Theologe zu Gender: «Es gibt rein biologisch eine Vielfalt»

Für die katholische Kirche gibt es nur zwei Geschlechter: Mann und Frau. Sie lehnt deshalb die Gendertheorie ab. Für den katholischen Theologieprofessor Gerhard Marschütz ist das unhaltbar.

Die katholische Kirche lehnt den Begriff «Gender» ab. Warum kritisieren Sie das? 

Für die katholische Kirche ist der Begriff Natur von zentraler Bedeutung für das Verständnis von Geschlecht. Die biologische Verschiedenheit der Geschlechter bestimmt somit massgeblich das Verständnis von Mann und Frau. So wird etwa die Frau «von Natur aus» vor allem in ihrer mütterlich-dienenden Rolle begriffen. Der Begriff Gender bezeichnet das soziale Verständnis von Geschlecht. Er scheint daher dessen biologische Grundlagen zu vernachlässigen oder gar zu ignorieren, was eine freie Wählbarkeit des Geschlechts besagen würde. So lautet jedenfalls die katholische Kritik gegenüber Gender. Das ist wissenschaftlich unhaltbar, deshalb weise ich diese Kritik in meinem Buch (siehe Infobox) entschieden zurück.

Weshalb definiert die katholische Kirche Mann und Frau so zentral über die Natur?

Das katholische Lehramt verweist hier auf die beiden biblischen Schöpfungserzählungen, die als von Gott geschaffene Naturordnung gelesen werden. Demnach ist etwa der Mensch als Gottes Abbild männlich und weiblich geschaffen. Die Schöpfungserzählungen wurden immer schon herangezogen, wenn eine wissenschaftliche Neuerung Angst hervorrief, von Kopernikus über Galilei, für die die Sonne im Zentrum des Universums steht, bis zu Darwins Evolutionstheorie. Die päpstliche Bibelkommission hat anlässlich des 100. Geburtstags von Darwin (1909) noch festgehalten, dass die beiden Schöpfungserzählungen im Wesentlichen als historische Ereignisse zu verstehen sind. Galilei wurde erst 1992 von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.

Die Zweiteilung der Geschlechter ist also gleichsam Gottes Wille. 

Es ist aber zu beachten, dass die Schöpfungsgeschichten «Gottes Wort im Menschenwort» sind, wie das Konzil sagt. Das Sechstagewerk ist z.B. ein Hymnus, den es damals in verschiedenen Varianten gab. In der Bibel wurden Teile davon übernommen und an das eigene Gottesverständnis angepasst, wonach es nicht viele Götter waren, die die Erde geschaffen haben, sondern ein einziger Gott. Biblische Texte sind also Interpretationen von Menschen auf dem Hintergrund ihrer Gotteserfahrung.

Damit verliert die Bibel ihre Eindeutigkeit.

Die vier Evangelien, die sich zum Teil widersprechen, sind bereits ein Hinweis, dass die Erfahrungen mit diesem Jesus Christus vielfältig waren. Manche sagen, die Bibel müsse eindeutige Antworten geben können. Genau genommen ist die Bibel ein komplexes Buch. Das muss ich aushalten können. Aber das muss ich auch in jeder Begegnung mit Menschen aushalten können. Wenn ich Eindeutigkeit will, mache ich oft Eindeutigkeit, indem ich anderes nicht zulasse. Wo ich bereit bin, auf andere zu hören, kann ich auch Überraschendes entdecken. 

Gleichwohl ist die Zweigeschlechtlichkeit im Alltag offensichtlich. 

Ja, weil das statistisch gesehen die überwiegende Mehrheit ist. Wenn ich diesem Phänomen in meinem Alltag zu über 90 Prozent begegne, dann denke ich, nur das sei normal. Was geschieht aber mit jenen, die nicht in diese Alltagserfahrung passen? Laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2016 bezeichnen sich in Deutschland 7,4 Prozent der Bevölkerung als der so genannten LGBTIQ-Gruppe zugehörig. 

Für viele Menschen ist das beängstigend. Warum? 

Beim Geschlecht geht es um ein sehr intimes Thema. Wenn eine Familie die Erfahrung macht, dass ihr eigenes Kind homosexuell ist, entsteht oft Verunsicherung. Es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Ich kann hinhören und nachfragen, wie dieses Kind empfindet. Oder ich kann das unterdrücken, indem ich sage: ‹Das darf es nicht geben.› Letzteres ist eine autoritative Haltung, die auf anderer Ebene alsbald in politisch rechte Kategorien abdriften kann. 

Die bekannteste Schweizer Transfrau, Nadia Brönnimann, wurde als Christian geboren. Sie hat ihr Geschlecht vor 29 Jahren umwandeln lassen. Seit kurzem hadert sie damit und nennt sich wieder Christian. In einem Interview sagt sie, kein Mensch werde im falschen Körper geboren. Bestätigen solche Entwicklungen nicht die Vorstellung vom frei wählbarem Geschlecht? 

