«Es gibt keinen Grund zur Entwarnung»

2025 sind Angriffe auf Jüdinnen und Juden zurückgegangen, doch online nehmen antisemitische Vorfälle zu. Jonathan Kreutner vom Israelitischen Gemeindebund ordnet die Statistik ein.

Unterwegs im Schweizer Alltag: Laut Bericht fühlen sich viele Jüdinnen und Juden weniger sicher.

Laut dem aktuellen Antisemitismusbericht gab es 2025 gegen jüdische Menschen im physischen Raum weniger verbale und körperliche Angriffe als 2024. Hat sich die Lage entspannt? 

Der Rückgang in der realen Welt gibt in keiner Weise Grund zur Entwarnung. Wir bewegen uns seit dem 7. Oktober 2023 auf einem sehr hohen Niveau. Im Internet beträgt der Anstieg von antisemitischen Äusserungen gar 37 Prozent. Für viele Jüdinnen und Juden in der Schweiz ist das Sicherheitsgefühl stark beeinträchtigt.

Wie äussert sich das? 

Manche tragen weniger religiöse Symbole in der Öffentlichkeit oder verzichten ganz darauf. Andere überlegen sich, wo und wie sie sich im öffentlichen Raum bewegen. Eltern sprechen mit ihren Kindern darüber, wie sie mit antisemitischen Äusserungen umgehen sollen. Und auch Menschen, die selbst keinen Vorfall erlebt haben, berichten von einem deutlich gesunkenen Sicherheitsgefühl. Antisemitismus wirkt nicht nur durch konkrete Vorfälle, welche die Statistik erfasst, sondern auch durch das gesellschaftliche Klima.

Der Bericht zeigt, dass der Nahostkrieg ein zentraler Auslöser vieler Vorfälle ist. Wie erklären Sie die starke Verbindung zwischen internationaler Politik und antisemitischen Reaktionen in der Schweiz?

Der Konflikt ist uns näher als andere Themen. Er ist eng mit der europäischen und jüdischen Geschichte verknüpft und verursacht viele Emotionen, fast alle haben eine Meinung dazu. Dabei sind der Konflikt und das Thema Antisemitismus äusserst komplex.

Jonathan Kreutner ist seit 2009 Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Er hat Allgemeine Geschichte, Neuere deutsche Literatur und Staatsrecht in Zürich studiert und an der Universität Basel in Jüdischen Studien doktoriert.

Beobachten Sie nun mit dem Krieg im Iran wieder eine Zunahme?
Das wissen wir jetzt noch nicht. Aber wie bisher dürfte auch dieser Krieg im Nahen Osten wieder zu Ausschlägen führen. 

Welche Formen von Antisemitismus dominieren im Internet?
Ein grosser Teil besteht aus den klassischen antisemitischen Feindbildern. Zu ihnen zählt beispielsweise die pauschale Schuldzuweisung an Jüdinnen und Juden für politische Entwicklungen im Nahen Osten. Sehr verbreitet sind zudem antisemitische Verschwörungstheorien, etwa die sogenannte Chasarentheorie. Sie behauptet, dass aschkenasische Juden nicht von den biblischen Israeliten abstammen, sondern von einem mittelalterlichen Turkvolk, und daher keinen Anspruch auf einen jüdischen Staat hätten. Solche Narrative verbreiten sich besonders stark über soziale Medien und werden durch algorithmische Mechanismen verstärkt. 


In der jüdischen Zeitung «Tachles» wird kritisiert, der Bericht sei nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert, intern gebe es Uneinigkeit über die Grenze zwischen legitimer Israel-Kritik und Antisemitismus und es werde ein Opfernarrativ bedient. Wie reagieren Sie darauf? 

