Wir sind in Baden, wo seit Jahrtausenden das heisse Thermalwasser aus dem Boden sprudelt. Ueli, der Wirt eines Bades, empfängt Felix aus Zürich und kündigt weitere Gäste aus der Eidgenossenschaft an. «Mögt ihr Gezänk und Hader meiden, so lang ihr Gold und Geld habt», mahnt der Hausherr. Schon betritt Johoho mit dem Badgesell die Szene. Er ist «Pritschenmeister», heute würde man ihn «Master of Ceremonies» oder Schweizerdeutsch «Tätschmeister» nennen. So beschreibt es Hans Achtsinit in seinen Spottversen «Badenfahrt guter Gesellen». Wir schreiben das Jahr 1526. Es stehen eidgenössische Gespräche in der Bäderstadt an.
Die politische Lage ist angespannt. Seit Martin Luther 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen publiziert hat, wird heftig über das System des Ablasshandels und die Auslegung der Bibel diskutiert. Auch Ulrich Zwingli, der in Einsiedeln als Priester die Pilger betreut, kommt mit dem neuen Gedankengut in Kontakt. Gesellschaftlich wandelt sich ebenfalls gerade viel. Für die Menschen in Europa wird die Welt grösser. Seemänner aus Portugal und Spanien umsegeln den Erdball und bringen neue Handelsgüter. Der Buchdruck erlaubt eine rasche Verbreitung von Ideen. Und die Humanisten nehmen sich der Bibeltexte an, übersetzen akribisch die Texte aus den alten Sprachen neu.
Zwingli kommt 1519 nach Zürich und kritisiert in seinen Predigten den Ablasshandel, aber auch die Formalitäten und die Heuchelei der Kirche. Das schlägt ein. 1522 beginnt der Umbruch: In der Fastenzeit wird Wurst gegessen! In der Folge meint auch der Zürcher Rat: Wir finden, die Kirche ist zu reformieren. Bilder in den Gotteshäusern werden entfernt, ein Teil davon verkauft, andere zerschlagen. Die Klöster sind den Reformatoren ebenfalls ein Dorn im Auge. Bis 1525 sind sie alle aufgehoben.
Doch die reformatorische Haltung ist in der Alten Eidgenossenschaft keine Mehrheitsposition. Das wird auch in Achtsinits Spottversen offenbar. Der Berner Vinzenz, der sich ebenfalls zu den Badenden gesellt hat, bekundet: «Was mich schon länger verwundert hat, dass sich Zürich nicht belehren lässt und sich widersetzt der Eidgenossenschaft.» Felix aus Zürich antwortet mit seiner Überzeugung für den neuen Glauben, worauf der Luzerner Leodegar zum Bad kommt und fragt, «warum sich Zürich von einem Mann […] so betrügen und verführen» lasse. Felix verteidigt sodann Zwingli, bevor 14 weitere Gesandte der Alten und der Zugewandten Orte auftreten.
Diese Szenen stellen die Positionen der damaligen Zeit dar: 1526 hatte sich die neue Haltung im Osten der Eidgenossenschaft und der Zugewandten Orte schon teilweise gefestigt, hier war man teilweise bereits reformiert.
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Ulrich Zwingli
Der Zürcher Reformator war aus Sicherheitsgründen nicht persönlich in Baden anwesend. Seine Positionen waren jedoch immer präsent.
Berchtold Haller
Als Leutpriester am Münster in Bern wurde er – von Zwingli ermutigt – zum Reformator Berns.
Johannes Oekolampad
Der Jurist und Theologe wurde in Basel Mitarbeiter des «Humanistenfürsten» Erasmus von Rotterdam und später Reformator der Stadt.
Ein Instrument der Zeit, um Meinungen zu messen und die Gegenseite zu überzeugen, waren Disputationen. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein Format an den Universitäten, wo auf Latein gestritten wurde. Ähnlich einer «SRF Arena» führten die Gelehrten ihre Positionen aus. Nun wurde das Format auch von den Reformatoren übernommen. Martin Luther hatte 1519 in Leipzig eine Reformationsdisputation durchgeführt, ab 1523 gab es in Zürich mehrere Disputationen, die durch Zwinglis starke Haltung geprägt waren.
Die Initiative für die Badener Disputation kam jedoch aus Bayern: Johannes Eck, ein Theologe, der sich gegen die reformatorischen Ideen stellte, richtete sich im August 1524 mit dem Begehren an die Tagsatzung, eine eidgenössische Disputation zu veranstalten – und den grossen Teil der Unentschiedenen von seiner Sicht zu überzeugen. Die Tagsatzung, die Versammlung der eidgenössischen Gesandten und damit so etwas wie ein Vorläufer des Ständerats, behandelte das Begehren mehrfach. Doch eine eidgenössische Disputation fand zunächst keine Mehrheit. Eck jedoch blieb hartnäckig. Und so lenkte die Tagsatzung schliesslich ein. Auf ihre Einladung sollte eine Disputation stattfinden. Und zwar in Baden, einem der beliebteren der zahlreichen Tagsatzungsorte jener Zeit.
