Zürich regional

«Der freundliche Blick ist mein Trick»

Edith Weisshar, Seelsorgerin Bundesasylzentren

Ich arbeite seit bald sechs Jahren als Seelsorgerin in den Bundesasylzentren, neuerdings am Standort Zürich. Dort war es im Winter ungemütlich kalt und die meisten sind in ihren Zimmern geblieben. Das macht den Kontakt schwierig. Die Seelsorge im BAZ ist fordernd, aber ich bekomme mehr, als ich gebe. Ich spreche Englisch, Französisch und Italienisch, das ich für meine Arbeit gelernt habe. Mein Trick ist der freundliche Blick und mir ist wichtig, dass ich nicht in Aktivismus verfalle. Denn meine Aufgabe sehe ich darin, Ruhe zu bewahren in diesem unübersichtlichen Ankommen und Abreisen. Ich heisse willkommen und musste schmerzlich lernen, «Adieu» zu sagen. Als Seelsorgerin sehe ich auch das, was nicht gut läuft. Das spreche ich an. Dass ich es trotz der vielen tragischen Schicksale schaffe, Leichtigkeit zu vermitteln, hat mit meinem Start ins Leben zu tun. Als Waise musste ich früh lernen, mit Brüchen und Schutzlosigkeit fertigzuwerden. Später habe ich gelernt, dass aus einem grossen Trauma etwas Gutes werden kann. Es sind besondere spirituelle Momente in den Seelsorgegesprächen, wenn wir merken, dass wir dieses Wissen teilen. Inmitten allen Leides gibt es Menschen, welche dem Entsetzlichen widerstehen und ihre tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit bewahren. Oft aus der tiefen Erkenntnis, getragen zu sein. Seit meinem Theologiestudium fühle ich mich zur Priesterin berufen. Als ich jung war, waren wir viele Frauen mit diesem Wunsch. Dass ich aufgrund meines Geschlechts nicht Priesterin sein darf, verletzt mich heute noch. Aber in der Spitalseelsorge und jetzt mit den Geflüchteten vergesse ich diesen Groll und bin der Kirche dankbar für meine Arbeit. Meine grösste Stärke ist, dass ich die Chance packe, wenn sie sich mir bietet.