Diese Kritik ist nicht neu, aber teils aus der Luft gegriffen und bezieht sich kaum auf den vorliegenden Bericht. Wir arbeiten, wie dieser veranschaulicht, nach transparent dargelegten Methoden und orientieren uns an der international anerkannten IHRA-Definition. Die Einordnung einzelner Fälle ist nicht immer eindeutig, darum prüfen wir sorgfältig, auch im internen Austausch und mit weiteren Experten, und entscheiden im Zweifel zurückhaltend. Interne Diskussionen gehören zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema. Die systematische Erfassung antisemitischer Vorfälle ist allerdings zentral, sonst gäbe es in der Schweiz gar keine verlässlichen Daten.

Ein Monitoring soll die im Dezember lancierte nationale Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus umfassen. Welche Erwartungen haben Sie an den Staat? 

Die Strategie will das Monitoring stärken, stützt sich aber weiterhin auf zivilgesellschaftliche Organisationen wie den SIG. Die systematische Erfassung wäre aber eine Aufgabe des Staates. Zudem braucht es weitere Massnahmen. Zentral ist Bildung, Holocaust und Antisemitismus müssen im Unterricht stärker thematisiert werden. Darüber hinaus braucht es klare gesetzliche Regeln für Internet-Plattformen.

Muslimische Organisationen verzeichnen ebenfalls eine Zunahme von antimuslimischem Rassismus. Sehen Sie Parallelen? 

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus haben ganz unterschiedliche historische Hintergründe und dennoch weisen sie ähnliche Mechanismen auf, etwa Pauschalisierungen und Stereotypisierungen. Sie unterscheiden sich deutlich in ihren gesellschaftlichen Verankerungen und müssen deshalb getrennt analysiert und unterschiedlich bekämpft werden. Wichtig ist, beide Phänomene ernst zu nehmen und klar zu benennen. Entscheidend ist gleichzeitig, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht dazu instrumentalisiert wird, um antimuslimischen Rassismus zu schüren.

Antisemitische Vorfälle lassen sich rechts- und linksextremen sowie muslimischen Akteuren zuordnen. Wie beeinflusst das den Kontakt mit muslimischen Verbänden? 

In Zeiten wie diesen ist der interreligiöse Dialog elementar. Der Austausch hilft, Vertrauen zu stärken und gemeinsam gegen Diskriminierung vorzugehen. Antisemitismus tritt in verschiedenen Milieus auf, und wir wehren uns dagegen, ihn einseitig einer bestimmten Gruppe zuzuschreiben. Darum treten wir oft gemeinsam auf, etwa gegen Pauschalisierungen oder für den Schutz religiöser Freiheit. Damit setzen wir bewusst ein Zeichen gegen Spaltung und für eine gemeinsame Verantwortung in der Gesellschaft.

Der Antisemitismusbericht wird jährlich vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus GRA herausgegeben. Er erfasst und analysiert antisemitische Vorfälle in der Schweiz. Die Zahlen zeigen eine verfestigte Lage auf hohem Niveau: Im öffentlichen Raum wurden 2025 insgesamt 177 Vorfälle registriert, rund 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Dazu zählen Beschimpfungen, Schmierereien und einzelne Tätlichkeiten. 

Die Zahl antisemitischer Vorfälle im Internet stieg dagegen deutlich an. Online wurden 2185 Fälle erfasst, ein Plus von etwa 37 Prozent. Inhaltlich dominieren Verschwörungserzählungen und pauschale Schuldzuweisungen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der Gazakrieg prägen einen grossen Teil der regis­trierten Vorfälle. Das Online-Monitoring erfasst mittels einer Suchsoftware öffentlich zugängliche Social-Media-Plattformen, Webseiten und Kommentarspalten von Online-Medien. Der grösste Teil der Vorfälle entfiel auf Telegram mit 1445, die zweithöchste Zahl findet sich in Kommentarspalten von Online-Medien (380). Laut Bericht wurden teils offen antisemitische Inhalte veröffentlicht und erst nach Stunden gelöscht. Eine politische Zuordnung der Posts ist in den meisten Fällen nicht möglich.
Die zuordenbaren Vorfälle im analogen Raum verteilen sich auf rechts- und linksextreme, muslimisch und islamistische Akteure sowie auch Akteure in der Mitte der Gesellschaft.