Grosse Erzählungen

Ambivalenz

Die jüdisch-christliche Tradition erzählt von Menschen voller Abgründe. Zum Beispiel Judas. Was wissen wir von ihm?

Wondering the City | Morris Dahan, Aquarell auf Papier, 49 × 49 cm

Jesu Hinrichtung am Kreuz stürzte seine Anhänger in Depression und Verwirrung. Sie hatten gehofft, er würde Israel von der Unterdrückung Roms befreien. Auf die Frage, warum es so gekommen ist, antworten die neutestamentlichen Zeugnisse: Er ist für unsere Sünden gestorben. Auf die Frage hin, wer die Schuld für Jesu Kreuzigung trägt, erzählen die Evangelien von einem Mann aus Kerioth, von Judas Iskarioth.

Wir wissen kaum etwas über ihn, nicht einmal, wo Kerioth lag. «Kerioth» bedeutet einfach «Stadt». War er ein «Stadtmensch»? Oder war er der Mann aus Jerusalem, der Stadt par excellence? Jesus hat Judas in den engsten Kreis von Jüngerinnen und Jüngern gerufen, hat ihn zu einem Apostel gemacht. Als diese mit ihm in Galiläa das Volk lehrten, Menschen über soziale Grenzen hinweg zusammenführten und Kranke heilten, hat sich Judas nicht hervorgetan. Er scheint ganz in der Gruppe integriert gewesen und mitgegangen zu sein. Auf jeden Fall hören wir kein Wort von ihm oder über ihn. Er taucht erst beim Abschiedsmahl in Jerusalem auf.

Beim letzten Mahl isst er vom Brot und trinkt vom Kelch wie alle Apostel. Darüber hinaus setzt Jesus ein Zeichen besonderer Nähe zu ihm, wenn er mit ihm zusammen einen Bissen eintunkt. Judas küsst Jesus danach, als er ihn an die Hohenpriester ausliefert. Zeugt der Kuss auch von besonderer Intimität? Oder handelt es sich um eine normale Begrüssung? Oder ist der Kuss ein abgemachtes Zeichen, das verrät? Jesus reagiert mit einer vieldeutigen Frage: «Bist du dazu gekommen?» Wenn Jesus im Johannesevangelium zu ihm sagt: «Was du tust, das tue bald», so scheint Jesus das Geschehen zu bestimmen. Dem steht gegenüber, dass bei Matthäus Judas die Initiative ergreift. Er geht zu den Hohenpriestern, um Jesus zu verkaufen: für dreissig Silberlinge. Diese Summe kommt bereits im Buch Sacharija vor. Die Autoritäten Israels bieten sie einem Propheten für seinen Dienst an. Handelt Judas also wie ein Gottesmann, dass er genau diese Summe erhält? Sie ist in der Bibel aber auch als Preis für einen Sklaven bezeugt. Tut Judas hier einen Sklavendienst? Im Johannesevangelium wird ihm schon früher Geldgier vorgeworfen; er veruntreue die Gemeinschaftskasse. Johannes spricht von Judas als dem Sohn des Verderbens. Wie Lukas sieht er bei ihm den Teufel am Werk. Lukas ist zudem der Einzige, der Judas als Verräter bezeichnet. Bei Markus heisst es schlicht: «Er ging weg.»

Judas hat also die Seite gewechselt, vom Apostelkreis zu den Autoritäten Israels, die zwischen der römischen Besatzung und dem jüdischen Volk vermittelten. Ein Grund wird nicht genannt. Wenn Judas jedoch beim Mahl Jesus mit «Rabbi» anspricht und nicht wie die anderen Apostel als «Herr», so lässt sich dies als Distanzierung deuten. Oder ist es doch auch wieder ein Zeichen besonderer Nähe? Auch Maria von Magdala spricht den Auferstandenen mit «Rabbuni» an.

Wenn nach dem «Warum» gefragt und wenn Schuldige gesucht werden, wird auch in der Bibel unterschiedlich geantwortet und argumentiert. Ein eindeutiges Urteil ist unmöglich. Was geschehen war, bleibt vielschichtig und undurchsichtig. 

Judas lud Schuld auf sich. Musste er sie auf sich nehmen, weil Gott es so wollte? Matthäus erzählt, Judas habe bereut, die Silberlinge zurückgegeben und danach Suizid begangen. Lukas spricht davon, dass ein Gottesurteil über ihn kam. Judas sei verunglückt, so dass die Eingeweide auf den Acker quollen. Zwei unterschiedliche Varianten für seinen Tod. In jedem Fall: Auch wenn er bereute und wiedergutmachte, das Urteil fällt negativ aus. Doch selbst hier bleibt Ambivalenz, denn mit dem Geld wird ein Friedhof für die Fremden erworben, ein Stück verheissenes Land. Kommt so, durch Jesu Blut erkauft, die Seligpreisung zur Vollendung: «Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben»? Wirkte Judas am Werk des messianischen Gottesknechts mit, der Juden wie Nicht-Juden sammeln soll? 

Schon im Spätmittelalter predigt der Dominikaner Vinzenz Ferrer gegen christliche Judenhasser, die Judas und mit ihm alle Juden zu Gottesmördern abstempeln. Er deutet Judas’ Suizid sogar als Miterlösungswerk, als Beitrag zur Hingabe Jesu am Kreuz für die Sünder. Er kann dabei an Matthäus anknüpfen, der Judas durchgehend als «Überlieferer» bezeichnet. Judas «übergibt», wie man eine Tradition weitergibt. Und die Hohenpriester übergeben Jesus weiter an die Römer. Der Leser entscheidet, ob er dies als «verraten», «überliefern» oder «ausliefern» verstehen will. Auch wenn sich Judas schuldig macht, bei Matthäus hat er eine unangenehme, aber notwendige Berufung: den Messias der Juden zum Heiland der Heiden zu machen. 

Die Hohenpriester und Ältesten des Volkes übernehmen für ihr Tun Verantwortung, wenn sie bei Matthäus rufen: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.» Der Evangelist dürfte in der Tempelzerstörung, die im Jahre 70 n. Chr. stattfand, eine Strafe Gottes gesehen haben. Damit wäre ihre Schuld abgegolten. Der römische Stadthalter Pilatus aber, der Jesu Hinrichtung ausführte, obwohl er sie hätte verhindern können, verdrängt seine Schuld: «Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen.» Er wäscht seine Hände in vermeintlicher Unschuld. Hätte die Kirche, wenn sie schon Schuld über Generationen nachtragen wollte, nicht vielmehr seine Nachkommen zur Rechenschaft ziehen müssen? Auf jeden Fall stellt sich heute nicht mehr die Frage nach der Schuld des Judas und nach dem «Warum» des Leiden Jesu. Heute stellen sich diese Fragen angesichts von fast zweitausend Jahren Antijudaismus. Übernehmen Christen und Christinnen für ihr Tun Verantwortung? Die Kirche hat diesen Prozess der Umkehr mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen. Dazu gehört die Rehabilitierung des Judas.