Ruedi Widmer
«Nehmen Sie Platz!» klingt einfacher, als es ist, denn genau diese klare Ansage erhalte ich in meinem Pendlerleben nie. Da bleibt mir nur der innere Dialog zwischen dem verdrängten Soziopathen und dem möchtegernen Sozialwesen. Als Erster gibt der Soziopath seinen Tarif durch: «Ein Viererabteil ohne bitte!» Oder noch ultimativer: «Halte Ausschau nach der leeren Zweierbank in Fahrtrichtung!»
Sogleich meldet sich mein Sozialwesen und gibt zu bedenken: «Wenn du dich an Menschen vorbeidruckst, die sich ihr ‹Abteil ohne› bereits ergattert haben, dann ist das asozial!» Das Abseitsrücken könnte als rassistisch, sexistisch oder kinderfeindlich wahrgenommen werden. «Und übrigens beweisen genau solche Gedanken, dass es zu deiner gelebten Inklusion noch ein langer Weg ist.»
Auf die Spitze getrieben wird der zum inneren Streitgespräch gewordene Dialog, sobald in einem angesteuerten Abteil ein Mensch sitzt, der mit mir bekannt – oder noch heikler – befreundet ist. Soll ich meinen leeren Blick einschalten, der durch alles hindurchsieht, was ihm gerade nicht ins Sozialkonzept passt?
Spätestens jetzt gibt sich der innere Soziopath meist geschlagen, nur um nach dem Hinsetzen gleich wieder zu quengeln: «Mach schon: Stöpsel rein und Noise-Cancelling an!» Dass gerade eine Kolumne dazu geraten hat, den Blickkontakt im ÖV zu suchen, stimmt ihn nur noch unwirscher: «Menschen ungefragt mit den Augen zu fixieren, kann im Fall ganz schief rauskommen und als rassistisch, sexistisch oder kinderfeindlich wahrgenommen werden.»
Irgendwann sitze ich. Meine vierzig Pendlerminuten sind fast vorbei. Und erst jetzt kommt mein inneres Sozialwesen mit dem ultimativen Vorschlag um die Ecke: «Frag doch einfach, ob der Platz noch frei ist!» Oder noch mutiger: «Würden Sie gerne ungestört bleiben?»
Aus dem Wechsel vom inneren Dialog zum echten Gespräch sollen schon Freundschaften entstanden sein. Bei einer davon bin ich im Mai zum runden Geburtstag eingeladen.