Prophetinnen in der Bibel auf der Spur

Im Alten Testament wird selbstverständlich auch von Prophetinnen erzählt. Wer kennt sie heute? Am Junia-Tag Mitte Mai in Klingnau (AG) rückt Irmtraud Fischer, Professorin für Antike, diese Frauen ins Zentrum.

Prophetin Mirjam: Mosaik von Radbod Commandeur (1890-1955) in der Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem.

Die hebräische Bibel kennt Frauen im höchsten Amt, allerdings werden sie in der kirchlichen Leseordnung weitgehend ignoriert - und bis vor Kurzem auch in der wissenschaftlichen Diskussion. Dem tritt die Grazer Universitätsprofessorin Irmtraud Fischer am Junia-Tag vom 17. Mai in Klingnau mit ihrem Referat entgegen.

Seit 2020 führt die Junia-Initiative in der Schweiz jährlich einen Juniatag durch, um Frauen in der Kirche zu stärken. Der Name geht auf die Apostelin Junia zurück, die im Neuen Testament im Laufe der Jahrhunderte als Frau unsichtbar gemacht wurde, indem sie in Apostel Junias umbenannt wurde. Ein Irrtum, der in der Einheitsübersetzung 2016 behoben wurde. Aus Junias wurde wieder Junia. (Röm 16,7)

«Mein Vortrag am diesjährigen Juniatag wird das weitgehend unbekannte Phänomen weiblicher Prophetie, die eine Frau in die unmittelbaren Nachfolge des Mose stellt, und die Prophetinnen in der Bibel vorstellen», sagt Irmtraud Fischer. Sie ist massgebliche Initiantin des internationalen Grossforschungsprojekts «Die Bibel und die Frauen», das im vergangenen Jahr mit einer in vier Sprachen publizierten und auf 22 Bände angelegten Enzyklopädie zu Ende geführt worden ist. Zu den Haupterkenntnissen gehört, dass es Belege dafür gibt, dass Frauen die Bibel immer eigenständig gelesen und verstanden haben. Irmtraud Fischer verdeutlicht: «Zu allen Zeiten finden wir Frauen, die die Texte nicht gegen Frauen ausgelegt haben.» Diese Frauen hätten dem patriarchalen System widersprochen, aber ihre Auslegungen seien nicht als solche überliefert worden. Vielmehr wurden sie «vergessen gemacht oder ungekennzeichnet in Auslegungen von Männern integriert. Damit wurde diesen Frauen ihr geistiges Eigentum geraubt.»

«Was heute als ‹die Tradition› beschworen wird, ist ein Konstrukt , das nur einen Bruchteil der tatsächlichen Geschichte wiedergibt.»

Mit dieser weltweit ersten Rezeptionsgeschichte mit Schwerpunkt auf biblischen Frauenfiguren und Frauen, die die Bibel auslegten, habe den Frauen ein Teil ihrer Geschichte wiedergegeben werden können. «Es zeigt sich, dass das, was heute als ‚die Tradition‘ immer wieder beschworen wird, ein Konstrukt ist, das nur einen Bruchteil der tatsächlichen Geschichte wiedergibt. Es ist eine Frage der Macht, wer fähig ist, seine eigenen Ansichten als ‚die Tradition‘ hochzustilisieren und wer nicht», sagt Fischer.

Gestaltete Mitte am Juniatag 2024

Die Junia-Initiative wird von Katholikinnen und Katholiken aus Gemeinschaften und Gemeinden, Priestern, Ordensoberinnen, Ordensobern, Ordensfrauen und -männern getragen. Ausgelöst durch ein Gespräch der Pfarreiseelsorgerin und Kantonsschullehrerin Charlotte Küng-Bless mit ihrem Mann gründeten mehrere Personen im Herbst 2019 die Junia-Initiative. Ziel der Initiative ist die Ordination zum sakramentalen Dienst für alle, die in der Seelsorge arbeiten. Das Weiheverständnis der Junia-Initiative unterscheidet sich jedoch von der heutigen Priesterweihe. «Es geht vom Lima-Papier von 1982 aus, das vorschlägt, alle zu ordinieren, die in der Seelsorge tätig sind», sagt Charlotte Küng-Bless. Die Vision sei, dass Seelsorgende von der Basis und vom Bischof gesandt werden. Auf der Grundlage des allgemeinen Priestertums würde diese Ordination von der heutigen Ständeordnung in der Kirche wegführen.

«Strukturell haben wir bisher nichts bewirkt. Aber es gibt uns noch!»

Karin Klemm ist Ausbildnerin für Seelsorgende (Clinical Pastoral Training - CPT)) und - wie Charlotte Küng-Bless - bereit zur Ordination zum sakramentalen Dienst. Zum bisher Erreichten der Junia-Initiative sagt sie: «Strukturell haben wir bisher nichts bewirkt. Aber es gibt uns noch! Auch wenn wir verlieren, haben wir nicht unrecht!» Mit dieser Berufung verbunden zu bleiben, koste sie und andere sendungsbereite Frauen viel Energie. Immer wieder würden sie als spaltend oder illoyal bezeichnet; mitunter werde ihnen auch vorgeworfen, mit Traditionen und Regeln der Kirche willkürlich umzugehen. Auch habe sie schon erlebt, dass Frauen, die sich öffentlich zu ihrer Sendungsbereitschaft äussern, weniger gefördert würden als jene, die sich nicht öffentlich dazu äusserten.

Dennoch betont Charlotte Küng-Bless, dass die Junia-Initiative inzwischen ein Begriff ist. «Wir haben Entschuldigungsschreiben von drei Bischöfen erhalten, dass sie nicht zum diesjährigen Junia-Tag kommen können. Wenn wir nicht so gross und gut vernetzt wären, wäre das kaum passiert!»

Irmtraud Fischer ist Professorin am Institut für Antike an der Universität Graz, massgebliche Initiantin des internationalen Grossprojekts «Die Bibel und die Frauen» und Hauptreferentin am Juniatag 2026.

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