Welches Schweizerdeutsche Wort kommt Ihnen als erstes in den Sinn?
«Cheibe».
Wie kam es, dass Sie in der Schweiz als junger Professor begonnen haben?
Ich wurde von der Fakultät der Universität Freiburg angefragt, ob ich bereit wäre, eine Gastprofessur zu übernehmen. Sie haben einen Dogmatikprofessor gesucht. Ich war dazu bereit und auch meine Ordensoberen haben das gut gefunden. So habe ich mit 30 Jahren begonnen. Ich war damals der jüngste Professor an der Universität.
In der Predigt am Requiem für Weihbischof Helmut Krätzl im Jahr 2023 erzählten Sie, Sie hätten ihm einmal gesagt: «Lieber Helmut, wenn Du über die Zeit nach dem Konzil sprichst, habe ich manchmal das Gefühl, dass wir in zwei verschiedenen Kirchenwelten gelebt haben. Für Dich war die Zeit nach dem Konzil ein Aufbruch, der im Sprung gehemmt wurde. Ich habe diese Zeit als junger Dominikaner als einen dramatischen Abbruch erlebt.»
Ihre Erfahrungen als junger Professor der Dogmatik an der Uni Freiburg: Was haben diese dazu beigetragen, dass Sie einen Abbruch erlebt haben?
Das hat viel früher begonnen, bereits 1967 in Deutschlang, also ganz am Anfang meines Theologiestudiums. Ich habe fassungslos erlebt, was da vertreten wurde – zum Teil fasziniert, und zum Teil auch den Boden unter den Füssen verlierend.
Ein Beispiel?
Die Rede von Jesus als Sohn Gottes: Man müsse das in den mythologischen Kontext der damaligen Zeit stellen, hiess es da. Oder die Auferstehung, also das mit dem leeren Grab: Das sei ja nicht entscheidend, vielmehr nur, dass die Sache Jesu weitergegangen sei. Das war die Bultmann-Schule, die da bei uns an der Uni in Köln massiv ausgebrochen war. Für mich war das eine radikale Infragestellung dessen, was ich als junger Christ, als begeisterter Ministrant in meiner Pfarrei und von meinem persönlichen Glaubensweg her mitgebracht hatte.
Die Erfahrungen in Freiburg waren dann eine Fortführung dessen?
Zunächst sagte ich meinen Oberen: Ich kann mit dieser Situation in Deutschland nicht leben, da verliere ich den Glauben. Ich durfte nach Frankreich gehen zum Weiterstudium, kam voller Hoffnung dort an – und prompt in das Jahr 1968. Der grosse Umbruch. Ich habe erlebt, wie innerhalb von zwei oder drei Jahren praktisch alle Priesterseminare im Land geschlossen wurden. Es war radikal das, was ich in Deutschland bereits intellektuell mitbekommen hatte. In Frankreich habe ich es existenziell erlebt.
Und dann?
In Paris traf ich auf einen orthodoxen Mönch, blitzgescheit, er hat uns fasziniert. Das war 1967, ich war 22 Jahre alt. Als kleiner Freundeskreis haben wir begonnen, uns intensiv in die Kirchenväter zu stürzen – es war eine Disclosure, da hat sich eine Welt aufgetan. Wir fanden zu den grossen theologischen Meistern: zu Henri de Lubac, zu Yves Congar, bei dem ich studiert habe und dessen persönlicher Krankenpfleger ich sogar eine Zeit lang war. Etwas später entdeckten wir Joseph Ratzinger, die Lektüre von Hans Urs von Balthasar und viele andere – aber vor allem natürlich die Kirchenväter selbst. Es war die Entdeckung einer durchaus nicht traditionalistischen, sondern sehr vitalen, sehr lebendigen theologischen Welt, in der wir aufgeatmet haben.
Schliesslich kamen Sie dann doch nach Freiburg.
