Ruedi Widmer
Es ist eine Kindheitserinnerung, die für mich zur Merkgeschichte geworden ist: Wie ich mit dem Fahrrad zu schnell unterwegs bin und auf eine Mauer zufahre. Wie ich die Mauer mit zunehmender Panik anstarre. Und wie ich frontal in die Mauer knalle.
Es ist alles glimpflich ausgegangen. So rasant wie in meiner Erinnerung war ich wohl doch nicht unterwegs. Eingebrannt hat sich lediglich dieses Gefühl: Wie mich die Mauer magnetisch anzieht, weil ich den Blick und damit auch meinen Lenker nicht in eine andere Richtung wenden kann.
Hinstarren. Was für ein Wortbild! Etwas so intensiv anschauen, dass man dabei wie das sprichwörtlich gewordene Kaninchen vor der Schlange erstarrt.
Später hat Franz Hohler meine Fahrrad-Erfahrung durch eine Auto-Erfahrung erweitert. Er hat irgendwo mal erklärt, weshalb wir während Autofahrten oft so gute Gespräche führen: Weil wir uns dabei nicht anschauen müssen. Das habe ich mir gemerkt – und bin doch immer wieder in Mauern gerasselt. Wie oft habe ich das ernste Gespräch mit meinen Kindern gesucht. Ganz empathisch natürlich und sehr zugewandt. Und wie regelmässig bin ich dabei auf Granit gestossen. Erst im Nachhinein habe ich jeweils kapiert, dass sich meine Kinder einfach rauswinden mussten, weil sie meine fürsorgliche Konfrontation nicht mehr ausgehalten haben.
Grade bin ich wieder unangenehm oft das Kaninchen. Ich lass mir im Stundentakt die Apokalypse vertickern: im Trump-Ticker, im Ukraine-Ticker, im Crans-Ticker, im Iran-Ticker. Mir droht grade das grosse Glotzen. Und das lähmende Chaos.
Ich muss dringend wieder mehr Kind werden. Natürlich bin ich damals weiterhin mit meinem Fahrrad rumgekurvt. Und natürlich habe ich es nicht mit verbundenen Augen getan. Aber was ich richtig gut konnte: Meinen Blick schweifen lassen und dabei Ablenkungen entdecken, die mir eine neue Sicht und neue Wege eröffnet haben.