Fasten bedeutet verzichten. Wie schwer fällt Ihnen das?
Muris Begovic: Schwer fällt es mir nicht. Der Beginn des Ramadans ist eine Umstellung, an die man sich gewöhnen muss. Aber nach zwei Tagen ist der gewohnte Rhythmus durchbrochen. In der Halbzeit spüre ich meistens ein Tief, und ab dem 20. Tag geht es dann wieder. Es ist wie bei einem Marathon, da denkt man als Aussenstehender auch: Wie können die 42 Kilometer rennen? Aber wer es macht, ist von einer Kraft erfüllt. Es kommt auf die innere Einstellung an.
Ralph Kunz: Verzichten ist immer etwas Freiwilliges. Im Unterschied zu einer Diät, die mir auferlegt wird, oder dem Hunger, den ich erleide, ist das Fasten eine Praktik, so wie das Beten oder Pilgern. Wenn ich auf das gute Essen verzichte, dann mache ich das, weil ich dadurch etwas anderes, nämlich Gebet und Gemeinschaft, intensiver erleben will. Wenn ich fasten will, dann bin ich motiviert. Sonst lasse ich es sein.
Für gläubige Muslime gilt das Fasten als Pflicht. Herr Begovic, Sie haben vermutlich Übung darin.
Begovic: Das Fasten gehört zu den fünf Pfeilern der Ausübung des Islams. In den Familien wird es von klein auf praktiziert. Ich bin dennoch vorsichtig mit dem Begriff der Pflicht. Das Fasten ist ein religiöses Gebot, eine persönliche Verpflichtung, aber nichts, was ich anderen aufzwingen sollte. Es geht auch nicht darum, einfach zu hungern. Das Fasten hat viel mehr Dimensionen.
Zum Beispiel?
Begovic: Die Verbindung mit der Geschichte. Wir Muslim:innen haben das Fasten nicht erfunden, im Judentum und im Christentum gab es dieses Gebot schon. Das Fasten verbinden wir mit dem Prophet Mohammed, aber auch mit den Propheten vor ihm, mit Abraham und mit Moses.
Kunz: Auch die prophetische Kritik am Fasten gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte. Im Buch Jesaja heisst es, beim wahren Fasten denke man auch an den knurrenden Magen der Hungrigen. Das, was du vom Mund absparst, soll denen zugutekommen, die nichts zu essen haben.
Der Ramadan ist unter muslimische Menschen heute viel präsenter als die Fastenzeit bei Christinnen und Christen.
Kunz: Ich bin ein wenig neidisch auf die starke muslimische Tradition des gemeinsamen sozialen Fastens. Bei uns ist die Fastenkritik noch recht präsent. Es gibt die Bereitschaft zu spenden, das ist toll. Aber es ist nicht zwingend verbunden mit der Praxis des Fastens, mit einem siebenwöchigen Verzicht als Vorbereitung auf das Fest der Auferstehung.
Die Fasten-Regeln sind im Christentum auch nicht so klar definiert wie im Islam.
Kunz: Wir haben Erinnerungen an eine überbordende Fastenpraxis, die sich eher an Heilige richtet, so wie Niklaus von der Flüe, der gar nicht mehr ass. Das ist typisch christlich: Entweder man ist hyperreligiös oder man ist es gar nicht. Dann gab es noch die von der Obrigkeit auferlegte Fastenzeit. Einige konnten es sich leisten zu tricksen, andere mussten sich fügen. Dagegen hat sich die Reformation aufgelehnt. In der Folgezeit hat sich das Fasten komplett individualisiert.
Bedauern Sie das?
Kunz: Wenn ich faste, dann in einer Gruppe. Da gibt es die kleinen Rituale, die Gebete, aber auch das gemeinsame Tee trinken oder Bouillon essen. Das ist etwas sehr Intensives und Schönes. Ich denke, beim Ramadan ist das noch stärker, durch das gemeinsame Fasten in der Familie und in der ganzen islamischen Gemeinschaft.
Begovic: Die soziale Dimension spielt eine enorm grosse Rolle. Wenn man nach Hause kommt und überall ist das Ambiente des Fastens spürbar, dann denkt man nicht mehr ans Essen.
Ralph Kunz (61) ist reformierter Pfarrer und Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich. 2024 erschien sein Buch «Fasten. Glauben, der durch den Magen geht» (Evangelische Verlagsanstalt, 189 S.).
zvg
Mit Religion hat Fasten heute häufig nichts mehr zu tun. Es geht um gesunde Nahrung, Abstinenz und Disziplin. Passt das für Sie zum religiösen Fasten?
Begovic: Es ist immer gut, wenn die Menschen sich Grenzen setzen. In der heutigen Zeit, wo alles im Überfluss greifbar ist, ist es wichtig, dass man lernt, zu verzichten. Ich wünsche mir zwar, dass die Beziehung zu Gott dabei im Vordergrund steht. Aber wenn jemand sagt, ich mache das, weil es gesund ist, dann ist es auch gut, dann soll er oder sie es machen.
Kunz: Beim religiösen Fasten geht es nicht darum, den eigenen Körper zu optimieren, es geht um das Öffnen des Selbst für Gott. Ich würde die Motive nicht zu schnell vermischen. Gleichzeitig denke ich, wenn jemand für sich das Fasten als etwas Gesundes entdeckt, dann ist das völlig okay.
Liegt im Fasten eine Chance für den interreligiösen Dialog?
Begovic: Ich sehe da viel Potenzial. Das Fasten und das Fastenbrechen, also das gemeinsame Essen, bieten die Chance, zusammenzukommen. Dabei geht es nicht darum zu fragen, wer gefastet hat und wer nicht. Die gemeinsame Tradition zeigt uns einen Weg, Dinge zu teilen, auch wenn wir nicht der gleichen Überzeugung sind.
Kunz: Die Fastenzeit könnte eine wunderbare Gelegenheit sein, einander als Gäste zu entdecken und das Fremdsein der anderen als einen Schatz zu begreifen. Dass das noch mehr geschieht, davon träume ich.
Muris Begovic (44) ist Imam, Präsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) und Geschäftsleiter der dortigen muslimischen Seelsorge. Er ist der erste muslimische Armeeseelsorger der Schweiz.
zvg
Ramadan
Der Ramadan ist der neunte von 12 Monaten im islamischen Kalender. Er dauert ungefähr 30 Tage. Beginn und Ende richten sich nach der Sichtbarkeit des Mondes, sie variieren daher von Jahr zu Jahr und können auch regional verschieden sein. Alle Muslim:innen sollen während des Ramadans zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang keine Nahrung und keine Getränke zu sich nehmen. Ausnahmen bilden schwangere Frauen sowie ältere, reisende und gesundheitlich beeinträchtigte Menschen.
Fastenzeit
Die Fastenzeit (oder Passionszeit) ist die 40-tägige Vorbereitungszeit - durch Verzicht und innere Ausrichtung des Lebens auf Gott- auf das christliche Osterfest. Sie beginnt am Aschermittwoch und endet vor der Osternacht.