Ich hatte mich wieder gut erfangen. Und dann fängt alles wieder von vorne an.
Der Aufbruch in der Schweiz kam also später, verzögert sozusagen – und in diesen kommen Sie nochmals hinein?
Sie sagen es. Ich habe gedacht, das darf nicht wahr sein. Das haben wir doch vor zehn Jahren schon in Deutschland erlebt. Dann habe ich es vor einigen Jahren in Frankreich erlebt. Und jetzt kommt es in der Schweiz an, zeitverzögert.
Für einige der bestimmenden Köpfe in der Schweiz war ich dann der Schreckensmann: der von Balthasar und de Lubac und Ratzinger herkam – und eigentlich eine grosse Vision von Kirche und von Theologie hatte, von der ich glaubte, dass es die Vision des Konzils ist.
Wie lautete die Vision?
Sie war gescheit, glaubwürdig, kohärent und lebensnah.
Und was besagte die Vision?
Dass die Erneuerung der Kirche, die das Konzil wollte, aus den grossen Quellen der christlichen Tradition schöpft und sie in unsere Zeit übersetzt. Genau das hatten wir entdeckt bei Cogar, bei Ratzinger und Balthasar. Wir hatten den Eindruck, die haben erfasst, worum es auf dem Konzil ging: Den Glauben in seiner Lebendigkeit in die heutige Zeit tragen.
Zur Person
Christoph Maria Michael Hugo Damian Peter Adalbert Graf von Schönborn entstammt der böhmischen Linie der Familie Schönborn, aus der bereits in früheren Jahrhunderten Würdenträger der katholischen Kirche hervorgegangen sind. Geboren wurde er 1945 im Sudetenland, die Familie wurde noch im selben Jahr von dort vertrieben. Nach Stationen in Niederösterreich und der Steiermark wuchs Schönborn im vorarlbergerischen Schruns im Montafon auf. Daher spricht er von Klein auf einen alemannischen Dialekt.
1963 trat er in den Dominikanerorden ein, es folgten Studien der Philosophie und der Theologie in Walberberg bei Köln, Wien und Paris. Nach seiner Dissertation («Die Christus-Ikone, Theologische Grundlagen»), der Priesterweihe und zwei Jahren als Studierendenseelsorger in Graz wurde er 1975 Gastprofessor für Dogmatik an der Universität Freiburg im Üechtland.
Als er 1981 zum Professor Ordinarius für Dogmatik an der Dominikaner-Universität ernannt werden sollte, regte sich zunächst Widerstand von Studierenden, die Schönborns theologische Qualifikation in Frage stellten. Schönborn wurde im selben Jahr Ordinarius und blieb Professor bis 1991. Während seiner Zeit in der Schweiz wurde er in Fachkommissionen berufen: in die Theologische Kommission der Schweizer Bischofskonferenz (1980 bis 1991), in die Schweizerische Kommission für den Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken (1980 bis 1987), in die Kommission für den Dialog zwischen römischen Katholiken und anderen Christen (1980 bis 1984).
Ab 1991 war er Weihbischof in der Erzdiözese Wien, ab 1995 bis 2025 dann Erzbischof dort. 1998 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal kreiert. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz gewählt und blieb in dieser Funktion bis 2020.
Schönborn war unter anderem Ordinarius für die katholischen Ostkirchen in Österreich, Mitglied des Dikasteriums für die Orientalischen Kirchen sowie Vorsitzender der Aufsichtskommission der Kardinäle für die Vatikanbank. Er war Mitglied des Dikasteriums für die Glaubenslehre, des Rates für die Bischofssynoden, der Kongregation für Bildung, des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung, des Päpstlichen Rates für die Laien, des Päpstlichen Rates für die Kultur, der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter, der Internationalen Theologenkommission. Er ist Mitglied der Stiftung Pro Oriente. Zwischen 1087 und 1992 war er Sekretär der Kommission für die Abfassung des Katechismus der Katholischen Kirche.
