Mit 58 Jahren wird Schwester Alix Schildknecht als Oberin nach Menzingen ins Mutterhaus ihrer Ordensgemeinschaft berufen und übernimmt für die damals gut 100 Schwestern Verantwortung. «Ich dachte: Das ist meine letzte Station vor dem Altersheim», sagt die heute 94-Jährige. Ihr schelmischer Blick verrät: Es kam anders. Es folgten gut 30 Jahre mitten in Zürich. Mit zwei Projekten, die aus ihrer Vision entstanden sind. Der Vision von einer Kirche, die nahe bei den Menschen ist.
Ihre Vision geht zurück auf eine Reise. Schwester Alix besucht ihre Cousine in Frankreich. Auch sie ist Ordensschwester. Gemeinsam besuchen sie den Mont St. Michel. Und sind beeindruckt: «Drei Kirchen sind übereinander auf den Berg gebaut. In der obersten Kirche platzten wir mitten in einen Gottesdienst hinein. Der Gesang hat mich fast umgehauen: Alt und Jung, Ordensleute und Laien, alle waren um den Altar versammelt, der in der Mitte des Raumes stand. Es war eine Wucht!» Da dachte sie: So müsste Kirche sein. Nicht ein einsamer Priester am Altar, sondern eine lebendige, vielfältige Gemeinschaft, die ausstrahlt und mitreisst. Das übliche Pfarreimodell kennt sie aus erster Hand: ein verantwortlicher Pfarrer mit Katechetinnen, Seelsorger und weiteren Angestellten. Schwester Alix hatte über zehn Jahre selbst als Pastoralassistentin gearbeitet, wie der Seelsorge-Beruf damals hiess. «Je nach Pfarrer ist das unterschiedlich gut gegangen», sagt sie freimütig. «Deshalb hat mich dieser gemeinschaftliche Gottesdienst auf dem Mont St. Michel so ergriffen.»
Zurück in Menzingen geht ihr die Vision einer gemeinschaftlich gelebten Seelsorge nicht mehr aus dem Kopf. Sie bringt ihre Ideen zu Papier: «Das Neue an unserem Projekt ist die Absicht, als Gemeinschaft die Pastoral einer Stadtpfarrei zu übernehmen. Die Gruppe soll im Pfarrhaus leben und nach Geschlecht, Stand und Alter gemischt sein. Alle bringen das in die Gemeinschaft und in die Pastoral ein, was sie an Bildung und natürlichen Fähigkeiten besitzen. So soll ein Stück geschwisterliche Kirche sicht- und erfahrbar werden», schreibt sie auf. Sie führt den Gedanken weiter aus, es entsteht ein Konzept, das sie «schätzungsweise im Jahr 1992» ihren Ordensoberen abgibt. «Es brauchte viel Mut dazu, ich dachte nicht, dass sie das unterstützen würden», erinnert sich Schwester Alix – und wieder blitzen ihre Augen schelmisch. Denn: Ihre Vorgesetzten mussten an einem Kurs ein Projekt mitnehmen – und da sie nur das von Sr. Alix hatten, wurde dieses am Kurs analysiert. Und die Leitenden befanden: Visionen für die Kirche sind notwendig. Und zwar genau solche, wie Alix sie formuliert hatte. So kam es, dass die Ordensleitung Alix Schildknecht für ihr Projekt freistellte. Sie ist exakt in dem Alter, in dem andere Leute ihren Ruhestand planen.
Nach vielen Gesprächen und Abklärungen startet 1994 das Projekt mit dem Namen «Oase in der Stadt» in der Zürcher Stadt-Pfarrei Liebfrauen. «Wir waren drei Männer und drei Frauen: ein Priester, zwei Ordensschwestern, die als Seelsorgerin und Katechetin arbeiteten. Dazu die Sozialarbeiterin, der Jugendarbeiter und der Spitalseelsorger.» Alle sechs hatten leidvolle persönliche Erfahrungen mit Kirchenvertretern oder veralteten Leitungsstrukturen in Pfarreien hinter sich, die Frauen sehnten sich nach gleichwertigem Mitwirken in der Kirche. In diesem Projekt konnten sie ihren gemeinsamen Traum einer neuen Pastoral umsetzen.
Schwester Alix staunt noch heute, dass dieser Versuch mitten in Zürich möglich wurde. Konkret ging das so: Ein Jahr lang hatte sich die Gruppe vorbereitet, alles durchdacht und besprochen. In der Hausgemeinschaft haben alle, Frauen und Männer, dieselben Pflichten. Es gibt wöchentlich ein Hauskapitel unter wechselnder Leitung, um das Zusammenleben zu organisieren. Eine monatliche Supervision stellt sicher, dass Konflikte zeitnah besprochen werden. Jeder Tag beginnt mit einem meditativen Stundengebet, wird mit einer Schweigemeditation am Mittag unterbrochen und endet mit dem Abendgebet der Kirche in der Hauskapelle. Wöchentliches Bibelteilen und vier Klausurtage stärken die Gemeinschaft. Zum weiteren Kreis – nebst der Wohngemeinschaft – gehören alle Pfarrei-Angestellten, und auch alle Freiwilligen. Denn: «Wir wollten nicht die Pfarrei leiten, sondern gemeinsam mit den Pfarreiangehörigen unterwegs sein.» Der Traum wird Wirklichkeit: «Es soll eine politisch-diakonische Kirche sein, in dem Sinne, dass Hilfesuchende Gehör finden: eine Oase der Hoffnung und der Menschlichkeit», wie es im Konzept geschrieben steht. Es wird möglich, weil die gelebte Gemeinschaft ausstrahlt und mitreisst: «Viele wollten mithelfen. Sie arbeiteten als ‹Hüterinnen› im Pfarrhaus, um an den Abenden, wo wir alle ausser Haus engagiert waren, das Telefon zu bedienen und die Tür zu öffnen.»
