«Ich wurde meiner Jenischen Identität beraubt.»

Der Schweizer Staat und seine christlichen Helfer haben Ursulina Gruber die jenische Identität genommen. Sie hat sie sich unter grossem Leid zurückerobert.

Die «Radgenossenschaft der Landstrasse» fordert von der Eidgenossenschaft die Öffnung der Archive nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für Betroffene.

Die Schweizer Behörden haben sich mit ihrem Verhalten gegenüber Jenischen und Sinti eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Der Bundesrat hatte das Verschulden im Februar offiziell eingestanden. Am 11. März wollte der Nationalrat nachziehen. Er hat es aus «Zeitgründen» nicht geschafft, wie der Parlamentsdienst auf Anfrage mitteilte. Dabei hätte die Diskussion über eines der traurigsten Kapitel von Schweizer Familienpolitik eigentlich höchste Priorität verdient.

Was es bedeutet, in der Schweiz im vergangenen Jahrhundert als jenisches Kind aufzuwachsen, davon berichtet Ursulina Gruber an der Veranstaltung der Radgenossenschaft der Landstrasse am 10. März in Zürich Altstetten. Zwei Drittel ihres Lebens hat die heute 70-Jährige mit der Suche nach ihrer jenischen Identität verbracht, die ihr die Behörden durch die Fremdplatzierung bei einer gutbürgerlichen Familie aberziehen wollten.

«Mein Vater wollte mich anerkennen, wurde aber von den Behörden daran gehindert.»

Ursulina Gruber kam 1957 in Zürich auf die Welt. Ihre Mutter war 19 Jahre alt, als sie schwanger wurde und unverheiratet aus dem Bündnerland nach Zürich zog, um im Gastgewerbe zu arbeiten. Ihr Vormund hatte die schwangere alleinstehende Frau zur Fahndung ausgeschrieben. Und so nahmen die Behörden der jungen Mutter das Kind nach der Geburt sofort weg. In den zahlreichen Akten über sich hat Ursulina Gruber rekonstruiert, dass ihr Vater sie habe anerkennen wollen, jedoch von den Behörden daran gehindert worden sei. Auf diese Weise habe die Vormundschaftsbehörde über ihre Platzierung verfügen können, was ihr erklärtes Ziel gewesen sei. Denn der damals grassierende «Antiziganismus» taxierte die Lebensweise der Sinti, Roma und Jenischen als unmoralisch und die Menschen als minderwertig.

Zahlreiche Zeugnisse von Betroffenen und Forschungen belegen, dass Ursulina Grubers Geschichte kein Einzelschicksal ist, sondern ein systematisches Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute holte zwischen 1926 und 1973 rund 600 Kinder von Jenischen aus ihren Familien und brachte sie zwangsweise in Heimen oder Pflegefamilien unter. Betroffenenorganisationen gehen gar von 2000 Fremdplatzierungen aus, die durch Fürsorge- und Vormundschaftsbehörden und durch das Engagement karitativer Organisationen vorgenommen wurden. Das katholische Seraphische Liebeswerk etwa, das auch heute noch besteht, hat sich bis in die 1980er-Jahre aktiv an den Kindswegnahmen beteiligt.

Ursulina Grubers Mutter hatte immer wieder versucht, ihre Tochter in der Pflegefamilie zu besuchen und sie zu sich zurückzuholen. Auch das beweisen die vielen Akten. Die Aufzeichnungen zerstörten alle vermeintlichen Gewissheiten über Ursulina Grubers Herkunft und verwandelten ihre Lebensgeschichte zu einem reinen Konstrukt. In Wahrheit wurde Ursulina Gruber ihrer jenischen Identität beraubt, alle Verbindungen zu ihren Eltern wurden gekappt und noch bestehende Verbindungen schlecht geredet.

«Wir haben einen grossen Sinn für Gerechtigkeit.»

Mit 20 Jahren traf Ursulina Gruber ihre Mutter zum ersten Mal. Bei ihr zu Hause sah sie ein Kinderfoto von sich und hörte die Beteuerungen der Mutter, dass Ursulina für sie immer Teil ihrer Familie gewesen sei. «Du bist die jenischste von uns allen», hörte sie ihre Mutter sagen. Was das bedeuten sollte, wollte Ursulina Gruber nun herausfinden.

