Der Körper ist im Islam kein Nebenschauplatz, sondern ein anvertrautes Gut Gottes, arabisch «amanah» genannt, das untrennbar mit der Würde des Menschen verbunden ist. Der Körper gehört als Geschenk Gottes gepflegt und geschützt, weder idealisiert noch vernachlässigt. Schon vor der Geburt bis auch nach dem Tod soll jeder Körper ehrenvoll und mit Sanftmut behandelt werden.
Frage ich nach der Bedeutung meines Körpers als wertvolle Leihgabe, berühre ich die Spannung zwischen Selbstoptimierung und Selbstvergessenheit. Ein islamischer Blick lädt ein, den eigenen Körper als Raum der Gottesbegegnung zu sehen – im Gebet, im Fasten, in der Fürsorge für körperliches, seelisches wie spirituelles Wohlbefinden. Wie andere mich wahrnehmen, auch wie ich mich selbst wahrnehme, darf wichtig sein. Wir sind soziale Wesen, aber diese Blicke sind nicht wichtiger als der Blick Gottes auf mich als geehrtes Wesen. Gott hat den Menschen laut Koranvers 95:4 in schönster Form erschaffen, was verschiedenste Ausprägungen beinhaltet – auch körperliche wie geistige Einschränkungen oder andere Aspekte des Daseins.
Der Raum, den ich einnehme – physisch, emotional, sozial –, wird damit spirituell: Ich darf Platz haben, ohne andere zu verdrängen; Grenzen setzen, ohne mich zu verhärten. Diese Selbstfürsorge meint nicht bloss Wellness. Ich gehe mit meinem Körper und meiner Seele so um, dass ich gottesbewusst lieben, arbeiten und solidarisch handeln kann.
Sexualität ist in dieser Perspektive weder tabu noch dogmatisch, sondern eine kraftvolle, lebensbejahende Energie, die als Weg zu Reife, Zärtlichkeit und sogar Gottesdienst verstanden wird. Der Körper wird so nicht Objekt der Begierde, sondern Ort gegenseitiger Barmherzigkeit, Respekt und Lust, eingebettet in Verbindlichkeit und Achtsamkeit. Ebenso ist für mich die Vielfalt der Schöpfung zu achten, ein Spektrum zwischen Himmel und Erde, womit queere Menschen meines Erachtens genauso natürlich dazugehören.
Es könnte so einfach und befreiend sein, doch erschweren wir es uns selbst.