Vielleicht wird’s wieder gut», sagt Kleschtsch und raspelt wenig hoffnungsvoll auf einem Stück Aluminium herum. Das ist ein frommer Wunsch, welchen der abgehalfterte Schlosser da äussert und zynisch ist er auch, nachdem er seine Frau Anna halb totgeschlagen hat. Die Theaterszene spielt in einem Obdachlosenheim irgendwo in einer russischen Provinzstadt am Anfang von «Nachtasyl» von Maxim Gorki. Es ist eine Geschichte von Menschen, die arm und ausgestossen in einem Kellerraum unterkommen. Die Geschichte spielt im zaristischen Russland um 1900 in Erwartung einer Wende. Denn die Protagonistinnen und Protagonisten liefern geradezu den Beweis, dass das Leben auf diese Weise nicht weitergehen kann.
Den Keller müssen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler der Theatergruppe «akitiv» momentan noch vorstellen, denn sie proben in den luftigen Räumen des aki – dem Akademikerhaus der katholischen Hochschulgemeinde – wo ab Ende Monat auch die Aufführungen stattfinden werden. Spätestens dann wird eine lange schmale Bühne im Raum stehen, auf der dann verschiedene Szenen gleichzeitig gespielt werden. Das bedeutet für die Schauspielenden, dass sie fast durchgehend in ihren Rollen bleiben müssen. «Das ist anspruchsvoll und ein Experiment», sagt Felix Baumann. Zusammen mit Sofie Stade ist er verantwortlich für die Regie. Die Theatergruppe probiere gern immer wieder etwas Neues aus, sagt der Co-Regisseur. Dazu gehört, dass die Regie nun zum zweiten Mal aus den eigenen Reihen stammt. Auch Shakespeares Sommernachtstraum als Freilichtaufführungen im vergangenen Jahr, sind dieser Experimentierfreudigkeit geschuldet.
Bubnowa (links, Melina Eisenring) und Nastja (rechts, Svantje Thiel) erleben den Auftritt der völlig betrunkenen und laut deklamierenden Schauspielerin (auf dem Bild nicht zu sehen).
Eva Meienberg
Die Rolle des Kleschtsch spielt Sebastian Burckhardt. Der 28-Jährige studiert Gamedesign und ist der Präsident des Vereins. «Nachtasyl» ist seine sechste Theaterproduktion. «Ich liebe es in Rollen zu schlüpfen», sagt er. Dass seine Figur ein Mann sei mit einer starken Meinung, einer mit vielen Emotionen, damit könne er viel anfangen, auch wenn er selbst nicht der Typ sei, der sie lautstark kundtue. Ihm gefalle die Energie von Kleschtsch, dass er spüren könne, wie ihn etwas tief im Innern antreibe. Dass Kleschtsch seine Frau schlage, könne er gar nicht nachvollziehen.
Auf der improvisierten Bühne aus Stühlen und Bänken lamentieren, poltern und streiten die Unglücklichen in ihrem «Nachtasyl». Hoffnung keimt dann und wann auf, entpuppt sich aber schnell als Lüge. Die Wirklichkeit ist elendiglich. Besser scheint es, die Figuren finden sich so schnell wie möglich mit ihrem Schicksal ab, sonst laufen sie Gefahr, daran zu zerbrechen.
«Im Stück geht es um die Akzeptanz, das Leben so zu nehmen, wie es ist», sagt Patricia Maissen. Sie spielt die Wassilissa, die Frau des Herbergswirts, der seinen Keller an die Obdachlosen vermietet. Im echten Leben schreibt Patricia Maissen ihre Dissertation über Klimapolitik. Das Stück spiele in einer Atmosphäre, in der man eigentlich nicht leben könne und doch lebten die Figuren weiter, sagt die 27-Jährige. Doch nicht alle Figuren seien gleich roh. Sie interessiere sich vor allem für die Ursachen, die Menschen verrohen liessen.
Noch sind die Schauspielenden auf ihre Textbücher angewiesen.
Eva Meienberg
Unterdessen ist auch die Figur des Luka auf der Bühne. Der Pilger will seine Leidensgenossen trösten und erzählt von einer kostenlosen Entzugsklinik. Das macht vor allem der Figur der trunksüchtigen Schauspielerin Hoffnung. Anna hingegen liegt nach den Schlägen ihres Mannes im Sterben und hat Angst. Es ist Luka, der die Sterbende zu trösten vermag. Die übrigen lassen sich weder von Annas Sterben noch von ihrem Tod beeindruckt. Sorgen macht ihnen erst der Verbleib ihrer Leiche. Für Lukas hoffnungsvolle Botschaft haben sie wenig Gehör. Im Gegenteil: sie enttarnen sie als schädliche Lüge. «Die Lüge ist die Religion der Knechte und der Herren», bringt es Maxim Gorki auf den Punkt.
Die Theatergruppe «akitiv» wärmt sich auf für die Probe von «Nachtasyl» in den Räumen des aki.
Eva Meienberg
Was treibt die Theatergruppe an, dieses düstere Stück aufzuführen? «Bei mir wirkt das Stück als Katharsis», sagt Mira Herold und erklärt, dass sie sich nach den Proben jeweils richtiggehend befreit fühle. Im Verlauf der Proben werde sie immer mehr zu Anna, durchlebe ihre Gefühlswelten und sei am Ende froh, wieder sie selbst sein zu können. In «Nachtasyl» gehe es um Existenzielles, sagt die 22-Jährige, die Schwierigkeit sei dabei, die richtige Balance zu finden zwischen Banalität und Pathos. Angesprochen auf Parallelen zu ihrem eigenen Leben sagt Mira Herold: «Ich bin zum Glück ein hoffnungsvoller Mensch».
Obgleich der Text mit seinen über 100 Jahren sehr alt sei, habe Gorki eine Vorlage geschaffen, mit der eine Gänsehaut erzeugende Nähe zum Publikum aufgebaut werden könne, sagt Regisseur Felix Baumann. «In diesem Stück kommt einem das menschliche Elend, das auch in unserer Gesellschaft präsent ist, sehr nahe.»
Aufführungsdaten und Tickets
Die Premiere von «Nachtasyl» findet am Montag, 27.04. um 19:30 Uhr
im aki am Hirschengraben 86 statt.
Weitere Termine:
Di. 28.04. 19:30
Sa. 02.05. 19:30 mit anschliessendem Werkstattgespräch
So. 03.05. 17:30
Di. 05.05. 19:30
Do. 07.05. 19:30
Dernière: Sa. 09.05. 19:30
Tickets reservieren Sie unter akitiv.ethzh.ch