Seit 2025 ist Christoph Schönborn von seinem Bischofsamt emeritiert. Er lebt mit der «Gemeinschaft vom Lamm» in Wien-Brigittenau. Das Kloster gehört zur dominikanischen Ordensfamilie, Schönborn war deren verantwortlicher Bischof seit 1996.
Gehen wir nochmals einen Schritt zurück. Sie sprechen in der bereits erwähnten Predigt im Requiem für Weihbischof Krätzl auch von einer «eigenen tiefen Krise in den Jahren 67 und 68». Was ist Ihnen geschehen?
Die Krise war, dass mir die existenziellen und theologischen Grundlagen meines Glaubens weggeschwommen sind. Und dass ich sie – das sage ich ganz unverblümt – im Christsein eines Hans Küng zum Beispiel nicht mehr gefunden habe.
Im Christsein eines Joseph Ratzinger hingegen schon?
Bei ihm habe ich gefunden, dass die Tradition und die Lebendigkeit der Gegenwart kein Widerspruch sind.
Sie haben sich in die Schülerschaft des konservativen Joseph Ratzinger eingereiht, bereits in einer Zeit, als er mit seinen Positionen noch ein Aussenseiter war. Warum?
Ganz bewusst habe ich das gemacht und es hat mich nicht gestört, dass er in einer Aussenseiterposition war – obwohl man mich das als Professor spüren hat lassen. Ich habe nur gesehen, dass Ratzinger ein unglaublich lebendiges Denken und eine intellektuelle Weite hatte. Wer konnte damals mit Jürgen Habermas so diskutieren wie Joseph Ratzinger?
Ich muss aber gleichzeitig sagen, dass ich parallel dazu auch das Aufkommen der Lefebvre-Bewegung erlebt habe. Da habe ich sehr deutlich gemerkt – das kann es auch nicht sein.
Warum nicht?
Weil das wiederum eine museale Betrachtung der Tradition war. Die angebliche Rückkehr zu den wahren Quellen und zum wahren katholischen Glauben bei einer tiefen Ablehnung des Konzils war eine Engführung. Ich konnte mich damit nicht anfreunden. Ich glaube, ich habe keine Wende zum Traditionalismus gemacht, sondern ich habe eine Wende hin zur grossen katholischen Tradition gemacht, die von den Kirchenvätern bis zu John Henry Newman und bis zu einem Henri de Lubac geht.
Sie haben Ratzingers Verbindung von Theologie und Gegenwartsbezug als Argument für seine Theologie genannt. Kritikerinnen und Kritiker wenden ein, Ratzinger würde sich auf die Gegenwart beziehen als eine Negativfolie: Die Gegenwart als bedauerliche Entwicklung, von der sich die Theologie abhebt.
Das war nicht so sehr eine Gegenwartskritik, sondern eine innerkirchliche Kritik. Aus der Nähe miterlebt habe ich diese Auseinandersetzung anhand von «Concilium» und «Communio», zwei Zeitschriften, die für zwei verschiedene Weisen der Interpretation des Konzils standen: «Concilium» stand stellvertretend für eine progressive, «Communio» für eine eher bewahrende, traditionsorientierte Interpretation. Papst Benedikt hat diesen Streit später benannt als Frage nach einer Hermeneutik des Bruches oder einer Hermeneutik der Kontinuität. Ich habe mich klar positioniert: für die Hermeneutik der Kontinuität. Damit hatte ich einen schweren Stand in Freiburg an der deutschsprachigen theologischen Fakultät.
Ab 1975 waren Sie dann in der Schweiz, erst Gastprofessor und dann Professor für Dogmatik an der Uni Freiburg. 1981 wollten Studierende Ihre Ernennung zum Professor Ordinarius verhindern: Sie sprachen Ihnen eine «entsprechende Qualifikation» ab und hielten Ihre Ernennung für «nicht zu verantworten», wie es in einem Schreiben von 1981 heisst. Sie sind dennoch Professor Ordinarius geworden. Wie ordnen Sie das Bestreben der Studierenden im Rückblick ein?