Im Museum der Radgenossenschaft der Landstrasse beschreibt Ursulina Gruber ihr Jenisch-Sein so: «Wir haben einen grossen Sinn für Gerechtigkeit, wir spüren eine Grenzenlosigkeit, die sich darin zeigt, dass es uns unter dem freien Himmel wohl ist und wir sind eigenwillig». Nach dem Kennenlernen ihrer Mutter stellte sich bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung ein. Als Jenische realisierte sie, dass auch das Trauma zur Identität gehört. Nach und nach erinnerte sie sich an belastende Erlebnisse aus ihrer Kindheit, die Schläge ihres Pflegevaters, der sie immer wieder für ihr «Zigeunerblut» bestrafte.

Die eigene Geschichte aus den Akten neu zu konstruieren sei eine psychisch belastende Arbeit, sagt Ursulina Gruber – die Akteneinsicht ein schikanöser Hürdenlauf. Während der universitären Forschung die Akteneinsicht erlaubt ist, kämpfen Betroffene oft vergeblich darum, Informationen über ihre Verwandten zu bekommen. Mit der Hilfe von Willi Wottreng, Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse, ist es Ursulina Gruber schliesslich gelungen, im Stadtarchiv an ihre Akten zu gelangen. Es habe Jahre gedauert, bis sie sich an alle Papiere getraut habe. Zu belastend die Aussagen, die sie über sich habe lesen müssen.

«Immer noch gibt es verschlossene Giftschränke beim Bund, bei den Gemeinden und beim Seraphischen Liebeswerk»

Der Zugang zu den Archiven für Betroffene ist eine der Forderungen der Radgenossenschaft der Landstrasse, die nach die Erklärung des Nationalrats erfüllt werden müsse. «Immer noch gibt es verschlossene Giftschränke beim Bund, bei den Gemeinden und beim Seraphischen Liebeswerk», heisst es in deren Medienmitteilung. Es gehe nicht an, dass Forschende von Hochschulen Zugang bekämen, während Nachkommen von Opfern systematisch von den Archiven ferngehalten würden, sagt Wottreng an der Lesung und fügt an: «Die Erklärung ist eine Genugtuung, soweit dies angesichts des geschehenen Leids überhaupt möglich ist». Aber der Dachverband der Jenischen in der Schweiz will sich nicht mit der Erklärung des Bundes- und des Nationalrats begnügen. Er fordert von den Behörden, dass sie zur Wiederherstellung von Kultur und Lebensweise der Jenischen und Sinti beitragen. Insbesondere die Schaffung von Stand- und Durchgangsplätzen müssten angegangen werden. Dazu schlägt die Radgenossenschaft der Landstrasse vor, die Angelegenheit in die Kompetenz des Bundes zu geben, damit die Gemeinden den Aufenthalt nicht länger verhindern könnten.

«Ich bin in meinem Leben überall eine Exotin gewesen»

Ursulina Gruber hat es sich nach der Aufarbeitung ihrer jenischen Herkunft zur Aufgabe gemacht, auch anderen Menschen bei dieser Arbeit zu helfen. Sie hat dafür den Verein «Jenisch bleibt Jenisch» gegründet. Ausserdem setzt sie sich dafür ein, dass Fachpersonen in den Behörden und im Gesundheitswesen die Geschichte der Jenischen kennenlernen, damit sie angemessen mit den traumatisierten Menschen umgehen können.

Auf die Frage, ob sie sich als Jenische fühle und von den Jenischen als solche anerkannt werde, ist Ursulina Gruber unsicher. Sie sei in ihrem Leben überall eine Exotin gewesen: in ihrer Pflegefamilie, in der Schule, in der Kirchgemeinde. Auch für einen Teil der Jenischen sei sie eine Exotin.

Veranstaltungshinweis

Podium: Versorgt

Die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen - im Rahmen der Ausstellung «Zehn Leben – Die Geschichte einer Stadt» / Talk mit Musik

1. April, 19:30, Friedhofkapelle Sihlfeld, Zürich

Mehr Infos