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Thomas Murner
Der Franziskaner prangerte kirchliche Missstände mit scharfer Zunge an, wandte sich jedoch wegen der drohenden Kirchenspaltung gegen die Reformatoren.
Johann Fabri
Der spätere Bischof von Wien war ein prominenter Verteidiger der altgläubigen Kirche gegen die Reformatoren Zwingli und Luther.
Johannes Eck
Der Theologieprofessor war ein herausragender und auch polemischer Rhetoriker. Er zog den Papst auf seine Seite und wurde zum meistgehassten Gegner der Reformatoren.
Auf den 19. Mai 1526 reisten die Gesandten, Theologen beider Positionen, Kleriker, Lehrer und eine Reihe von Schreibern und Druckern nach Baden. Mehr als 200 sind namentlich bekannt, womöglich waren es aber noch mehr, die bis zum 7. Juni die insgesamt sechzehn Disputationssitzungen in der Stadtkirche mitverfolgten. Der Ablauf war klar geregelt: Am Morgen früh fand eine Messe statt. Die Sitzungen wurden von vier Präsidenten, zwei für jede Position, überwacht. Im Anschluss an die Messe traten die Kontrahenten auf – für die altgläubige Position war dies Johannes Eck selbst, für die reformatorische Seite Johannes Oekolampad.
Der Jurist und Theologe Oekolampad war einer der wichtigen Humanisten seiner Zeit und Professor an der Universität Basel. Für ihn stellte man in der Kirche einen separaten Predigtstuhl auf. So standen sich die beiden Disputanten auf Kanzeln gegenüber. Hier wurde auf Deutsch debattiert, so wie das auch an den Tagsatzungen der Fall war.
Zwingli indes blieb in Zürich – der Zürcher Rat hatte seine Teilnahme am Anlass, der keine 30 Kilometer westwärts stattfand, untersagt. In Zürich goutierte man nicht, dass die Disputation trotz Einladung durch die politische Tagsatzung altgläubig dominiert war. Zudem sei Zwingli zu stark exponiert, selbst in Zürich sei er Angriffen ausgesetzt gewesen. Der Zürcher Rat befürchtete, seine Reise nach Baden hätte für Zwingli tödlich enden können.
Doch Zwingli hatte Boten, die ihn über die Entwicklung in Baden informierten. Einer von ihnen war Thomas Platter, der in seinen Lebenserinnerungen schildert, wie er sich als Hühnerverkäufer in die Stadt Baden schmuggelte. Täglich trug er Nachrichten aus Baden nach Zürich und zurück. Erhalten sind nur wenige Briefe an Zwingli aus der Zeit bis zum 23. Mai. Danach nicht mehr. Allein Protokollanten sollten den Gesprächsverlauf aufzeichnen. Mitschriften waren verboten, wohl um Polemik vorzubeugen.
Ziel der Badener Disputation war nie, zu einem Kompromiss im modernen Sinn zu gelangen. Eck und Oekolampad wollten in erster Linie vor dem Publikum ihre Positionen präsentieren. Die Regeln sahen vor, dass eine These als akzeptiert galt, wenn Oekolampad und andere angemeldete Redner Eck nicht widersprachen. Die längste Zeit widmeten die Kontrahenten der ersten These – und sie blieben unentschieden. Bereits seit Jahrhunderten hatten Theologen darüber gestritten, wie die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi durch das Gebet des Priesters verstanden werden sollte. Diese Präsenz Christi in der Hostie feierten die Gläubigen seit dem 13. Jahrhundert an Fronleichnam. Das Fest erinnerte an das Wunder von Bolsena, wo das Brot zu bluten begonnen hatte. Dieses unglaubliche Vorkommnis führte in der Folge zu einem regelrechten Blut-Hype in der Volksfrömmigkeit, dem die Theologen aber kritisch gegenüberstanden.
7 Thesen
Johannes Eck, Vertreter der katholischen Position, gab die Thesen zur Disputation vor.
1. Realpräsenz und Transsubstantiation
Jesus Christus ist mit Leib und Blut in der Eucharistie präsent. Das Abendmahl ist nicht bloss ein Zeichen.
2. Die Messopferlehre
Leib und Blut Christi werden in der Messe zum Gedenken an das Opfer Christi dargebracht. Es geht nicht bloss um ein Gedenken an das letzte Abendmahl.
