Zürich regional

«Wir sind der Fels in der Brandung»

Oliver Sittel, Notfallseelsorger

Wenn ich nach einem Notfall-Einsatz im Auto nach Hause fahre, weiss ich: es ist im Rahmen des Möglichen gut. Wenn es nicht so wäre, würde ich nicht im Auto sitzen. Wir bleiben so lange vor Ort, bis die Betroffenen stabil sind, wieder denken, fühlen und handeln können. Zuerst sind sie wie gelähmt. Zittern, Herzrasen, Schwindel oder Aktionismus kommen dazu. Sie haben den plötzlichen Tod eines Angehörigen erlebt, nach Herzstillstand, Unfall oder Suizid, seltener wegen eines Tötungsdelikts. Wir betreuen auch Augenzeugen oder nicht verletzte Unfallbeteiligte. Wir sind der Fels in der Brandung, der einfach stillhält und da ist für die Menschen. Wir geben ihnen während der Akutphase Stabilität. Aufgeboten werden wir in vier Einsatzregionen innerhalb des Kantons über die Einsatzleitzentrale von Schutz und Rettung. Wir sind im Kanton Zürich rund 50 Seelsorgende, die an 21 Tagen von 6 Uhr früh an 24 Stunden Pikettdienst haben. Wir könnten gut noch mehr Notfallseelsorgende brauchen, der Dienst ist sehr gefragt. Dazu wird man gut ausgebildet mit Kursen und Praktika bei Blaulichtorganisationen. Vor Ort bin ich hoch konzentriert. Wenn ich heimfahre, kann ich die Situation ganz hinter mir lassen. Ausser einmal: Ich war acht Stunden mit den Eltern eines Kindes, das von einem Lastwagen überfahren worden war. Als ich nach Hause kam, sah meine Frau sofort, dass es ein schwerer Einsatz war. Sie nahm mich in den Arm und ich weinte bitterlich. Ansonsten arbeite ich als Seelsorger in einer Pfarrei. In meiner Freizeit bin ich zufällig zum Schweizergarde-Fotografen geworden. Und wenn ich besonders Ruhe geniessen möchte, fahre ich mit meinem Landrover-Camper in die Natur.