Betende Hände mit einer alten Bibel und einem Rosenkranz.

Kommentar

Die Geister, die ich rief

Thomas Ribi lobt in einem NZZ-Kommentar die katholische Kirche, weil sie «unzeitgemäss» sei. Das verhelfe ihr zu einem Boom. Eine gefährliche Logik, findet Veronika Jehle.

Dort, wo die katholische Kirche «den Mut» habe, unzeitgemäss zu sein, verzeichne sie einen Zuwachs, schreibt Ribi: in den USA und in Frankreich, in denen «die Lockerung des Zölibats, das Frauenpriestertum, die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder die kirchliche Basisdemokratie» keine Themen seien. «Anbiederung an den Zeitgeist» – heisst: Reformen – seien also kein taugliches Programm, auch dann nicht, wenn Kirchen und ihr Angebot mit den «herrschenden Vorstellungen von Demokratie und Gleichberechtigung kollidieren».

Mag sein, dass die Analyse vordergründig stimmt: Reaktionär zu sein, hat wieder an Attraktivität gewonnen. Die katholische Kirche ist bei dieser Bewegung in gewissen Teilen der Welt vorne mit dabei. Die Analyse muss allerdings dringend problematisiert werden. Die hart erkämpften Errungenschaften von Demokratie, auch innerhalb der Kirche, die mit dem Kampf um Gleichberechtigung einher gehen, dürfen nicht allzu leichtfertig in den Wind geschlagen werden – der einfachen Rechnung folgend: Alles, was Zulauf bringt, ist gut und ist richtig.

Zölibat, Frauenpriestertum, die Haltung zu Homosexualität in der römisch-katholischen Kirche sind allesamt Teil eines patriarchalen Wertekanons, der einer vitalen, prosperierenden Gesellschaft im Weg steht. Längst ist erwiesen, dass diverse Teams beispielsweise zu besseren Lösungen kommen (Papst Franziskus war dies übrigens bekannt) und gerade in der katholischen Kirche zeigt sich eine dramatische Austrocknung – an Ideen und ganz handfest an Personal –, die aus der Engführung auf Männer für geistliche Leitungsämter resultiert.
Zur Machtlogik dieser patriarchalen Wertehaltung gehört zudem, sich immer und immer wieder neu den Rock der «Unwandelbarkeit» anzuziehen. Wider alle historische Evidenz.
Tatsächlich ist die römisch-katholische Kirche einer der grossen Verbreiter patriarchaler Narrative inklusive Ewigkeitsnarrativ, und ja, sie ist ein globaler Player und wahrscheinlich jener mit der längsten durchgängigen Tradition. Das ist aber nur eines: bedauerlich. Wie viel an gesellschaftlicher Prosperität hat gerade die römisch-katholische Kirche dadurch in all den Jahrhunderten auf dem Gewissen.

Die katholische Kirche ist dort, wo sie sich für Unwandelbares brüsten muss, ein Scheinriese.

Ob jemand, der selbst römisch-katholisch ist, und also eine Innensicht auf die katholische Kirche hat, den vorliegenden Kommentar hätte schreiben können? Zumindest lässt er auf keinerlei einschlägige Erfahrung mit dem Erleben einer eisern patriarchalen Institution schliessen. Die Perspektive eines kirchlich ungebundenen Freigeistes würde es einfach machen und auch erklären, wie einer so freimütig über die Attraktivität einer harten Ordnung fantasieren kann. Gleichzeitig ist die harte Ordnung innerhalb der katholischen Kirche selbst eine Fantasie, im Sinne eines durchdachten, funktionierenden Regelwerks, das Klarheit stiften würde. Vielmehr haben wir es diesbezüglich mit einer verknöcherten Institution zu tun, die sich, um nicht zu kollabieren, als Bastion inszeniert. Die katholische Kirche ist dort, wo sie sich für Unwandelbares brüsten muss, ein Scheinriese.

Gefährlich ist nun einerseits, dass die von Thomas Ribi vorgebrachte Argumentation auf einem Kategorienfehler beruht: Menschen suchen zwar gern Orientierung im (vermeintlich) Unveränderlichen – hervorgehoben als dieses Unveränderliche werden allerdings kirchliche Strukturen. Nun können Strukturen zwar sicher einen gewissen Halt bieten, existenzielle Orientierung und Zugänge zu Fragen der Sinnsuche werden sie hingegen niemals eröffnen. Enttäuschung ist also vorprogrammiert: die Menschen werden nicht finden, was sie eigentlich suchten. Existenzielle Enttäuschung wiederum kann das Gefühl von Leere verstärken und zu Radikalisierung führen.

Gefährlich ist andererseits, dass unter jenen, die jetzt vornehmlich in die römisch-katholische Kirche strömen, auch libertär Gesinnte sind. Gerade diese Kirche könnte also, wie schon das eine oder andere Mal in der Geschichte, zu einem Treibhaus des Extremismus werden, der leicht in Faschismus kippt. Mögen die Päpste nachher allenfalls auch Schuldbekenntnisse sprechen – die Toten werden davon nicht wieder lebendig.

Die Kirche tut sich und den Seelen also einen Bärendienst, wenn sie dieser aktuellen Zustrom-Logik nachgibt. Unwandelbar – und für die Suche nach Halt effektvoll – können einzig evangelische Werte sein, jene also, die sich in den Evangelien finden, ausbuchstabiert im Liebesgebot gegenüber einem selbst, dem Nächsten, dem Feind. Kirchen müssen aushalten lernen, dass sie mehr als das nicht zu bieten haben: einen ernsthaften Übungsraum des Miteinanders, über Grenzen hinweg bis in die Transzendenz hinein, mit dem anspruchsvollen Ziel eines guten Lebens für alle.

Und was die hohen Austrittszahlen betrifft: Ich fürchte, am innerkirchlichen Aufräumen führt kein Weg vorbei. Das heisst, jene Strukturen zu verändern, die die vielschichtige Übergriffigkeit und den Missbrauch so vieler begünstigen. Lassen wir uns jetzt hingegen vom Zeitgeist einlullen, vom Strohfeuer des momentanen gesellschaftlichen Backlashs, dann haben wir langfristig noch viele und vieles mehr verloren.