Naja, ich sage im Rückblick mit einer gewissen Ironie: Ich habe 1981 meine Antrittsvorlesung über die Christologie von Wolfhart Pannenberg gehalten, die sicher eine der profiliertesten protestantischen Christologien der damaligen Zeit war. Zum Schrecken meiner Gegner hat Wolfhart Pannenberg sehr positiv reagiert auf meine Interpretation seiner Christologie.
Was sagte Ihnen das?
Das sagte mir also, dass ich offensichtlich in der theologischen Landschaft nicht ganz daneben liege. Ich wurde in demselben Jahr 1981 mit 36 Jahren zum Mitglied der Internationalen Theologenkommission ernannt und sass dort mit Yves Congar und Balthasar.
Man könnte auch sagen, Sie sind die richtigen Seilschaften eingegangen.
Das hat man natürlich so polemisiert, das ist klar. Für mich war der Grund meiner Ernennung, dass ich mich mit der Hermeneutik des Konzils intensiv beschäftigt habe, viele Vorlesungen über das Konzil gehalten hatte, vor allem über dessen Ekklesiologie.
Inhaltlich wurde Ihnen beispielsweise vorgeworfen, Ihre Theologie sei nicht «durch das Feuer der Aufklärung hindurchgegangen», Sie seien ein «rückwärtsgewandter romantisierender Geist». So heisst es in einem Beitrag Ihres ehemaligen Studenten Odilo Noti, der 1995 in der damals noch linken «Weltwoche» erschienen ist. Was sagen Sie zu dieser Kritik heute?
Odilo Noti war mein entschiedendster Gegner unter den Studierenden, wir haben uns intensiv auseinandergesetzt. Er hatte damals einen stark marxistischen Akzent und war geprägt von gewissen Strömungen der Befreiungstheologie. Sein Vorwurf ist damals viel erhoben worden gegen Verschiedene, auch gegen einen Hans Urs von Balthasar. Ich kann nur sagen: Wir sind alle durch das Feuer der Aufklärung gegangen.
Was meinen Sie damit?
Mir kommt Jesus in den Sinn, in jener Situation, als eine aufgebrachte Menge ihn den Felsen hinunter stürzen wollte – so empört waren sie über ihn. Und Jesus geht mitten durch sie hindurch und geht weg.
Schon Nietzsche wusste: Der Gestalt Jesu kommt man mit der Aufklärung nicht bei. Sie ist einfach zu gross. Diese Faszination der Gestalt Jesu – das war das Herzstück meiner theologischen Tätigkeit. Ich habe ja vor allem Christologie doziert, eine Christologie veröffentlicht, meine beiden Dissertationen waren über christologische Themen. Gerne zitiere ich den Philosophen Nikolaus von Kues: «Et factus est mihi Christus semper maior» – «Und es ist mir Christus immer grösser geworden». Das war meine persönliche, intensive Erfahrung, für die ich intellektuell, aber auch existenziell eingestanden bin. Damit habe ich Riesen-Kontroversen ausgelöst: Weil ich die leibliche Auferstehung Jesu vertreten habe in einer Christologie-Vorlesung, weil ich die übernatürliche Empfängnis Jesu durch Maria vertreten habe. Weil ich das nicht rational auflösen konnte…
…und wohl auch nicht wollte?
…auch nicht wollte – weil ich immer mehr staunend vor der Uneinholbarkeit der Gestalt Jesu gestanden bin. Das hat mir auch geholfen, in den Polemiken nicht in eine Parteilichkeit zu geraten. Es ging nicht um eine «Ratzinger-Partei» gegen eine «Küng-Partei». Es ging eigentlich um die Gestalt Jesu. Und von daher kommend um ein entsprechendes Konzept der Kirche.