3. Fürbitte Marias und der Heiligen
Maria und die Heiligen sind unsere Fürsprecher bei Gott. Und nicht Christus allein.
4. Bilderfrage
Bilder von Jesus und den Heiligen sind angemessen. Man soll sie nicht abhängen.
5. Fegefeuerlehre
Nach dem Tod kommt der Mensch zur Tilgung seiner Schuld ins Fegefeuer.
6. und 7. Erbsünden- und Taufverständnis
Über diese beiden Punkte wurde nur knapp einen Tag lang diskutiert.
Die Diskussion um die sogenannte Realpräsenz war also nicht neu, sie verschärfte sich aber im Zuge der Reformation massiv. Für die Reformatoren war diese Idee reine Erfindung. «Botz leichnam», soll Eck sein Gegenüber gescholten haben, als der Berner Reformator Berchtold Haller die Realpräsenz nicht anerkennen wollte: «Sie glauben nicht an die Präsenz von Fleisch und Blut Christi!»
Die Disputationstage wurden vollständig aufgezeichnet – von vier Protokollanten, zwei für jede Seite, die ihren Text am Abend jeweils abglichen, wobei es den Altgläubigen gelang, einen dritten Schreiber einzuschleusen. Daher ist heute die Badener Disputation eines der am besten dokumentierten Reformationsgespräche: Alle fünf Protokolle sind erhalten.
Sie unterscheiden sich nur wenig, wie Forschende Anfang dieses Jahrtausends herausgefunden haben. Während mehr als eines Jahrzehnts untersuchten sie alle Aufzeichnungen akribisch und publizierten vor gut zehn Jahren eine Edition der Protokolle. Flüche und Unartigkeiten sind darin allerdings kaum überliefert. Davon berichten eher überlieferte Briefe und Spottlieder.
In einer Zeit ohne Zeitungen und elektronische Medien verbreiteten sich Nachrichten auf ganz andere Weise, als sie dies heute tun. In der Reformation hatten Predigten, aber auch Theaterstücke und Lieder diese wichtige kommunikative Funktion. Sie kursierten als Drucke, wurden aber auch in der Öffentlichkeit vorgetragen. Auch die Badener Disputation fand Niederschlag in solchen Liedern. Eck sei ein «Narr» lässt sich hier lesen oder ein blasierter und schreiender Rechthaber. Ob die Lieder gesungen wurden? Ob sie Wirkung entfalteten? Belegen lässt sich das nicht, doch vermuten schon.
Die «Badenfahrt guter Gesellen» von Hans Achtsinit endet versöhnlich. Das Bad dauert an, die Suppe ist den Männern im Wasser gereicht, die Gläser sind mehrfach neu gefüllt worden. Felix wünscht sich: «Dass wir möchten bei Freiheit bleiben, mit Leuten, Land und Weibern.» In diesem Ton endet auch Achtsinit: «Wenn man ausgebadet hat, so die Sitte, man die guten Gesellen um ein Ende der Streiterei bitte.»
Der Friede im Bad bei gut gefülltem Bauch blieb damals allerdings Wunschdenken. Die Forschung sagt, die Badener Disputation sei in der schweizerischen Reformationsgeschichte ein Wendepunkt gewesen, der letzte Versuch einer nichtkriegerischen Austragung des religiösen Konflikts mit dem Ziel der kirchlichen Einheit.
Nach der Badener Disputation bauten sich konfessionelle Spannungen in der Eidgenossenschaft erst so richtig auf. Im Jahr 1528 fanden die Berner Disputation und der Übertritt Berns zur Reformation statt. Es folgten die zwei Kappelerkriege, wovon der erste 1529 noch diplomatisch gelöst werden konnte. Die «Kappeler Milchsuppe» ist bis heute sprichwörtlich und steht für die friedliche Lösung des Konflikts. 1531 endete die Schlacht zwischen reformatorischen und altgläubigen Kämpfern indes blutig. Zwingli starb, die Katholiken waren zu überlegen. Ein Landfrieden regelte, dass man sich nun in Ruhe lassen würde. Dieses Nebeneinander funktionierte bis zu den konfessionell motivierten Villmerger Kriegen 1656 und 1712. Noch im 19. Jahrhundert prallten liberale, vor allem reformierte, und katholisch-konservative Kräfte erneut aufeinander. Es kam im Sonderbundskrieg erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die Spannungen liessen sich erst im 20. Jahrhundert lösen, auch mit der fortschreitenden Säkularisierung. Sind die konfessionellen Konflikte also endlich – mit Hans Achtsinit gesprochen – «ausgebadet»?