Vor 30 Jahren nahmen etwa 40 Personen am Zürcher Kreuzweg durch die Stadt teil und führten sich mit dem tatsächlichen Tragen des Kreuzes das Leiden und Sterben Jesus Christi vor Augen. Bei dem diesjährigen Anlass am Karfreitag werden bis zu 800 Menschen erwartet. Der Passionszug ist jedes Jahr etwas gewachsen.
Der Zug beginnt um 12 Uhr bei der Kirche Dreikönigen in der Enge. Menschen verschiedener Konfessionen sowie unterschiedlicher Nationalität und politischer Herkunft kommen an diesem Tag zusammen. Abwechselnd tragen sie ein schweres Holzkreuz von Station zu Station durch die Stadt. An insgesamt sechs Stationen wird mit kurzen Besinnungen und Gebeten Halt gemacht. Der Anlass endet gegen 14 Uhr bei der Kirche St. Peter nahe dem Paradeplatz.
«Wo der Kreuzweg an diesem Tag vorbeizieht, steht Zürich einen Moment lang still», sagt Pfarrerin Bettina Lichtler, «und wenn es an diesem Tag blitzt, dann sind an einer Kreuzung beim Überqueren all dieser Menschen die Ampeln wohl schon wieder rot geworden.» Als Ökumene-Beauftragte der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich wirkt sie im Arbeitskreis Zürcher Kreuzweg mit und verantwortet die Kommunikation nach aussen. Man starte mit der Prozession jeweils dort, wo man im Vorjahr geendet habe. Und nur bei Kirchen mit ausreichender Kapazität. Denn an Karfreitag finden an vielen Orten Konzerte statt, was bei der Planung berücksichtigt werden müsse.
Neben vielen Menschen sind hier nebeneinander unterwegs der Bischof der christkatholischen Kirche der Schweiz, Frank Bangerter (links im weissen Gewand, mit Brustkreuz), und der römisch-katholische Generalvikar von Zürich und Glarus, Luis Varandas (rechts daneben im weissen Gewand, mit roter Stola).
Marcel Bruderer/zvg
Die an den Stationen vorgelesenen Texte werden von Personen aus dem Umfeld verschiedener christlicher Konfessionen verfasst und in unterschiedliche Sprachen übersetzt, auch in die Gebärdensprache für gehörlose Menschen. Ökumenisch getragen heisst christlich getragen: Nebst Reformierten und Römisch-Katholischen sind unter anderen auch Christkatholische, die Heilsarmee sowie Seelsorgende verschiedener weiterer Konfessionen vertreten.
«Das Leiden Jesu und das Leiden an sich wollen wir nicht verherrlichen», erklärt Lichtler weiter. Es gehe vielmehr darum, Solidarität mit dem Leiden in der heutigen Zeit zu zeigen. «Bei den verschiedenen Stationen greifen wir deshalb aktuelle Themen auf und schaffen einen Bezug zum jeweiligen Ort.» So habe man beispielsweise einmal vor dem Obergericht Halt gemacht und thematisiert, was es für Menschen bedeutet, vor Gericht zu stehen.
Zum letzten Mal begleitet in diesem Jahr Andreas Müller-Crepon den Kreuzweg. Der bekannte Radiomoderator hat bislang Jahr für Jahr die Bibeltexte vorgetragen – Texte, die dann von den beteiligten Pfarrern und Pfarrerinnen, Seelsorgenden und Laien ausgelegt werden. Dank eines Verstärkers, den ein mitfahrendes Auto transportiert, sind die Worte für alle Anwesenden gut hörbar. Von römisch-katholischer Seite wird unter anderen auch Generalvikar Luis Varandas bei der Prozession teilnehmen.