Die Studentinnen- und Studentenschaft
In 16 Jahren als Professor begegnete Christoph Schönborn unzähligen Studierenden. Viele von ihnen gestalteten und gestalten Kirche auf ihre je eigene Weise mit. Eine kleine, unvollständige Auswahl (alphabetisch nach Nachnamen, mit je einem Stichwort aus ihrem (ehemaligen) Tätigkeitsfeld):
Florian Flohr, Katholische Kirche Stadt Luzern;
Michael Meier, Tagesanzeiger;
Odilo Noti, Herbert Haag Stiftung;
Christian Rutishauser, Universität Luzern;
Silvia Schroer, Universität Bern;
Simon Spengler, Katholische Kirche im Kanton Zürich;
Regula Strobel, Universität Freiburg.
Ist Theologietreiben im akademischen Sinne für Sie immer auch Verkündigung?
Ja, immer auch. Aber zuerst ist sie schon echte Reflexion. Reflexion über das, was der Glaube bekennt. Gegenstand der Reflexion der Theologie ist immer das Credo. Es ist Objekt der Reflexion – und nicht Resultat der Reflexion.
Wie sind Sie mit der Opposition der Studierenden persönlich umgegangen? Was hat sie mit Ihnen gemacht?
Das war sehr dramatisch für mich. Es hat mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit gebracht. Heute würde man sagen: an die Grenzen eines Burnouts. Ich habe physische und psychische Probleme bekommen.
Dann aber habe ich gemerkt: Moment, mein Hörsaal ist ja immer voll. Der hat sich nicht geleert. Auch wenn die Opposition sehr lautstark, zum Teil sehr emotional war – ich habe ja auch die Diskussion mit ihnen überhaupt nicht gescheut – sah ich auch, dass mein bedächtiges und doch reflektiertes Vortragen im Grossen und Ganzen ein positives Echo hatte. Bei der Evaluierung der pädagogischen Qualitäten sind meine Vorlesungen immer unter den besten gewesen. Trotz aller inhaltlichen Kontroversen.
Mein letzter Tag an der Uni Freiburg war köstlich: Ich bin aus der Uni rausgegangen und wusste, das war jetzt das letzte Mal. Ich war schon als Weihbischof im Amt. Da sassen einige meiner Gegner auf einer Bank in der Frühlingssonne und haben mich vorbeigehen sehen. Sagt einer: Herr Schönborn – sie haben mich nie Herr Professor genannt, auch nicht Pater – Herr Schönborn, was werden wir denn jetzt machen, wenn Sie weg sind?
Ich behalte meinen damaligen Gegnern ein grosses Wohlwollen. Letztlich hat es auch mir sehr viel gebracht. Ich habe viel gelernt. Und ja, es war «in a nutshell», also im Kleinen ein Teil der grossen Debatten, die damals die Kirche heimgesucht haben.
Ich stelle mir vor, Ihre Ernennung zum Sekretär der Redaktions-Kommission für den Katechismus 1987 der Katholischen Kirche könnte sich mitten in alledem wie eine Erleichterung angefühlt haben?
Ja. Es war ein riesiger Vertrauenserweis. Und eine unglaublich faszinierende Aufgabe. Ich meine, wer sind die Autoren der Katechismen? Martin Luther, Petrus Canisius, Toribio in Lateinamerika. Ich habe mich da in eine Aufgabe hineinkatapultiert gesehen, die kirchengeschichtlich auf einem sehr hohen Level war.
Zwischen 1980 und 1991 waren Sie Mitglied der Theologischen Kommission der Schweizerischen Bischofskonferenz. Erinnern Sie sich an Themen, die damals verhandelt wurden
Ich war vor allem in den Dialogkommissionen. Die ökumenischen Gespräche in der Schweiz habe ich als sehr interessant und lebendig in Erinnerung. Zum Beispiel mit dem reformierten Jean-Jacques von Almen oder mit dem christkatholischen Kurt Stalder.