Sieben Jahre lang, bis 2001, ist Schwester Alix Teil dieser Gemeinschaft im Zürcher Pfarrhaus. Mal tritt jemand aus der Wohngemeinschaft aus, mal kommt jemand neu dazu. Bis der Moment kommt, wo die Ordensoberen Alix zurückrufen. «Das kam mir gerade recht», sagt Alix im Rückblick. Die Wohngemeinschaft hatte sich verändert, jemand bringt ein anderes Konzept ein, das nicht mehr dem ursprünglichen Herzensanliegen von Schwester Alix entspricht. «Ich war enttäuscht», erinnert sie sich. «Ich fragte mich, ob das Ganze eine Illusion war. Denn ich dachte, diese Gemeinschaft würde alle Wechsel überdauern.» Was nicht der Fall war.
Doch nun den Kopf hängenzulassen, ist für Schwester Alix keine Option. Nach ihrem Austritt zieht sie in die kleine Gemeinschaft ihrer Mitschwestern an der Schienhutgasse in Zürich und führt die geistliche Begleitung weiter, zu der sie sich hat ausbilden lassen. Sie sucht dafür einen Gesprächsraum. Den findet sie im Haus der Stiftung Werdgarten neben der Kirche St. Peter und Paul.
Hier reift wieder eine Vision in ihr heran: «Es braucht einen Ort mitten in der Stadt, in dem die Menschen spirituell auftanken können.» In einem kirchlichen Seminar, an dem sie teilnimmt, soll man sich als Gruppenarbeit erzählen, wofür man selber brennt. Alix teilt ihren Traum. «Die einen dachten, die spinnt.» Wieder dieser schelmische Blick. Denn ein anderer aus der Gruppe, Toni Zimmermann, damals Bahnhofseelsorger, kommt anschliessend auf sie zu und sagt: «Ich mache mit.» Nach kurzer Zeit sind es sechs Personen, die sich an die Umsetzung machen. Das Haus Werdgarten gehört der Stiftung Werdgarten von den Schwestern der Caritas-Gemeinschaft. Diese stellen einige Räume in Gebrauchsmiete zur Verfügung. «Es war einigermassen düster, Spannteppiche, alles etwas altbacken. Aber wir haben einfach angefangen. Nicht zuerst ein Logo designt oder Möbel gestylt», lacht Schwester Alix. Nach und nach werden die Räume renoviert, passende Möbel gefunden, Pflanzen aufgestellt. Als die Menzinger-Schwestern die Gemeinschaft an der Schienhutgasse aufheben, zieht Alix – inzwischen 79-jährig – ins Haus Werdgarten. Dort baut sie wieder Beziehungen: mit anderen Frauen, die dort leben, mit dem Vorstand des inzwischen gegründeten Vereins «Zentrum christliche Spiritualität», mit den Referentinnen, Referenten und Gästen. Denn ab 2011 bieten sie hier Vorträge, Kurse, Exerzitien, Gespräche und geistliche Begleitung an.
15 Jahre später: Wir sitzen im Kaffee des Alters- und Pflegeheims St. Franziskus in Menzingen. Der Blick schweift in die Ferne, über Weiden und Wald bis zu den Alpen. «Es ist für mich ein Heimkommen», sagt Schwester Alix. Hier in Menzingen ist das Mutterhaus ihrer Kongregation, hier konnte sie immer wieder Teil der Gemeinschaft sein und sich in die Stadt und zu ihren Projekten senden lassen.
In der Seelsorge geht nicht um Leistung, sondern um ein inneres Wachstum.
Im November 2025 wurde sie mit einem Dankgottesdienst und einem grossen Fest im Zentrum christliche Spiritualität in Zürich verabschiedet. «Ich habe kein bisschen Wehmut. Sondern nur Freude. Ich konnte loslassen, weil ich weiss: Es geht gut weiter.» Nach einer Pause sagt sie: «Seelsorgerin ist der beste Beruf, den es gibt!» Eigentlich habe sie zwei Leben gehabt: eines als Lehrerin und eines als Seelsorgerin. «Ich bin meinen Oberen ewig dankbar, dass ich über den ‹Dritten Bildungsweg› noch Theologie studieren konnte. Sie haben erkannt, dass hinter dem Wunsch eine Berufung steht.» Was Alix am Seelsorgerin-Sein so gefallen hat? «Es ist immer eine persönliche Geschichte mit einem Menschen. Es geht nicht um Leistung, sondern um ein inneres Wachstum. Das zu erleben und zu begleiten, hat mich immer wieder ergriffen und reich beschenkt.»
Das Gespräch bewegt sich vom Rückblick in die Gegenwart. Hellwach nimmt Alix die politischen Entwicklungen, Kriege, Desinformation und Orientierungslosigkeit wahr. «Es ist immer Gutes und Böses nebeneinander da. Damit müssen wir leben und selber versuchen, den richtigen Weg zu gehen. In kleinen Gemeinschaften lebt die Kirche weiter, entsteht Hoffnung und Kraft.» Nach einem Moment der Stille wiederholt sie: «Das ist die Realität. Gut und Bös. Beides trägt die Welt.» Steht auf, bedankt sich freundlich beim Personal in der Cafeteria, schiebt den Rollator zur Seite und freut sich: Trotz eines kleinen Unfalls im letzten Frühling kann sie weiter ihres Weges gehen – ohne Gehhilfe.