Baalspriester – oder er als Gottes Mann. Dramatisch beschreibt die Bibel, wie die Priester ihren Himmel stürmen. Doch sie rufen vergeblich zu Baal. Elijas Gebet aber öffnet den Himmel, Feuer fällt und verzehrt das Opfer. Elija sieht sich im Recht und im Sieg. Wie er seinen Gott schon am Sinai in Wolken und Donner, in Blitz und Feuer erfahren hat, glaubt er nun, in heiligem Zorn die Baalspriester verfolgen und umbringen zu müssen. Er will Gottes Gericht vollziehen. Keinen lässt er am Leben. Und tatsächlich: Elija kann im Namen Gottes König Ahab verkünden, dass wieder Regen fallen wird. Dürre und Hunger sind vorbei. 

Kein Wunder, dass die Königin Isebeel, die die Baalspriester gefördert hat, nun Elija an den Kragen will. Wieder muss er fliehen. Dieses Mal geht er vierzig Tage in die Wüste hinein. Er ist verzweifelt und will sterben. Warum nur wird er wieder verfolgt? Er hat sich ja ganz für Gott eingesetzt. Mit gewaltiger Hand hat er für Recht gesorgt, so wie sich Gott gewaltvoll und mit Recht am Berg Sinai gezeigt hat. Ist er in seinem heiligen Eifer nicht Gott ähnlich geworden und hat für ihn gehandelt? Wieder sorgt Gott mit Brot und Wasser für Elija. Wieder führt er ihn, dieses Mal weiter durch die Wüste zum Berg Sinai, der auch Horeb genannt wird. Elija geht abermals in sich, geht in die Höhle. Er sucht den Gott seiner Jugend, wie er ihn verstanden hatte, als gewaltiger Gott in Donner, Erdbeben und im Feuer. Doch er findet ihn nicht mehr! Jetzt zeigt sich Gott ihm weder im Donner noch im Blitz, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. Elija vernimmt ihn nun in einer «Stimme verschwebenden Schweigens». So übersetzt es Martin Buber: Nichts mehr von Gewalt, vielmehr Zartheit und Offenheit stiller Begegnung. 

Elija ist seinen Weg der Entwicklung gegangen: Er hat für Gott gekämpft, so wie er ihn als junger Mann verstanden hatte. Doch dieser Gott ist ihm später abhandengekommen. In der Depression, die auf seinen Erfolg folgt, sucht er ihn erneut. Er geht bis zum Sinai, an den Ursprung zurück. Dort lernt er Gott neu kennen, in der Kraft der Stille. Ein klares, unspektakuläres Gotteswort weist ihm daraufhin den Weg. Der charismatische Gotteskämpfer wird zum vermittelnden Diplomaten in Gottes Diensten. Er wird sogar fähig, seinen Prophetendienst an einen Schüler, an Elischa weiterzugeben. Nicht mehr im Jugendeifer, sondern in reifer Männlichkeit wird er am Ende seines Lebens im Feuerwagen in den Himmel entrückt. Elija liess sich von Gott formen, suchte ihn immer tiefer zu verstehen. So wurde nicht König Ahab zum «Lenker Israels», sondern Elija.