Sie sind der akademischen Welt zeitlebens treu geblieben, fördern beispielsweise die Hochschule Heiligenkreuz und haben dort unterrichtet. Warum in Heiligenkreuz und nicht an der theologischen Fakultät in Wien?
In Heiligenkreuz habe ich nicht unterrichtet, nur gelegentlich Gastvorträge gehalten. Sehr engagiert habe ich mich für das ITI in Trumau, das internationale theologische Institut: Weil mich Papst Johannes Paul II. beauftragt hatte, ein Institut für Ehe und Familie einzurichten. Und in Bezug auf die Uni Wien: 1986 hatte ich mich beworben um einen Lehrstuhl in Wien, ich war vom Dekan eingeladen worden, mich zu bewerben. Es hat ihn jemand anderer bekommen. Im Rückblick bin ich froh, dass ich damals noch weiter in der Schweiz geblieben bin. Ich habe schlussendlich keine andere Lehrtätigkeit gehabt als jene an der Uni Freiburg.
Aus welchem Grund sind Sie 1991 zum Weihbischof ausgerechnet für die Erzdiözese Wien ernannt worden?
Das hat eine seltsame Vorgeschichte. Kardinal Hans Hermann Groër wollte mich als Weihbischof haben – obwohl ich ihn nicht persönlich kannte.
Warum?
Ich glaube, es hat damit zu tun, dass er von mir gelesen hatte. Er wollte mich also holen. Rom hat Groër dann allerdings Bischof Kurt Krenn untergeschoben, den er gar nicht kannte. Das war dann das ganze Drama mit Bischof Krenn. Ich hatte zwischenzeitlich die Hoffnung, dass das mit dem Bischofsamt an mir vorbei gehe. Aber dann hat mich Johannes Paul II., den ich natürlich gut kennen gelernt hatte durch die Arbeit am Katechismus und in der Internationalen Theologenkommission, ganz bewusst als Weihbischof nach Wien geschickt.
Sie galten als «papabile», sind aber sowohl 2005 als auch 2013 nicht als Papst aus dem Konklave hervorgegangen…
Da kann ich nur sagen: Meine Mutter wurde von einer Journalistin gefragt, ob sie sich freuen würde, wenn ihr Sohn Papst würde. Worauf sie den legendären Spruch getan hat, der rund um die Welt gegangen ist: «Das wäre nichts für meinen Buben».
Hatte sie recht?
Sie hatte absolut recht.
…welchen Namen hätten Sie sich als Papst gegeben?
Darüber habe ich wirklich nie nachgedacht. Weil ich sicher war, dass das nicht passieren würde.
Was wollten Sie – als Ordensmann, als Professor, später als Bischof? Gibt es da einen roten Faden?
Meine Gegner in Fribourg haben immer gefragt: Ja, was haben Sie denn für einen Ansatz? Dann habe ich immer etwas verlegen und auch ein bisschen ironisch gesagt: Ich habe keinen Ansatz – ich versuche Theologie zu treiben. Was hatte ich für einen Ansatz als Bischof? Zu den Seminaristen sage ich immer: Was erwarte ich von euch? Im Grunde ist es sehr einfach. Ihr müsst Gott mögen und ihr müsst die Menschen mögen.
Ist das Ihr roter Faden – Gott mögen und die Menschen?
Das ist mein roter Faden. Wenn ich nicht wirklich an Gott interessiert bin, ganz konkret an der Gestalt Jesu – was mache ich dann da? Wenn mir Menschen eigentlich nur lästig sind – was mache ich da? Das ist alles relativ einfach. Und für die Theologie, da ist die Vorgabe das Credo. Nicht umsonst hat Ratzinger seine Einführung ins Christentum als Kommentar zum Credo gemacht. Die grossen Meister haben das immer so gemacht.