Völlige Eindeutigkeit gibt es in keinem Feld der Geschlechtsidentität. Mir ist aus der Fachliteratur bekannt, dass es – wiewohl sehr, sehr selten - so genannte Detransitionen gibt. Daraus ist aber kein Argument abzuleiten, jenen Menschen, die kontinuierlich den dringenden Wunsch haben, ihr Geschlecht auch körperlich anzugleichen, zu sagen, sie könnten sich trotz fundierter Begleitung möglicherweise irren und deshalb sei von geschlechtsangleichenden Massnahmen abzuraten. In der Regel bereuen Trans-Menschen ihre Transition nicht, da sie hierdurch erst ihre Geschlechtsidentität zu stabilisieren vermögen. 

«Sex» und «Gender»

Seit den 1970ern unterscheidet die Forschung zwischen biologischem Geschlecht (engl. «sex») und sozialem Geschlecht (engl. «gender»). Gender bezeichnet kulturelle Rollenbilder wie Kleidung, Beruf oder bestimmte Verhaltensweisen. In den 1990ern erweiterte die Philosophin Judith Butler dies: Auch das biologische Geschlecht sei immer schon kulturell interpretiert. Dies wird oft so gedeutet, dass das biologische Geschlecht überhaupt keine Rolle mehr spiele. Hier setzt die Kritik der katholischen Kirche an. 

Kann man die Schöpfungsgeschichten auch gendergerecht deuten? 

Theologisch lässt sich das Sechstagewerk mit der rhetorischen Figur des Merismus deuten: Gott hat Tag und Nacht geschaffen. Somit sind auch die Übergänge wie das Morgengrauen oder die Abenddämmerung von Gott geschaffen, ohne dass sie explizit genannt werden. 

Man kann die Erschaffung des Menschen in männlich und weiblich ebenso deuten: Damit werden die zentralen Pole genannt, die alles dazwischen Existierende mit einbeziehen, also auch sexuelle und geschlechtliche Minderheiten. 

Ist das Bedürfnis nach Eindeutigkeit ein Ausdruck der Überforderung mit Vielfalt? 

Wissenschaft produziert nie Eindeutigkeit, sie lebt aus vielen Hypothesen. Die noch Ende der 1950er Jahre eindeutige Hypothese einer strikten Zweiteilung der Geschlechter, Frauen haben die Chromosome XX, Männer XY, ist heute wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Deshalb müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie wir mit Menschen umgehen, die dieser Zweiteilung nicht entsprechen. Das ist eine Frage der Anerkennung: Wird wirklich allen Menschen gleichermassen die Würde zugesprochen? Da sehe ich ein grosses Problem der katholischen Kirche, wenn sie meint, solchen Menschen nicht die volle Würde zusprechen zu können. 

Die katholische Kirche ist aber nicht die Einzige, die an der Zweiteilung der Geschlechter festhält. 

Nein, auch ausserhalb der Kirche wurden Homosexualität, Intergeschlechtlichkeit oder Transidentität lange Zeit als Krankheit bezeichnet. Erst seit die WHO diese Phänomene nicht mehr im Krankheitskatalog führt, wurde das für die Kirchen zum Problem. Die WHO anerkennt, dass es nicht nur Mann und Frau im heterosexuellen Sinn gibt, sondern Menschen, die sexuell anders orientiert sind, Menschen, die nicht eindeutig einem biologischen Geschlecht zugeordnet werden können und andere, die biologisch zwar einem Geschlecht zugewiesen werden, aber von sich sagen, dass das nicht ihr wirkliches Geschlecht ist, dass sie im falschen Körper sind. 

Welches Verständnis von Geschlecht vertritt die heutige Wissenschaft?

Ein sogenanntes biopsychosoziales Verständnis von Geschlecht. Das heisst, sowohl biologische, psychologische und soziale Verständnisweisen spielen bei der Definition von Geschlecht eine zentrale Rolle. Es gibt bereits rein biologisch eine gewisse Vielfalt, die zwar als die gewichtigen Pole männlich und weiblich kennt, aber dazwischen gibt es ein Spektrum von unterschiedlichsten Variationen. Wissenschaftlich ist daher heute auch bei Transidentität nicht nur primär von einer psychischen Verursachung auszugehen. 

Gerhard Marschütz lehrte bis zu seiner Emeritierung 2021 Theologische Ethik am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. In seinem Buch «Gender-Ideologie!?» analysiert er die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zu Gender und weist diese als unhaltbar zurück. Das Buch erschien 2023 im Echter-Verlag.