Cover des Magazins «Profil» 13/1995: Ein Ex-Zögling klagt den Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër für sexuellen Missbrauch an.
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Als 1995 im österreichischen Magazin «Profil» Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Hans Hermann Groër publik wurden, wurden Sie sein Nachfolger als Erzbischof von Wien. Sie gelten als einer, der wieder Vertrauen herstellen konnte. Was war Ihnen in Ihren ersten Jahren als Bischof wichtig?
Zuerst einmal: kennenlernen. Ich bin ja nicht in Wien aufgewachsen. Zwar war ich schon vier Jahre Weihbischof gewesen, als ich Erzbischof wurde. Ich hatte Zeit gehabt, einiges in der Diözese kennenzulernen. Aber das Anliegen war zuerst einmal, möglichst viel Kontakt mit den Gemeinden zu bekommen. Ich habe viele Pfarren visitiert. Das war mir wichtig.
Das hat Ruhe und Vertrauen zurück gebracht?
Ja. Ausserdem habe ich nicht polarisiert. Manche sagen, ich habe zu wenig polarisiert. Ich sei zu besänftigend gewesen. Das stimmt. Ich bin kein Polemiker.
Sie haben 2010 eine unabhängigen Opferschutzkommission für Betroffene von Missbrauch eingerichtet, was zu jener Zeit in der Kirche pionierhaft war. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich kann nicht oft genug daran erinnern: Unsere Beschäftigung mit dem Thema Missbrauch hat bereits 1995 begonnen, mit den Vorwürfen gegen meinen Vorgänger Kardinal Groër. Es war mein damaliger Generalvikar Helmut Schüller, der zunächst einmal – und zwar europaweit als Erster – eine unabhängige Ombudsstelle eingerichtet hat. Bei dieser konnten sich Menschen melden, die durch kirchliche Vertreter traumatisiert wurden und Missbrauch erlebt hatten.
Das war die Idee von Helmut Schüller?
Das war seine Idee. Sie hat den Boden dafür bereitet, dass wir 1998 bei der zweiten grossen Welle der Vorwürfe gegen Kardinal Groër vorbereitet waren, sodass wir eine Erklärung abgeben konnten. Sie war damals wie ein Durchbruch und besagte im Kern: Das Wohl konkreter Menschen hat Vorrang vor der Würde eines Kardinals.
Bischöfe anderer Bistümer haben Missbrauch noch lange geleugnet. Haben Sie von Bischofskollegen intern Gegenwind für Ihr Vorgehen bekommen?
Vor allem mit Kurt Krenn, der da Bischof in St. Pölten war, gab es ein starkes Ringen. In der Bischofskonferenz hingegen war bald deutlich, dass sich das Thema nicht nur auf Kardinal Groër beschränkt, sondern viel grösser ist. International zeigte sich dann Land um Land, wie gross es ist.
Jeder Missbrauch sei «im Kern ein Sich-über-den-anderen-Hinwegsetzen», sagte die deutsche Theologin Doris Reisinger zu Christoph Schönborn im TV-Gespräch im Bayerischen Rundfunk.
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2019 haben Sie öffentlich ein Gespräch mit der ehemaligen Ordensfrau Doris Reisinger geführt, die von ihren Missbrauchserfahrungen berichtet hat. Sie sagten ihr: «Ich glaube Ihnen das». Welche Reaktionen hat das ausgelöst?
Das hatte eine Vorgeschichte. Schon in Freiburg bin ich in der geistlichen Begleitung auf Missbrauchsfälle gestossen. Das war bereits ab den 1970er Jahren. Ich erinnere mich an eine Ordensfrau, die zwei Selbstmordversuche hinter sich hatte. Schliesslich kam heraus, dass sie jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden war. Die Dynamik dieses Offenbarwerdens habe ich hautnah erlebt. Ich glaube, deshalb habe ich vielleicht auch früher als andere verstanden, dass es etwas vom existenziell schwierigsten für die Opfer ist, darüber zu sprechen. Weil es mit so viel Scham, mit Angst, oft auch mit Drohungen verbunden ist. Das erklärt, warum sich Menschen oft erst nach vielen Jahren plötzlich erinnern an den Missbrauch. Psychologisch ist das sehr gut untersucht.
Haben Sie Kritik von Kirchenvertretern, aber auch aus anderen Bereichen der Gesellschaft bekommen für den Satz: «Ich glaube Ihnen das»?
Natürlich. Aber ich stehe dazu. Es ist so.
Weit herumgesprochen hat sich, als Sie dann 1999 Ihren Generalvikar Helmut Schüller entlassen haben, indem Sie ihm einen Brief auf die Türmatte seiner Wohnung gelegt haben. Warum – und warum auf diese Weise?
Wir hatten seit geraumer Zeit eine Auseinandersetzung um eine entscheidende Personalie und hatten uns von daher – beidseitig – überlegt, die Zusammenarbeit zu beenden. Wir waren seit einigen Monaten darüber im Gespräch gewesen. Ich legte ihm den Brief auf die Türmatte, weil es bereits Abend war. Darin stand natürlich auch, dass wir am nächsten Tag das Gespräch suchen würden. Daraus wurde dann eine grosse Geschichte. Im Rückblick ist man gescheiter. Ich glaube, wir haben beide daraus gelernt. Und wir haben einen schönen, tiefen Weg der Versöhnung gefunden.
Zum Schluss nochmals zurück in die Schweiz: Welchen Stellenwert haben diese 16 Jahre in Freiburg im Rückblick in Ihrem Leben?
Ich möchte diese Zeit nicht missen. Ich habe die Schweiz geliebt, ich habe Freiburg geliebt. Freiburg ist eine wunderbare Stadt. Ich war sehr gerne dort.
«Lieben» ist ein starkes Wort…
Ja, wie soll ich das erklären? Ich nenne ein Beispiel: Eines Tages komme ich in die Unibibliothek, um zu lesen und setze mich an einen Lesetisch. Kommt ein Student herein in Uniform mit seinem Gewehr, legt das Gewehr vor sich auf den Arbeitstisch und beginnt zu studieren. Da habe ich gedacht: Das gibt es nur in der Schweiz. Der junge Mann war sicher auf dem Weg zu seinem WK, dem Wiederholungskurs – und kommt vorher noch in die Unibibliothek.
Die Stadt Freiburg habe ich speziell gemocht. Viel lieber als Bern. Ich habe immer gesagt, der Unterschied zwischen dem protestantischen Bern und dem katholischen Freiburg ist: Von welchem Punkt auch immer du in der Freiburger Altstadt herumschaust, du siehst zumindest fünf Bistros.
Es heisst, man habe mit Ihnen ganz gut bei einem Gläschen Wein diskutieren können…
Das stimmt. Ich habe meine Lieblingslokale gehabt. Auch die Zweisprachigkeit fand ich sehr schön und die Kultur des Miteinanders, die damit verbunden ist.
Was hat sich vom Christoph Schönborn, der Sie heute sind, bereits in diesen frühen Jahren gezeigt?
Ich habe eigentlich eine positive Lebenseinstellung. Die hat mich auch in Konflikten nicht verlassen, weder in Freiburg, noch im Bischofsamt. Ausserdem habe ich eine grosse Liebe zum Beobachten des Alltags. Das konnte ich in Freiburg machen – ich habe so ziemlich alle Obdachlosen persönlich gekannt. Und so habe ich es auch immer in Wien erlebt, man begegnet sich und redet miteinander. Das hat mit Respekt zu tun, mit Ehrfurcht vor der Realität, vor den Mühen der Menschen. Das ist es eigentlich, was ich auch bei Jesus gelernt habe: Die Aufmerksamkeit und Liebe zu den Menschen, so konkret, wie ihr Leben ist.